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Pandaemonium Germanicum

On-line version ISSN 1982-8837

Pandaemonium ger. (Online)  no.17 São Paulo  2011

http://dx.doi.org/10.1590/S1982-88372011000100001 

GELEITWORT

 

Deutsche Theoriebeiträge zur Literatur- und Sprachwissenschaft in Brasilien (II)

 

 

Wie man vermuten konnte, war und ist der Beitrag deutschsprachiger Theorie zur Literaturwissenschaft in Brasilien so umfangreich, dass es nötig war, eine zweite Nummer des Pandaemonium zum Thema zu reservieren. Und da das Thema Kultur nicht fehlen darf, wenn es um die Beziehungen zwischen Brasilien und den deutsch­sprachigen Ländern geht, stellt die 17. Ausgabe der Zeitschrift diverse Reflexionen zur Literatur und Kultur, zur Geschichte und zum Gedächtnis vor; einige dieser Arbeiten haben eine direkten Brasilienbezug, andere wurden von brasilianischen Wissenschaft­lern zu kulturhistorischen Phänomenen der deutschsprachigen Länder verfasst.

Diese Ausgabe beginnt mit einer dezidiert theoretischen Diskussion von Suzana Vasconcelos de MELO zum Thema Entfremdung / Fremdheit als zwei kulturellen Paradigmen des Abendlands. Die Autorin stellt die These auf, dass das Modell der Entfremdung mit einem starken Begriff von Subjektivität und Identität verknüpft sei, der typisch ist für die Moderne, während Fremdheit im semantischen Feld des Anderen, charakteristisch sei für die sogenannte Postmoderne. MELO bezieht sich zunächst Rahel JAEGGIS Arbeit zur Entfremdung und setzt dann dagegen wichtige Elemente der Theorie der Fremdheit von WALDENFELS. Sie beschließt ihre Argumen­tation mit Überlegungen zu den Beziehungen zwischen den beiden untersuchten Begriffen und der Literatur.

Von MELO zitierte Denker der sogenannten Postmoderne wie WALDENFELS werden auch von Claudia S. DORNBUSCH in ihrem Artikel 1989 e as consequências: as representações da ausência no cinema pós-muro [1989 und die Konsequenzen: die Darstellung der Abwesenheit im Nach-Wende-Film] aufgegriffen. Der Text ist Teil einer gemeinsam mit Rolf G. RENNER unternommenen Studie (dessen Arbeit schon in Nr. 16 (2010.2) von Pandaemonium germanicum publiziert wurde) und konstatiert, dass nach dem Berliner Mauerfall in der Literatur, dem Film und den bildenden Künsten verschiedentlich Figuren auftauchen, die durch Kommunikationlosigkeit und Isolation, durch Suche und Orientierungslosigkeit gekennzeichnet sind. Anhand von drei Filmen – Nachmittag, Nichts als Gespenster und Halbe Treppe – zeigt DORNBUSCH, dass die Abwesenheit – von der Autorin mit Hilfe der Theorien von LEHMAN/WEIBEL, WALDENFELS und CHION untersucht – sich in der Filmerzählung über die Konfiguration von Räumen manifestiert.

Um die jüngste deutsche Geschichte, beobachtet aus der Perspektive der DDR, geht es auch im Text von Rosani UMBACH: As configurações da história e da memória em Was bleibt e Leibhaftig [Die Konfiguration von Geschichte und Erinnerung in Was bleibt und Leibhaftig]. Ausgehend von Aleida ASSMANNS Überlegungen zum kulturellen Gedächtnis diskutiert Umbach die autobio­graphischen Texte auf der Grenze zwischen Literatur und Geschichte und hebt den ambi­­va­len­ten Charakter hervor, mit dem vergangene Ereignisse fixiert oder aufge­zeichnet werden wollen. UMBACH zufolge sind sowohl Was bleibt als auch Leibhaftig Beiträge zur Gedächtniskultur, da sie von Repressions- und Gewalterfahrungen in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik handeln.

Marcos Fabio Campos da ROCHA hingegen stützt sich auf die Rezeptionstheorie im Sinne Hans-Robert JAUSS' und die Theorie des kommunikativen Handelns von Jürgen HABERMAS, um die sogenannte Vergangenheitsbewältigungsliteratur zu unter­suchen. In seinem Text A literatura rumo à Modernidade - via Konstanz e Frankfurt [Literatur auf dem Weg zur Moderne – via Konstanz und Frankfurt] unternimmt ROCHA eine allgemeine Darstellung der beiden Theorien und fragt nach deren Aktualität und Angemessenheit bei der Interpretation von Texten, in denen die Verantwortung der Deutschen im Nationalsozialismus zur Sprache kommt.

Die Widerkehr dieser Vergangenheit ereignet sich auch in der österreichischen Literatur, die in dieser Ausgabe mit Artikeln über Elfriede Jelinek von Luis S. KRAUSZ und über das Essaywerk von Robert Musil von érica Gonçalves de CASTRO vertreten ist. In A Arte da Infelicidade: A Pianista, de Elfriede Jelinek, entre tradição e mass-media [Die Kunst, unglücklich zu sein: Die Klavierspielerin von Elfriede Jelinek zwischen Tradition und Massenmedien] analysiert KRAUSZ die Beziehungen zwischen den Hauptpersonen als eine Form von Revision der österreichischen Geschichte. KRAUSZ zufolge kritisiert der Roman nicht nur den Versuch eines Teils der Schriftsteller und Intellektuellen, nach dem Zweiten Weltkrieg eine Kontinuität der kulturellen Tradition Österreichs herzustellen, sondern auch die Massenkultur, die sich vor allem in den letzten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts durchgesetzt habe.

Lange vor Jelineks Text entstanden die Essays von Robert Musil, in denen nach einer Alternative zum kulturellen Zusammenbruch der ersten Hälfte des 20. Jahrhun­derts gesucht wird. In ihrem Artikel Sobre o ensaísmo de Robert Musil [Über das Essaywerk von Robert Musil] kommt érica Gonçalves de CASTRO zu dem Schluss, dass Musil, obwohl er direkt in den Untergang einer Welt und ihrer Gewissheiten einbezogen ist, nicht das Beängstigende des unmöglich Gewordenen darstellt, sondern stattdessen in der Mischform des Essays auf romanhafte Weise den positiven Ressourcen vertraut, welche die Literatur dem menschlichen Geist eröffnet.

Die in den bisher erwähnten Artikeln zum Teil thematisierte kulturelle Sphäre wird in dem Artikel Imbricações entre Goethe e Kant: Arte, Natureza e Sublime [Überschneidungen von Goethe und Kant: Kunst, Natur und das Erhabene] von Mirella GUIDOTTI behandelt. Die Idee des organischen, direkt mit der Natur verbundenen Kunstwerks, das Vertrauen in den Wert der subjektiven Vernunft, die Wahrnehmung des Erhabenen – die sämtlich sowohl bei Kant wie auch bei Goethe auftauchen – sind, wie GUIDOTTI ausführt, Vorstellungen, die in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts auf den Prüfstand gestellt wurden.

Im Anschluss an den Artikel von Pedro Dolabela CHAGAS lässt sich jedoch sagen, dass die Kritik die Ideen vergangener Epochen nicht nur in Frage stellt, sondern sie vor allem auch zu historisieren versucht. In seinem Artikel Desde 1970: contribuição alemã à historicização do presente [Seit 1970: der deutsche Beitrag zur Historisierung der Gegenwart] vergleicht Chagas diverse Autoren (KOSELLECK, KITTLER, ISER, LUHMANN, BERGHAHN, SCHULTE-SASSE, BREDEKAMP, FONTIUS, BÜR­GER, BELTING) um zu zeigen, dass sie trotz aller Unterschiede die Anstrengung teilen, jene Begriffe kritisch zu revidieren, die zur Grundlage der modernen Konzeption von Kunst wurden.

Eine zweite Gruppe von Artikeln behandelt auf noch explizitere Weise die in der Literatur präsenten kulturellen Fragen: Beziehungen zwischen Nationen, Völkern oder Gruppen; die Frage der sogenannten "Regionalliteraturen" und ihre theoretische Grundlage; die möglichen Beziehungen zwischen der deutschen und den lateinameri­kanischen Literaturen; der Vergleich der Kompositionsweisen Richard Wagners und Guimarães Rosas.

Celeste Ribeiro de SOUSA, eine Hauptvertreterin der Imago­logie in Brasilien – nach der Definition der Autorin die "Erforschung der mittels Literatur verbreiteten Selbst- und Fremdbilder von Völkern und Gruppen" – präsentiert ein historisches Spektrum der Studien in diesem Bereich, unter besonderer Berücksichtigung des Werks von Hugo DYSERINCK (Universität Aachen) in den siebziger Jahren. Sie gibt auch einen kurzen Abriss der gegenwärtigen Sekundärliteratur zum Thema, geht auf die Beziehungen zur Komparatistik ein und analysiert die Beiträge der Imagologie zu den literaturwissenschaftlichen Studien in Brasilien und über Brasilien, wobei sie auf die Brasilienbilder in Texten von Marie Luise Kaschnitz, Ulrich Becher und Uwe Timm eingeht.

Unter einem anderen Blickwinkel werden die von der Literatur hergestellten Kulturbeziehungen von dem Artikel Confluências da América e da Europa na hibridez de Rede des toten Kolumbus am Tag des Jüngsten Gerichts (1992), de Hans Christoph Buch [Verschmelzungen von Amerika und Europa in der Hybridität der Rede des toten Kolumbus am Tag des Jüngsten Gerichts (1992) von Hans Christoph Buch] untersucht. In diesem Beitrag analysieren Gilmei Francisco FLECK e Thomas WÜRMLI Buchs Roman als "hybriden" Text, in dem sich sowohl Einflüsse des deutschen Literatur­kanons als auch lateinamerikanischer Schriften des 20. Jahrhunderts finden – letztere vor allem im Zusammenhang mit der Revision, Parodie und Kritik von Geschichte.

João Claudio ARENDT hingegen diskutiert Contribuições alemãs para o estudo das literaturas regionais [Deutsche Beiträge zum Studium der Regionalliteraturen], um die Kriterien zu überdenken, welche die Kennzeichnung eines bestimmten Textes als regional, regionalistisch, überregional, universal etc. zu leiten. Der Autor zieht Argumente von SCHEICHL, STÜBEN und GRYNWATSCH heran und bemerkt, dass sowohl die Produktions- und Publikationsbedingungen des literarischen Textes als auch die Rezeption durch das Lesepublikum bzw. die Kritiker einer bestimmten Region eine wichtige Rolle bei der Definition und der Wirkung dessen spielen, was als Regional­literatur bezeichnet.

Das Werk von Guimarães Rosa, im Zusammenhang mit der Regionalliteratur häufig als Beispiel herangezogen, ist Thema der Arbeit von Ivan Cláudio Pereira SIQUEIRA, mit der die Literatursektion schließt. In seiner Untersuchung Legado da cultura alemã na literatura de Guimarães Rosa [Das Vermächtnis der deutschen Kultur in der Literatur von Guimarães Rosa] behandelt der Autor einige der Beziehungen, die zwischen deutscher Philosophie und Musik und den Texten des brasiliansichen Schriftstellers hergestellt werden können, wobei er insbesondere die künstlerischen Kompositionsweisen bei Wagner und Rosa vergleicht.

In der Sektion Linguistik setzen Cibele Cecilio de Faria ROZENFELD und Nelson VIANA die Überlegungen zur Begegnung der Kulturen fort. In dem Artikel O desestranha­mento em relação ao alemão na aprendizagem do idioma: um processo de aproximação ao "outro" sob a perspectiva da competência intercultural [Aufhebung des Fremdheitsgefühls gegenüber dem Deutschen beim Erwerb der Sprache: ein Annäherungsprozess an den „Anderen" unter interkultureller Perspektive] gehen die Autoren von den Begriffen des Anderen und des Eigenen aus, untersuchen die Vorstellungen brasilianischer Lerner von der deutschen Sprache und befürworten die Ent­wicklung einer interkulturellen Kompetenz als einem wichtigen Faktor zur An­näherung an die Zielkultur und zum Erlernen der Fremdsprache.

Wir schließen das Geleitwort zu dieser Ausgabe mit einer sehr erfreulichen Nachricht für unsere Leser und Beiträger: Pandaemonium germanicum wird in die Sammlung SciELO Brasil (Scientific Electronic Library Online) aufgenommen, eines der wichtigsten internationalen Instrumente zur Verbreitung wissenschaftlicher Produktion in elektronischer Form. Die Aufnahme in die Sammlung SciELO erforderte eine Reihe von kleineren formalen Änderungen, die in dieser und den letzten Nummern der Zeitschrift zu sehen sind.

Dieser Erfolg kann auf eine lange Geschichte zurückblicken: sie beginnt mit der Arbeit von Hardarik Blühdorn – dem Mentor dieses Abenteuers! – João Azenha Júnior, Masa Nomura, Selma Meireles und weiteren Dozenten der Deutschabteilung der FFLCH/USP, die 1997 die Gründung von Pandaemonium germanicum beschlossen und die erste Ausgabe der Zeitschrift zusammengestellt haben. Die Geschichte wird fortgesetzt durch Eva Glenk und Ulrich Beil, die 2001 dem Projekt eine neue graphische Gestalt gaben; sie geht weiter mit der Arbeit von Helmut Galle, Maria Helena Battaglia, Eliana Fischer, Selma Meireles und Eva Glenk, durch die das Periodikum in den folgenden Jahren zur Einstufung „Nacional A" durch die CAPES geführt wurde; den vorläufigen Abschluss bilden Eloá Heise, Eva Glenk und Masa Nomura, die 2007 den Übergang ins digitale Medium durchführten und darauf hinarbeiteten, dass Pandaemonium 2009 das Prädikat A1 der CAPES erhielt.

Es ist den Herausgebern des gegenwärtigen Teams eine Ehre, mit Eloá Heise und Masa Nomura zusammenzuarbeiten, die weiterhin rastlos für die Zeitschrift tätig sind. Gemeinsam werden wir versuchen, den gewohnten Arbeitsrhythmus beizube­halten, und sprechen hiermit allen, deren Arbeit die Zeitschrift zu dem gemacht hat, was sie heute ist, an allererster Stelle unseren herzlichsten Dank aus.

Aber unser ganz besonderer Dank richtet sich auch an unsere Beiträger, die mit Hilfe des Pandaemonium die Ergebnisse ihrer Untersuchungen und Überlegungen miteinander kommunizieren können, an unsere Gutachter, deren Strenge und Sach­kenntnis uns geholfen haben, dieses Niveau zu erreichen, und schließlich an unsere Leser, ohne die die Zeitschrift ihre Existenzberechtigung verlieren würde. Noch einmal, im Namen des gesamten Teams und der Deutschabteilung der USP: Muito obrigada!

 

Juliana P. Perez, den 12. Juni 2011

[Übers. Helmut Galle]