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Pandaemonium Germanicum

On-line version ISSN 1982-8837

Pandaemonium ger.  no.18 São Paulo Dec. 2011

http://dx.doi.org/10.1590/S1982-88372011000200001 

Geleitwort

 

 

2011 jährt sich der tragische Tod Heinrich von Kleists (1777-1811) zum zweihundertsten Mal. In Deutschland wurde des Jubiläums mit Veranstaltungen, Inszenierungen und neuen Publikationen gedacht; sogar das Grab des Autors am Ufer des Kleinen Wannsee in Berlin wurde zu diesem Anlass restauriert. In verschiedenen brasilianischen Städten wurden mit Unterstützung der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft und des Internationalen Literaturfestivals Berlin Lesungen seiner Stücke durchgeführt. An der Universität São Paulo (USP) wurden dem Autor zwei Sektionen der deutschen Literaturwoche 2011 (Jornada de Literatura Alemã de 2011) gewidmet. In brasilianischen Hochschulkreisen hat das Interesse an Kleist offensichtlich zugenommen, zur Illustration seien einige Beispiele genannt: verschiedene laufende oder bereits abgeschlossene Untersuchungen (vgl. Castro 2006; 2008); eine neue, 2007 veröffentlichte brasilianische Übersetzung der Novelle Das Erdbeben in Chili (vgl. Kleist, 2007); ein Sonderheft der Zeitschrift Floema (Jahrgang 4, Nr. 4 2008); Vorträge von Hans Ulrich Gumbrecht und die Übersetzung eines Essays von Kleist. In der Pandaemonium Germanicum wurde 2007 anlässlich des 230. Geburtstags des Schriftstellers eine Ausgabe mit drei Beiträgen über seine Werke herausgegeben. In der zweiten Ausgabe 2011 erscheint nun ein Kleist-Themenschwerpunkt mit drei Texten, die sich mit seinen Werken befassen.

Kathrin Rosenfield leitet diesen Themenschwerpunkt mit dem Aufsatz über As ironias caleidoscópicas de Kleist em O noivado de Santo Domingo [Die kaleidoskopischen Ironien Kleists in Die Verlobung in St. Domingo], der letzten Novelle des Autors, ein. Rosenfield vertritt die Ansicht, dass sich die Novelle mit ihrem Plot einer tragischen Liebe mit den sozialen Diskursen des frühen 19. Jahrhunderts auseinandersetzt. Die Erzählung „deckt die Konflikte und Widersprüche der damaligen freiheitsstrebenden Diskurse auf (indem die Widersprüche der rassistischen Diskurse unterstrichen werden) und […] offenbart die Fassungslosigkeit und die quälenden Zweifel, die den Autor heimsuchen [...] (durch selbstironische Anspielungen)“, so Rosenfield.

Es folgt ein kürzerer Beitrag von Ulrich Beil, Elektrische Schrift. Eine Anmerkung zur Medialität in Kleists Anekdote Der Griffel Gottes. Darin analysiert er die Anekdote Der Griffel Gottes, in der ein Blitz eine neue Inschrift in einen Grabstein „eingraviert“, und geht insbesondere auf die Aspekte des Textes ein, aus denen sich Reflexionen über Medialität ableiten lassen. Aber Kleist selbst wird zum Medium und mutiert in einem Text von Robert Walser, der im Artikel Sobre um retrato vivo de Kleist [Über ein lebendiges Abbild von Kleist] von Douglas Pompeu besprochen wird, zu einer literarischen Figur. Der Autor des Beitrags interpretiert die Fiktionalisierung von Kleist als Aktualisierung und Versuch eines Dialogs mit der literarischen Tradition.

Der zweite Abschnitt der Sektion Literatur/Kultur beginnt mit einem Aufsatz von Martín Baigorria über Walter Benjamins ersten Aufsatz über einen Schriftsteller, der genauso schwer einzustufen ist wie Kleist: Hölderlin (1770-1843). In seinem Beitrag La balanza y los platillos. Hölderlin, Benjamin y la escena de la Historia [Die Waage und die Schalen. Hölderlin, Benjamin und die Geschichtsszene] stellt Baigorria die Rezeption Hölderlins am Anfang des 20. Jahrhunderts und das Interesse des jungen Benjamin für die Person und das Werk Hölderlins in einem größeren geschichtlichen Zusammenhang dar.

Aber auch eine weitere zentrale Figur der deutschen Literatur ist ein Thema dieser Ausgabe: Faust. Die Geschichte der verschiedenen Ausprägungen dieser Figur sowie der Übergang vom Kasperltheater hin zur Literatur ist das Thema des Beitrags von Pedro Heliodoro Tavares Fausto como teatro de animação: suas origens sacro-profanas e influências sobre a tradição literária [Faust als Kasperltheater: seine religiös-weltlichen Ursprünge und Einflüsse auf die literarische Tradition].

Die Sektion Literatur/Kultur birgt außerdem zwei Aufsätze, in denen die Interdisziplinarität, die sich immer deutlicher als Schnittstelle der verschiedenen Wissensbereiche kristallisiert, im Vordergrund steht. In História da arquitetura ou arquiteturas da história: uma leitura de Austerlitz, de W. G. Sebald [Geschichte der Architektur oder Architekturen der Geschichte: eine Interpretation von Austerlitz, von W. G. Sebald] untersucht Vinícius Carvalho Pereira die Bedeutung der Architektur in Sebalds Roman. Seiner Auslegung nach wird in der Erzählung versucht, in der Architektur Hinweise auf das Ereignis, das sich als eins der größten Massenmorde des 20. Jahrhunderts herausstellen wird, die Shoah, zu erkennen.

Maria Aparecida Barbosa stellt in ihrem Aufsatz Carl Einstein interdisciplinar: sobre ‘Escultura Negra’ [Interdisziplinärer Carl Einstein: über die Negerplastik] das Werk des Schriftstellers, Kunstkritikers und einflussreichen Denkers Carl Einstein (1885-1940) vor. Sein Buch „Negerplastik“ wurde erst vor kurzem in Brasilien übersetzt.

Ab dieser Ausgabe Nr. 18 der Pandaemonium Germanicum wird es je nach Verfügbarkeit eine Sektion mit Interviews geben. Wir werden versuchen, Interviews mit Persönlichkeiten zu führen, die wichtige Beiträge im Bereich der deutschen Geschichte und Kultur leisten oder geleistet haben oder die aktiv am Austausch mit der deutschen Kultur in Brasilien beteiligt sind. In diesem Sinne wurde in der vorliegenden Ausgabe ein Interview mit Simone Neteler, Wie Walter Kempowskis Echolot entstand, aufgenommen. Die Fragen stellte Valéria Sabrina Pereira. Neteler war eine der wichtigsten Mitarbeiterinnen Walter Kempowskis und hat an seinem kollektiven Tagebuch mitgewirkt, welches anhand von Zeitdokumenten zusammengestellt wurde und einen vielseitigen Überblick über den zweiten Weltkrieg bietet.

Die Sektion Sprache/Sprachwissenschaft enthält fünf Beiträge zu unterschiedlichen Themen. Der erste ist eine originelle und kreative Untersuchung von Raoni Naraoka de Caldas (Estudo linguístico comparativo sobre onomatopeias em histórias em quadrinhos: português/alemão [Vergleichende sprachwissenschaftliche Untersuchung über Onomatopoetika in Comics: portugiesisch/deutsch]), in der Onomatopoetika und Interjektionen auf Portugiesisch und Deutsch in der Comicsprache gegenübergestellt werden. Anhand der Nachahmung der Klänge und ihrer grafischen Darstellung in der den Comics eigenen Sprache wird die expressive Funktion der mündlichen Sprache festgemacht, die direkt mit der sprachlich-pragmatischen Kompetenz des Sprechers in seiner Ausgangskultur zusammenhängt. 

Zwei andere Untersuchungen beschäftigen sich mit der Lehre von Deutsch als Fremdsprache im brasilianischen Kontext der Sprachlehre und des Spracherwerbs von Fremdsprachen/Fremdkulturen. Der Schwerpunkt der vergleichenden Untersuchung von Mergenfel Vaz Ferreira (Olhares brasileiros e alemães: Um estudo da percepção, interculturalidade e ensino de Línguas/Culturas Estrangeiras [Brasilianische und deutsche Perspektiven: eine Untersuchung der Wahrnehmung, Interkulturalität und Lehre von Fremdsprachen/Fremdkulturen]) ist die interkulturelle Dimension im Lernprozess der Fremdsprache/Fremdkultur. Anhand des Umgangs von Lesern mit multimodalen Texten und illustriert durch die Analyse und Interpretation von Werbeanzeigen durch deutsche Lerner von Portugiesisch als Fremdsprache und brasilianische Lerner von Deutsch als Fremdsprache, zeigt die Autorin, dass es möglich ist, Unterschiede in der Wahrnehmung eines selben Phänomens als Ergebnis der unterschiedlichen Wahrnehmung jeder Kultur festzustellen.

Ebenfalls im Bereich der Lehre/des Erwerbs von Fremdsprachen/Fremdkulturen angesiedelt, handelt der nächste Aufsatz von IT-Werkzeugen, die sich als wertvolle Verbündete bei der Erstausbildung von Deutschlehrern und der Entwicklung des kritischen Denkens der angehenden Lehrer entpuppt haben. Die Autorinnen des Beitrags O ambiente virtual na formação inicial de professores de alemão como apoio para o ensino e a aprendizagem da língua e a reflexão sobre ações docentes [Die virtuelle Umgebung bei der Erstausbildung von Deutschlehrern als Grundlage von Sprachlehre und -erwerb und die Reflexion über das Handeln des Lehrers], Cibele de Faria Rozenfeld und Maria Cristina Reckziegel Guedes Evangelista, besprechen die Lernmöglichkeiten, die die Moodle-Plattform in der Erstausbildung von Deutschlehrern bietet, und die unterschiedlichen Nutzungsmöglichkeiten virtueller Umgebungen, wie z.B. Online-Foren, und die Nutzung der Plattform in verschiedenen didaktischen Projekten.

Im Bereich der Soziolinguistik setzen sich zwei Beiträge mit dem Sprachkontakt Portugiesisch/Deutsch im Zusammenhang mit den von verschiedenen deutschen Einwanderergruppen im 19. Jahrhundert in Brasilien eingeführten dialektalen Varietäten auseinander. Diese blieben in den deutsch geprägten Gemeinden als Alltagssprache erhalten und werden bis heute in Gegenden, die von den Einwanderern besiedelt wurden, gesprochen. Wegen des Kontakts mit dem gesprochenen Portugiesisch fand jedoch eine sprachliche Kontamination auf verschiedenen Ebenen statt, wie Entlehnungen, Mischformen und häufiges Code Switching. In diesem Zusammenhang steht der Beitrag von Angelika Gärtner (Der schnodert em alemão – Beispiele portugiesischer Entlehnungen und deutsch-portugiesischer Sprachmischungen aus Südbrasilien (São Bento do Sul, SC)), der sich mit dem Sprachkontakt zwischen dem brasilianischen Portugiesisch und dem von deutschen Einwanderern in einer kleinen Stadt im Süden Brasiliens gesprochenen Deutsch befasst.

Im Aufsatz von Beate Höhmann und Mônica Maria Guimarães Savedra (Das Pommerische in Espírito Santo: Ergebnisse und Perspektiven einer soziolinguistischen Studie) wird auf Aspekte des Spracherhalts und der Sprachpflege des Pommerischen, das von Nachfahren deutscher Einwanderer im Bundesstaat Espírito Santo im Südosten Brasiliens bis heute gesprochen wird, eingegangen. Aufgrund von soziodemografischen Erhebungen der untersuchten Sprachgemeinschaft werden quantitative Ergebnisse über die Sprachpräferenzen und die Weitergabe der Sprache an die folgenden Generationen vorgestellt, die im Rahmen eines Projekts zur Einführung des Pommerisch-Unterrichts an staatlichen Schulen ermittelt wurden, das die Förderung, die Standardisierung und den Erhalt der Minderheitensprachen zum Ziel hat.

Wir freuen uns, mit der vorliegenden Ausgabe bereits unsere zweite Veröffentlichung im Rahmen der Sammlung SciELO Brasil (Scientific Electronic Library Online) zu präsentieren. Unseren Autoren, Gutachtern und Korrektoren sei hiermit sehr herzlich gedankt. Wir hoffen, dass unsere Leser die Beiträge auf den über 300 Seiten dieser neuen Pandaemonium Germanicum positiv aufnehmen werden.

 

São Paulo, 15. Dezember 2011
Eloá Heise, Juliana P. Perez, Masa Nomura
[Übers. Tinka Reichmann]