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Pandaemonium Germanicum

On-line version ISSN 1982-8837

Pandaemonium ger.  no.18 São Paulo Dec. 2011

http://dx.doi.org/10.1590/S1982-88372011000200013 

LÍNGUA/LINGUÍSTICA

 

"Der schnodert em alemão” – Beispiele portugiesischer Entlehnungen und deutsch-portugiesischer Sprachmischungen aus Südbrasilien (São Bento do Sul, SC)

 

"Der schnodert in German” – examples of loan word and linguistic mixtures of German and Brazilian Portuguese in the South of Brazil (São Bento do Sul, Santa Catarina State)

 

 

Angelika Gärtner

Professorin für Germanistische Linguistik, wissenschaftliche Angestellte im Sprachzentrum der Universität Stuttgart. Email: gaertner@sz.uni-stuttgart.de 

 

 


ABSTRACT

The article focuses on loan words, language mixtures and the continuous code switching specifically of residents of German origin from São Bento do Sul, Federal State of Santa Catarina. It deals with loan words of Portuguese lexemes such as interjections, formulaic expressions, negations, subjunctions/conjunctions and some special cases of Portuguese constructions. Using various segments of spoken language and short analyses the special forms of German-Brazilian language contact are presented in exemplary form.

Keywords: Loan words; language mixture; code switching; special forms of German-Brazilian Portuguese language contact.


ZUSAMMENFASSUNG

Der Artikel thematisiert Entlehnungen, Sprachmischungen und den Umgang mit kontinuierlichem Sprachwechsel deutschstämmiger Bewohnerinnen und Bewohner aus São Bento do Sul, Bundesstaat Santa Catarina. Es geht hierbei sowohl um Entlehnungen einzelner portugiesischer Lexeme wie Interjektionen, formelhafte Ausdrücke, Negierungen, Subjunktionen/Konjunktionen und einige ‚Sonderfälle als auch um Übernahmen portugiesischer Konstruktionen. Anhand verschiedener Ge­sprächsausschnitte und Kurzanalysen werden in exemplarischer Form die spezifischen Formen des deutsch-brasilianischen Sprachkontakts vorgestellt.

Stichwörter: Entlehnungen; Sprachmischungen; code switching; spezifische Formen des deutsch-brasilianischen Sprachkontakts.


RESUMO

O artigo tematiza empréstimos, mistura e troca contínua de código linguístico (code switching) no uso diário por descendentes de alemães de São Bento do Sul, Estado de Santa Catarina. Trata-se aqui não só de empréstimos de alguns lexemas em português, como interjeições, expressões formulaicas, negações, subjunções/conjunções e de alguns ‘casos especiais’, como também de assimilação de formulações inteiras em português brasileiro. Com base em excertos de diálogos e análises curtas são apresentadas, em amostras exemplares, formas específicas do contato linguístico teuto-brasileiro.

Palavras-chave: Empréstimos; mistura de línguas; code switching; formas específicas de contato linguístico alemão-português brasileiro. 


 

 

1 Einleitung

Die Südregion Brasiliens hat mit den drei Bundesstaaten Paraná, Santa Catarina und Rio Grande do Sul den größten Anteil deutschstämmiger Einwohner und Einwohnerinnen Brasiliens, deren Vorfahren ab Beginn des 19. Jahrhunderts aus deutschsprachigen Gebieten mit unterschiedlichen Dialekten in Brasilien eingewandert sind.[1] Während beispielsweise in Rio Grande do Sul, dem südlichsten Bundesstaat, das so genannte ‚Hunsrückisch’, eine rhein-/moselfränkische Dialektvarietät, neben der portugiesischen Landessprache noch in vielen Kleinstädten und Dörfern auf dem Land vorherrscht, finden sich im benachbarten Santa Catarina u.a. auch bairisch-öster­reichische Dialekte wie beispielsweise in der Kleinstadt São Bento do Sul.[2] Eine Vielzahl der Bewohner und Bewohnerinnen von São Bento do Sul sind deutscher Herkunft und sprechen außer Portugiesisch noch – mehr oder weniger intensiv – Deutsch in Form von Dialektvarietäten. Aufgrund dieser sprachlichen Kontaktsituation ist eine zweisprachige Kompetenz (portugiesisch und deutsch) vorhanden, wodurch es in vielen Gesprächssituationen zu Sprachwechseln und Sprachmischungen kommt. Hierbei treten Transferenzen von einer in die andere Sprache auf, da vor allem das Portugiesische im Laufe der Zeit das Deutsche stark beeinflusst hat, mit der Konsequenz, dass in den Äußerungen der deutschstämmigen Brasilianer und Brasilianerinnen sowohl im Bereich des Wortschatzes und der Wortbildung als auch der grammatisch-syntaktischen Strukturen portugiesische Entlehnungen zu erkennen sind.[3]

Das diesem Aufsatz zugrunde liegende Sprachmaterial[4] an Gesprächsausschnitten entstammt Interviews mit deutschstämmigen Familien und gehört zu insgesamt 142 Interviews, die im Rahmen des Projektes „Deutsch und Deutsche in São Bento do Sul 1873 – 2003" von Prof. Bernd Naumann und seinem Team im September 2002 und März 2004 aufgenommen wurden. Das Projekt bildet einen Teilbereich des interdisziplinären Forschungsprojektes „Babitonga 2000" der Universität Erlangen-Nürnberg (zu den Intentionen des Projektes, siehe Naumann (2004)).

Nachfolgend sollen aus der Vielzahl der im Sprachmaterial von deutschstämmigen Bewohnern und Bewohnerinnen aus São Bento do Sul vorkommenden Entlehnungen aus dem Portugiesischen und den daraus resultierenden Sprachmischungen exemplarisch einige Fälle in ausgewählten Gesprächsausschnitten (Kap. 2) vorgestellt werden:

  • Entlehnungen einzelner portugiesischer Ausdrücke;
  • besondere Fälle von Entlehnungen und Sprachmischungen;
  • Übernahmen bzw. Lehnübersetzungen portugiesischer Konstruktionen.

 

2 Analyse ausgewählter Gesprächsausschnitte

Wie schon in einem untersuchten Corpus von Sprechern und Sprecherinnen aus Rio Grande do Sul bezüglich der Dialektvarietät des Hunsrückischen (vgl. Gärtner/da Cunha 1998:27ff.)[5] finden sich bestimmte Formen von Entlehnungen ebenso im Sprachmaterial aus São Bento do Sul, die hauptsächlich bestehen aus: - einzelnen portugiesischen Lexemen; - wortinternen Sprachmischungen, die sich z.B. bei Substantiven und Verben besonders durch die Verwendung des ersten Wortteils (meist des Stammes) in Portugiesisch und durch die Anfügung (oder Eliminierung) des zweiten Wortteils (Flexions- oder Derivationsmorphem) in Deutsch zeigen;[6] - kürzeren oder längeren Phrasen in Portugiesisch; - zusammenhängenden Äußerungen (in Satz- oder satzähnlicher Form) in Portugiesisch.

Das nachfolgende Äußerungsbeispiel soll einführend zeigen, in welcher Häufigkeit in einem relativ kurzen Gesprächsausschnitt in deutscher Sprache mehrere Typen portugiesischer Entlehnungen verwendet werden (Zahlenangaben, Nennung des Familienstands, Negierung, Kon­junktion), und es dadurch immer wieder zu kurzfristigen Sprachwechseln kommt.

 

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Die Sprecherin LB stellt zu Beginn des Interviews die Fakten ihrer Biografie dar: Sie hat mit fünfzehn bzw. sechzehn Jahren geheiratet, nach fünf Jahren Ehe und mit einundzwanzig war sie schon Witwe mit zwei Kindern. Die Zahlen benennt sie zunächst in Portugiesisch (quinze, vintsche e um, dezessei"s), wobei sie zwei Mal auch das Substantiv anos ‚Jahre’ – wahrscheinlich aus Kohärenzgründen – in Portugiesisch anschließt: quinze anos, dezessei"s anos. Dass LB über eine zweisprachige Kompetenz im Bereich der Numeralia verfügt, zeigen ihre Nennungen auch in Deutsch: die Dauer ihrer Ehe (finf Johr), die Altersangabe für ihre Witwenschaft (anezwanz) und die Anzahl ihrer Kinder (zwo). Das Einsetzen der Zahlen zunächst in Portugiesisch ist möglicherweise auf die hohe Frequenz ihrer Verwendung im alltäglichen Leben und brasilianischen Umfeld zurückzuführen. Zur Angabe ihres persönlichen Familienstandes gebraucht LB ausschließlich den Ausdruck viúva in Portugiesisch. Die Ursache hierfür könnte u.a. darin liegen, dass der deutsche Begriff ‚Witwe’ im sprachlichen Wissen nicht verankert oder im Moment des Sprechens zumindest nicht gegenwärtig ist. Bei der Negierung não dagegen, die drei Mal responsiv verwendet wird, ist davon auszugehen, dass die deutsche Entsprechung zwar bekannt ist, aber dennoch die portugiesische vorgezogen wird. Die Gründe hierfür können vielschichtig sein, da bei fast allen Sprechern und Sprecherinnen im Material bei responsiver Funktion eher não als ‚nein’ auftritt (s.u.).[7]

Eine weitere Entlehnung im Gesprächsausschnitt ist die Konjunktion mas als Einleitung einer begründenden Antwort auf den Kommentar des Interviewers (INT). Hier geht es syntaktisch um den Beginn eines koordinierenden Nebensatzes und inhaltlich um ein emotionales Thema. LB verleiht durch den Sprachwechsel an dieser Stelle ihrer Meinungsbekundung stärkeren Nachdruck – sprachlich und prosodisch weiter verstärkt durch die doppelte Negierung (ko und nit) und das punktuell langsame und akzentuierte Sprechtempo.  

 Es wird in diesem Ausschnitt erkennbar, dass portugiesische Entlehnungen sowohl verschiedene Wortarten als auch Ausdrücke mit unterschiedlichen Funktionen wie reine Symbolfeldausdrücke, Ausdrücke aus dem Operationsfeld oder Lenkfeld z.B. zur Gesprächssteuerung repräsentieren. Der Sprachwechsel findet häufig an entweder syntaktisch, semantisch-emotional oder diskursorganisatorisch relevanten Stellen im Gespräch statt, und der Gebrauch von portugiesischen Entlehnungen dient daher auch als Aufmerksamkeits- und Verstärkungssignal und erfüllt somit expeditive Aufgaben.

2.1 Entlehnungen einzelner portugiesischer Ausdrücke

Die am häufigsten vorkommenden Entlehnungen im Sprachmaterial, die sich jeweils als einzelne portugiesische Lexeme in den deutschsprachigen Äußerungen manifestieren, sind vor allem folgende:[8]

  • Zahlen (s. Beispiel 1);
  • Begriffe aus dem beruflichen Umfeld: advogada ‚Anwältin’, decoração ‚Innenausstattung’, contabilista ‚Buchhalterin’, técnico ‚Techniker, Handwerker’;
  • Verwandtschafts- oder Familienstandsbezeichnungen: netos, netinhos ‚Enkel’, mamãe ‚Mama’, cunhada ‚Schwägerin’, noivo ‚Verlobter’, viúva ‚Witwe’;
  • Begriffe aus dem Bereich der Technik und Technologie: televisão ‚Fernsehen’, computador ‚Computer’;
  • Begriffe aus dem brasilianischen institutionellen Umfeld, z.B. Schul- und Hochschulwesen (primeiro / segundo grau ‚Primar- / Sekundarstufe’, faculdade ‚kleinere Hochschule’), Verwaltungswesen (prefeitura ‚Bürgermeisteramt’, banco ‚Bank’) oder Religionsbereich (primeira comunião ‚erste Kommunion’, evangélico ‚evangelisch’, coral ‚Chor’);
  • Begriffe, die möglicherweise im Deutschen unbekannt, schwer übersetzbar und/oder für das alltägliche brasilianische Umfeld typisch bzw. wichtig sind: vira-lata(s)‚freilaufende wilde Mischlingshunde’,[9] ladrão ‚Räuber’, divertimento i.S. ‚Unterhaltung’;
  • bisweilen kommt es auch zu so genannten Hybridbildungen, d.h. Determinativkomposita, die aus einem deutschen und einem portugiesischen Lexem (oder umgekehrt) bestehen wie bei Weihnachtsdoce ‚Weihnachtskekse’ oder Soschabohnen ‚Sojabohnen’.

Weitere Entlehnungen, die nachfolgend in Transkriptionsausschnitten aufgezeigt werden, sind auch auf diskursorganisatorischer Ebene zu finden. Die nachfolgenden Unterkapitel zeigen verschiedene Beispiele auf.

2.1.1 Interjektionen und formelhafte Ausdrücke

Viele Gesprächsstellen beinhalten entlehnte Interjektionen und formelhaften Exklamativ-, Appelativ-, Kommentierungsausdrücke: nossa[10] i.S. ‚oh’; pois é (z.B. i.S. ‚tja’, ‚nun denn’); meu deus ‚mein Gott’; graças a deus ‚Gott sei Dank’; olha ‚schau’; então ‚also’:

 

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Auf die Frage nach den Veränderungen in São Bento do Sul im Laufe der Zeit überlegt JD zunächst, was an einer längeren Pause und der Wiederholung des zur Beantwortung relevanten Ausdrucks anders deutlich wird. Nach einer erneuten Pause äußert er in Portugiesisch pois é, um an dieser Stelle sein Nachdenken zu verbalisieren.[11] Die Kombination aus pois und é in Funktion einer responsiven Interjektion bedeutet wörtlich übersetzt so viel wie ‚denn es ist so’ und wird häufig in Kommunikationssituationen verwendet, in denen der Sprecher oder die Sprecherin einen mentalen Prozess über den zuvor geäußerten Sachverhalt initiiert oder beschließt. Im Portugiesischen handelt es sich daher um einen kontextabhängigen Ausdruck, für den es im Deutschen keine adäquate Übersetzung gibt. Er kann zweifelnd, bestätigend, einschränkend gebraucht werden oder auch als themenbeendend fungieren, wodurch Sprecher oder Sprecherinnen signalisieren, dass der aktuellen Thematik nicht unbedingt eine Fortsetzung folgen soll. Dies wird auch bei JD deutlich, weil er sowohl die Intonation bei pois é senkt als auch eine längere Pause anschließt. Als jedoch von Seiten des Gesprächspartners keine Reaktion erfolgt und JD sprachlichen Handlungsbedarf sieht, beginnt er nach einer erneuten längeren Pause sowie einer lexikalisch und intonatorisch verstärkenden Bestätigung der Veränderungen (gonz o"nders) seine Argumentation.

Interjektionen wie nossa werden gerne in Äußerungen gebraucht, um entweder positiv oder negativ motivierte Reaktionen zu zeigen:

 

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Die Sprecherin RP beantwortet die Frage nach ihrer Einstellung zu São Bento do Sul und betont ihren Entschluss – definitiv, akzentuiert (hie"r) und dabei leicht lachend als Zeichen der ihr bewussten Emotionalität –, die Stadt nicht mehr verlassen zu wollen. Noch emphatischer äußert sie sich auf die Nachfrage des Interviewers, indem sie sowohl ihre Bejahung gleichzeitig dehnt und akzentuiert als auch die portugiesische Interjektion no"ssa – ebenfalls akzentuiert – zwischen einem Äußerungsabbruch (ausgelöst durch eine simultane Äußerung des Gesprächspartners) und der Fortsetzung zur Begründung gebraucht. Nossa hat hier positive Funktion, mit der RP ihre Emotionalität verbalisiert. Die anschließende Begründung, dass es vie"l scheen ist, zeigt eine sprachliche Auffälligkeit, und zwar die Verwendung des Ausdrucks viel (akzentuiert) statt sehr. Möglicher­weise spielt die Sprecherin mit der Verwechslung von ‚viel’ und ‚sehr’ als Adverbien und betont dadurch ihre Steigerung des Adjektivs bzw. den Elativ. Obwohl es sich um eine Lehnübersetzung aus dem Portugiesischen handelt (muito kann ‚viel’ oder ‚sehr’ bedeuten), ist nicht davon auszugehen, dass sich hier eine Interferenz zeigt, sondern es wird vielmehr das bewusste Einsetzen sprachlichen Wissens funktionalisiert.[12]

Imperativische Verbformen wie olha ‚schau’ (3. Ps. Singular, hier im Indikativ) können im Portugiesischen neben der appellativen Funktion auch Verwunderung über einen Sachverhalt anzeigen und somit als Interjektionen – meist formelhaft – verwendet werden (vgl. u.a. Gärtner, E. 1998:661; Cunha/Cintra 1985:377):

 

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Im Vergleich zu anderen Regionen Brasiliens gefällt es LL in São Bento do Sul am besten, was ihr besonders nach der Rückkehr aus Rio de Janeiro aufgefallen ist, wo sich das Leben unterschiedlich gestalte (dort is olles o"nners) und vor allem gefährlicher sei. Jetzt möchte sie von do, also von São Bento do Sul, nicht mehr weg. Ihre Erklärung beginnt sie mit der Konjunktion mas in Portugiesisch und gebraucht nach einer kurzen Pause die (akzentuierte) Interjektion o"lha, um die Aufmerksamkeit auf ihre nachfolgende Begründung zu richten und ihrer Äußerung besonderen Nachdruck zu verleihen. Gleichzeitig emotionalisiert LL diese, weil es um ihre persönliche Einstellung und Gefühlswelt geht. Olha hat hier ebenfalls formelhaften Charakter.

2.1.2 Negierungen

Portugiesische Negierungen mit não ‚nein’ kommen vor allem in responsiver Funktion bei fast allen Sprechern und Sprecherinnen vor:

In allen drei Gesprächsausschnitten (Beispiele 5a-c) hat die Verwendung von não responsiv negierende Funktion, d.h. die Negierungspartikel (bzw. Responsive) werden eingesetzt, um auf die Fragen des Interviewers zu antworten. Hierbei erfolgt die Negierung in Portugiesisch, die nachfolgenden Äußerungen, und zwar die Erläuterungen zur negativen Antwort, die der Diskursart Erzählen oder Berichten zuzuordnen sind und den Gesprächsverlauf wieder aufnehmen, sind in Deutsch weitergeführt. Der Sprachwechsel ins Portugiesische an den Stellen des Antwortgebens erweckt einerseits die Aufmerksamkeit des Gesprächspartners, andererseits wird dadurch die Dominanz der portugiesischen Sprache deutlich, wenn in die Beantwortung relevanter Sachverhalte eingeführt wird. Demnach hat não für die Sprecher und Sprecherinnen eine stärkere gesprächsorganisatorische oder -steuernde Funktion sowie semantische Konnotation als ein deutsches ‚nein’, was sie mit einem Sprachwechsel verdeutlichen.

2.1.3 Subjunktionen und Konjunktionen

Subjunktionen und Konjunktionen wie porque ‚weil’, pois ‚denn’, mas ‚aber’ werden ebenfalls entlehnt:

 

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Die Sprecherin RR erzählt über ihre Familie und die Sprache, die von den einzelnen Familienmitgliedern verwendet wird. Ihr Enkel lernt in der Schule Deutsch und versteht Bairisch, so dass mit ihm sogar zu Hause Deutsch in Form des bairischen Dialekts (mechdich voll) gesprochen werden kann. Ein Problem ist allerdings ihr Ehemann, der keinen Dialekt spricht, sondern alemão (in Portugiesisch realisiert, um die Differenz zu Bairisch stärker herauszustellen), während RR und ihre Mutter eher in Dialekt kommunizieren. In den Äußerungen von RR kommen an vielen Stellen portugiesische Lexeme (u.a. wie oben beschrieben) vor, auch die Subjunktion porque. RR gebraucht diese im vorliegenden Ausschnitt, um anhand des Familiennamens ihres Mannes und damit seiner Herkunft und Zuordnung zu einer deutschen, nicht-bayerischen Region, zu verdeutlichen, dass er (Standard-)Deutsch und nicht Bairisch spricht. Sie fokussiert in Ihrer Äußerung mit der Identifizierung von moi Mo durch Ritzmann und deiktischem der nochmals verstärkend ihre kausale Äußerung, rekurriert dabei durch versicherndes ne bzw. auf das Wissen des Gesprächspartners. Anschließend vollzieht sie den akzentuierten Fokuswechsel zu mei Ma"ma und Bai"risch.

2.2 Sonderfälle: Buchstabieren, „aposentiert", „Bataten", „Omama und Opapa", Wortsuche, Wortübersetzung

Nachfolgend sollen einige besondere Erscheinungsformen von Entlehnungen und Sprachwechsel kurz dargestellt werden, die auf Grund ihrer Häufigkeit im Sprachmaterial auffallen und sich als interessant erweisen.

2.2.1 Buchstabieren

Sprachwechsel finden sich beim Buchstabieren z.B. von Eigennamen, wenn der Interviewer die Bewohner und Bewohnerinnen in seinen einleitenden Äußerungen nach Alter und Namen fragt. Die Vornamen sind entweder deutsche oder portugiesische (bzw. portugiesisch geschriebene), die Nachnamen sind in der Regel deutsch. In einigen Fällen buch­stabieren die Sprecher und Sprecherinnen ihre Nachnamen, was im Sprachmaterial stets in Portugiesisch, nicht in Deutsch geschieht:

 

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2.2.2 „aposentiert”

Wie auch in der ‚hunsrückischen’ Dialektvarietät fallen wortinterne Sprachmischungen auf, wobei die portugiesischen Verben auf -ar, -er und -ir durch das Suffix -ieren[13] ersetzt und nach deutschen Regularitäten flektiert werden. Dieser Verbtyp erweist sich als besonders produktiv, z.B. maschukiert ‚verletzt’ (von machucar), divertieren ‚sich amüsieren’ (divertir), entrevistiert ‚interviewt’ (entrevistar), gravieren ‚aufnehmen’ (gravar). Während diese Verben vereinzelt vorkommen, gehört aposentieren ‚in Rente gehen/sein’ (aposentar) zum sprachlichen Repertoire fast aller Sprecher und Sprecherinnen und ist höchst produktiv. Das hat möglicherweise den Grund, dass es im Deutschen keine direkte verbale Entsprechung gibt und es sich um einen im Leben der Bewohner und Bewohnerinnen häufig gebrauchten Begriff handelt, durch den sie ihre Lebenssituation kurz und prägnant definieren.

Beim  Gespräch über die große Familie von BP interessiert sich INT u.a. für die Tätigkeit der neun Geschwister, von denen mit zwei Ausnahmen alle in São Bento do Sul leben:

 

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Bei Sprecher BP manifestiert sich, dass er das sprachgemischte Verb aposentiert (hier in der adjektivisch gebrauchten Partizip-II-Form sin/bin/is aposentiert) wie ein deutsches Verb sowohl grammatisch als auch syntaktisch in seine Äußerungen integriert. Er wiederholt es mehrfach und zeigt dadurch, dass es in seinem sprachlichen Wissen verankert ist. An keiner Stelle im Gespräch erscheint ein deutsches Äquivalent, was den Schluss zulässt, dass BP den deutschen Begriff nicht kennt oder er in der Formulierung zu ‚aufwändig’ im Vergleich zum portugiesischen Lexem ist. Er geht außerdem davon aus, dass dem Gesprächspartner der Be­griff bekannt ist, da nach seiner ersten Verwendung keinerlei Pause oder Nachfrage erfolgt.[14] Auch andere Gespräche bestätigen, dass die Verwendung von aposentiert (sein) zum festen Sprachinventar gehört, weil weder die deutsche Entsprechung noch eine angefügte Übersetzung erscheint.

2.2.3 „Bataten”

Häufig kommen wortinterne Sprachmischungen des oben erwähnten Typs vor wie beispielsweise bei Substantiven Bolaschen aus bolachas ‚Kekse’, Parente aus parentes ‚Verwandte’, Farin aus farinha ‚Mehl’, Moviment aus movimento ‚Bewegung’ oder (seltener) bei Verben wie partizipen aus participar ‚teilnehmen’. Mit einem besonders hohen Produktivitätsgrad ist allerdings das Lexem Bataten (aus batatas) zu finden:

Viele der Sprecher und Sprecherinnen waren oder sind noch nebenbei landwirtschaftlich tätig und äußern sich in den Gesprächsausschnitten zu den Nahrungsmitteln, die sie früher anpflanzten oder heute noch anpflanzen. Während sie die Gemüse- und Getreidesorten wie Weizen, Mais, Bohnen, Reis usw. stets in Deutsch benennen, sind Kartoffeln primär immer Bataten. Nur in wenigen Fällen werden Bataten in den Äußerungen durch die Ausdrücke ‚Kartoffeln’ oder ‚Erdäpfel’ (s. Beispiel 9b) ergänzt. Interessanterweise ist im Sprachmaterial aus São Bento do Sul also Bataten produktiv, während sich im Corpus aus Rio Grande do Sul vor allem das Lexem Milje von milho ‚Mais’ findet (Gärtner/da Cunha 1998:29, schon bei Fausel 1959:169 in seiner Wortliste erwähnt). Dagegen wird Mais in São Bento do Sul ausschließlich als deutsches Lexem gebraucht. Daraus lässt sich schließen, dass es möglicherweise regionen- und dialektspezifische Präferenzen für Symbolfeldausdrücke aus dem Bereich Nahrungsmittel gibt, die sich verbreiten und andere, synonyme bzw. ‚übersetzte’ Begriffe verdrängen. Denn es ist davon auszugehen, dass die deutschstämmigen Bewohner und Bewohnerinnen aus Santa Catarina und Rio Grande do Sul durch ihre zweisprachige Kompetenz sowohl die deutschen als auch portugiesischen (und sprachgemischten) Bezeichnungen Mais / milho / Milje und Kartoffeln / batatas / Bataten (s. auch Beispiel 15) kennen.[15]

2.2.4 „Omama” und „Opapa”

Bei der Reduplikation von Omama und Opapa handelt es sich um eine Entlehnung aus dem Portugiesischen. Großmutter und Großvater, standardsprachlich avó und avô, werden in der Alltagssprache bei Auslassung des Anlautvokals zu vovó und vovô redupliziert (oder bisweilen zu und gekürzt). Das Prinzip der Reduplizierung wird demnach ins Deutsche übertragen, wodurch die Lehnbildungen Omama und Opapa entstehen – der Anlautvokal ‚o’ muss zur Differenzierung zu ‚Mama’ und ‚Papa’ stehen.

Diese Lehnübertragung wird auch vom Interviewer übernommen, wie Beispiel 10a zeigt, der hier explizit nach den Großeltern fragt:

RP erzählt im nächsten Beispiel von seiner Kindheit und davon, wie die Festtage z.B. an Weihnachten und Ostern gefeiert wurden und stets Besuche bei den Großeltern anstanden:

2.2.5 Wortsuche

In vielen Gesprächsausschnitten kommt es zur Suche nach einzelnen Ausdrücken in deutscher Sprache. Dies zeigt sich darin, dass die Sprecher und Sprecherinnen entweder das portugiesische Lexem verwenden und explizit (in Deutsch oder Portugiesisch) auf Übersetzungshilfe hoffen (Beispiel 11) oder dass sie ihre Wortsuche verbalisieren, dabei in einigen Fällen ebenfalls um Unterstützung beim Gesprächspartner bitten (Beispiel 12, 13):

RJ erzählt von ihrer Familie und ihrem Ehemann, der schon einmal verheiratet war, und gebraucht den portugiesischen Ausdruck viú"vo ‚Witwer’. Sie ist sich der Verwendung der portugiesischen Sprache in diesem Moment bewusst und fragt explizit nach Hilfe (wie sacht man), erhält jedoch zunächst keine Unterstützung von ihrem Gesprächspartner. Nach einer kurzen Pause, einer Verzögerungsinterjektion ehm[16] und einer längeren Pause wiederholt sie den portugiesischen Begriff nochmals akzentuiert, schließt daran eine Erläuterungsformel quer dizer ‚das heißt’ in Portugiesisch an, um zu reformulieren und den Sachverhalt zu erläutern: die Frau is gesto"rben. Erst jetzt reagiert INT, der zuvor möglicherweise den portugiesischen Begriff nicht kannte, und nennt den deutschen Ausdruck Witwer. Auf die Nachfrage von RJ wiederholt er das Lexem nochmals und RJ antwortet mit zustimmendem aha und eh. RJ greift das deutsche Lexem weder auf noch wiederholt sie es, sondern hört es sich somit nur an. Wahrscheinlich ist es ihr tatsächlich unbekannt, oder sie versteht es nicht richtig bzw. ist nicht daran interessiert, Witwer in ihr sprachliches Inventar zu integrieren.

In den beiden nächsten Beispielen expliziert die Sprecherin ihre Unkenntnis eines deutschen Begriffs noch deutlicher:

In beiden Gesprächssauschnitten sucht die Sprecherin NS nach deutschen Ausdrücken und expliziert dies in Portugiesisch: In Beispiel 12 äußert sie como se diz tranqüilo em alemão ‚was heißt tranqüilo auf Deutsch?’ und bekennt, dass sie dieses Wort nicht weiß (que não sei ‚ich weiß es nicht’[17]). Auch die Aufforderung des Gesprächspartners, den Begriff dialektal auszudrücken, hilft ihr bei der Wortsuche nicht weiter (pois é) und sie betont nach Wiederholung des Ausdrucks tranqüilo nochmals: eu não sei a palavra em/. Erst nach der unterstützenden Übersetzung ruhich durch INT und der Wiederholung durch NS geht das Gespräch weiter. Ähnliches geschieht auch zu einem späteren Zeitpunkt (Beispiel 13), als sich NS nicht mehr an das Wort bzw. den Eigennamen der Stadt oder Region erinnert, wo ihre Vorfahren her kamen. Auch an dieser Stelle formuliert sie ihre Erinnerungslücke in Portugiesisch: n=lembro, não lembro a palavra agora.

Einen interessanten Gesprächsausschnitt, bei dem es um den Ausdruck abóbora ‚Kürbis’ geht, stellt Beispiel 14 dar. Die sehr selbstbewusste 77-jährige Sprecherin PS beantwortet die Fragen von INT zur Tätigkeit der Familie und ihrer eigenen in der Landwirtschaft, als sie abóbora verwendet:

Auf die Frage von INT, was PS auf dem Feld mache, reagiert die Gefragte zunächst etwas vorwurfsvoll, antwortet dann auf die Aufforderung, ihre Tätigkeit zu präzisieren, dass sie sich u.a. mit bó"bora holen beschäftige. Der Ausdruck bóbora (als Kurzform für abóbora ‚Kürbis’[18]) löst eine Verständnisfrage beim Gesprächspartner aus, der wissen will, worum es sich dabei handelt. PS wiederholt den Ausdruck – dieses Mal in vollständiger und lauter sowie akzentuierter Form –, antwortet ihrem Gesprächspartner aber nicht, sondern thematisiert ironisch-vorwurfsvoll seine Unkenntnis des bairischen Dialekts (jo ol du schnoders bai"risch). Demzufolge geht sie davon aus, dass es sich um einen dialektalen Ausdruck handelt und nicht um ein portugiesisches Lexem. Während INT versucht sich zu rechtfertigen, fährt PS mit fragender Ironisierung fort und steigert diese in einen Kommentar über INT (kennt abóbora net). Nach einer erneuten Verständnisfrage erhält INT Unterstützung durch NN aus dem Hintergrund – zunächst mit einem anderen Begriff in Portugiesisch (moranga), anschließend mit der deutschen Übersetzung (Kürbis). Die inhaltliche Interpretation dieser Äußerungssequenz ermöglicht  mindestens zwei Varianten der Interpretation: In Variante I gehen sowohl PS als auch INT davon aus, dass es sich bei abóbora um einen bairischen Ausdruck handelt, was sie im weiteren Gesprächsverlauf thematisieren. INT argumentiert bezüglich seiner Unkenntnis, dass er als Städter nicht alle bairischen Ausdrücke kennen kann, wobei sich PS abschließend nochmals explizit wundert: kennt abóbora net. Der Ausdruck abóbora ist jedoch ein eindeutig portugiesisches Lexem, das dem lateinischen ‚apoporis’ entstammt. Variante II, die wahrscheinlich realistischere Variante, beinhaltet die Interpretation, dass sich PS und NN über INT etwas lustig machen, indem sie ihm vorflunkern, dass abórbora ein dialektaler Ausdruck sei, und ihn somit über die Zugehörigkeit zum portugiesischen Vokabular im Dunkeln lassen. Dadurch bleibt einerseits das Sprachspiel erhalten und andererseits das Ansehen von INT, der den portugiesischen Ausdruck nicht kennt, und von PS, der der deutschsprachige Ausdruck unbekannt ist, bewahrt. Das Missverständnis bzw. das ironisch anmutende Sprachspiel wird auch im weiteren Gespräch nicht mehr aufgeklärt.

2.2.6 Wortübersetzung 

In mehreren Äußerungen finden sich direkte Übersetzungen von portugiesischen oder sprachgemischten Ausdrücken ins Deutsche, wobei die Sprecher oder Sprecherinnen zuerst das entsprechende Lexem in Portugiesisch gebrauchen und es direkt im Anschluss (oder nach einer kurzen Pause wie im nachfolgenden Beispiel) übersetzen:

Auffallend ist hier vor allem die Übersetzung ‚Kartoffeln’, deren Verwendung als deutsches Lexem lediglich bei zwei Sprechern im Sprachmaterial vorkommt, da ansonsten Bataten dominiert (wie oben bereits erwähnt). EW erzählt in dem Ausschnitt, dass er sich als Rentner in seiner Freizeit mit dem Anbau von Gemüse beschäftigt. Er gebraucht hierbei Ai"pim in Portugiesisch, Bata"ten als wortinterne Sprachmischung mit anschließender Übersetzung ins Deutsche als Karto"ffeln – wahrscheinlich zur Verständnissicherung für seinen deutschen Gesprächspartner. Dass er Aipim nicht ins Deutsche überträgt, liegt daran, dass es keine adäquate Übersetzung, sondern lediglich das Lehnwort ‚Maniok’ für diese typisch brasilianische Pflanze gibt.[19]

In einem anderen Gesprächsausschnitt gibt der Sprecher MR bei der durch INT initiierten Thematik zur Differenzierung der Standardsprache Deutsch und des Dialekts Bairisch eine Übersetzung des portugiesischen Lexems diferença. Er kombiniert in seiner Äußerung das feminine diferença mit dem attributiven Adjektiv ‚groߒ mit standarddeutschem Flexiv (grow:"ße) und gleicht somit das Genus dem Portugiesischen an, das maskuline Substantiv ‚Unterschied’ gebraucht er ebenfalls korrekt flektiert mit dem Adjektiv grow:"ßen:

 

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Übersetzungen finden nicht nur bei einzelnen Begriffen, sondern auch bei Phrasen oder festen Wortkombinationen statt:

 

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Auch in diesem Beispiel verwendet die Sprecherin NS zunächst die Konstruktion fazer visita in Portugiesisch und übersetzt sie nach kurzen Pausen und einer Verzögerungsinterjektion ins Deutsche: besu"che gehen. Hierbei wählt sie eine Konstruktion aus zwei Verben (‚besuchen’ und ‚gehen’), während die portugiesische Konstruktion aus einer festen Verbindung aus Verb + Substantiv besteht, die NS beispielsweise auch als ‚Besuche machen’ hätte wörtlich übersetzen können.

2.3 Übernahme portugiesischer Konstruktionen

Durch die kontinuierliche Zweisprachigkeit bei deutschstämmigen Brasilianern und Brasilianerinnen kommt es in der Kommunikationssituation neben den bereits erwähnten Entlehnungen auch zur Übernahme komplexerer Konstruktionen, was zu direkten Lehnübersetzungen führt. Im Gesprächsmaterial finden sich an vielen Stellen Übernahmen dieser Art wie z.B. teuer kosten aus ‚custar caro’ (des kost halt auch teuer), die Positionierung des flektierten (Auxiliar- oder Modal-)Verbs entsprechend der portugiesischen Syntax (und wenn ich muss antworten; wo man hat gemacht)[20] oder bisweilen auch (in deutschen Dialekten vorkommende) doppelte Negationen (niemand hat keine Zeit nich mehr).

Auch portugiesische Infinitivkonstruktionen werden ins Deutsche lehnübersetzt – mit daraus resultierenden Abweichungen. Es geht hierbei v.a. um Infinitivkonstruktionen mit intentionaler Funktion, die im Portugiesischen mit der – auch beim Infinitiv so bezeichneten ­– Präposition para und dem Verb im Infinitiv konstruiert werden (z.B. para ver ‚um zu sehen’).[21] Para hat neben anderen Bedeutungen auch die von ‚für’, daher ist bei den im Sprachmaterial vorhandenen intentionalen Äußerungen mit für + Infinitiv anstelle von ‚um zu’ + Infinitiv von Lehnübersetzungen auszugehen, auch deshalb, weil bei der Verwendung von ‚für’ die Verbalpräposition ‚zu’ der deutschen Infinitiv­kon­struktionen nicht vorhanden ist.[22] Für fungiert in der Infinitivkonstruktion als konstruktionseinleitendes Element bzw. als Junktion wie ‚um’.[23]

Die nachfolgenden Äußerungen von Bewohnern und Bewohnerinnen aus São Bento do Sul sollen diese für-Infinitivkonstruktionen, bei denen para mit ‚für’ übersetzt und ‚zu’ eliminiert wird, exemplifizieren.

Im Rahmen der Thematik des problematischen Lebens in São Paulo antwortet SJ in Beispiel 18 auf die Frage, ob den Verwandten dort schon etwas Unangenehmes widerfahren sei, wie folgt:

Neben den in diesem Gesprächsauschnitt auftretenden portugiesischen (matar, assaltantes, favelas) bzw. sprachgemischten Lexemen (ameaçad) bedient sich SJ der Infinitivkonstruktion fer viven ‚für leben’ bzw. in der korrekten Übersetzung ‚um zu leben’ aus ‚para viver’ (fer als dialektale Variante zu ‚für’), in der die wortinterne Verb-Sprachmischung viven (aus viver ‚leben’) auffällt. Somit zeigt sich hier eine doppelte Sprachmischung, und zwar syntaktischer und lexikalischer Art.

An späterer Stelle äußert sich SJ, dass es gefährlich sei, in der Nähe der Favelas zu wohnen. In ihrer Äußerung gebraucht sie erneut eine für-Infinitivkonstruktion (fer wohne) und vollzieht auch hier eine direkte Lehnübersetzung aus dem Portugiesischen: ‚para morar’ ‚für wohnen’ bzw. ‚um zu wohnen’:

 

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In einem nächsten Gesprächsausschnitt verwendet der Sprecher BP eine für-Infinitiv­konstruktion, als es inhaltlich um seine Beschäftigung in früheren Jahren geht:

 

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BP beklagt, dass früher neben der Arbeit keine ausreichende Zeit für andere Dinge verblieb: fer ondres machen. Die Infinitivkonstruktion mit fer + machen erweitert BP hier durch ein Akkusativkomplement zwischen Junktion und Verb. Die Positionierung der einzelnen Elemente in der Infinitivkonstruktion entspricht den deutschsprachigen Regularitäten, im Portugiesischen müsste das Komplement angefügt werden (‚para fazer outras coisas’). Insofern wird deutlich, dass es sich hier erneut um eine Sprachmischung handelt, die zwar ausschließlich in Deutsch realisiert wird, aber eine übersetzte Lehnkonstruktion enthält, die wiederum nach deutschen Regularitäten syntaktisch gebildet wird.

Eine Erweiterung der Infinitivkonstruktion entsprechend der deutschen Syntax zeigt sich auch in nachfolgendem Beispiel. Bei der Gesprächsthematik Schlachtfest in São Bento do Sul erklärt WW, wie sich dieses gesellige Beisammensein gestaltet:

 

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Im Äußerungsbeispiel verwendet der Sprecher WW zwei für-Infinitivkonstruktionen (fir ta"nzen und fir sich richtich so divertie"ren), wobei die zweite durch Adverbialsupplemente erweitert wurde, die jeweils syntaktisch an den korrekten Positionen stehen und den Regularitäten der deutschen Sprach entsprechen.[24] Beim Verb im Infinitiv handelt es sich erneut um ein sprachgemischtes Verb (s.o.).

  • In den vier Beispielen lassen sich somit folgende Charakteristika für intentionale Infinitivkonstruktionen, die aus dem Portugiesischen ins Deutsche lehnübersetzt werden, feststellen:
  • para wird zur Junktion ‚für’ (bzw. dialektal fer, fir),
  • die Verbpräposition „zu" wird nicht gesetzt,
  • es existiert keine formal erkennbare Differenzierung zwischen der portugiesischen unpersönlichen und persönlichen bzw. flektierten Infinitivkonstruktion, sondern die deutsche (‚unpersönliche’) Infinitivkonstruktion wird angewandt,
  • das Vollverb im Infinitiv kann sowohl ein deutsches als auch ein sprachgemischtes Verb sein;
  • die Syntax der Infinitivkonstruktion wird nach den Regularitäten der deutschen Sprache gebildet (Komplemente oder Supplemente stehen zwischen der die Infinitivkonstruktion einleitenden Junktion und dem Vollverb im Infinitiv).

 

3. Schlussbemerkung

Die in diesem Aufsatz präsentierten Ausschnitte aus dem Gesprächsmaterial mit den exemplarischen Kurzanalysen zeigen die hohe Präsenz von Sprachmischungen und Entlehnungen der deutschstämmigen Sprecher und Sprecherinnen von São Bento do Sul in ihren Äußerungen (selbst in gesteuerten Interviews) und fokussieren deren bevorzugte Formen. Sprachwissenschaftlich betrachtet findet sich hier einerseits interessantes Untersuchungsmaterial, anhand dessen sich in kontinuierlicher Weise Sprachwechsel manifestiert. Andererseits wird deutlich, wie sich die deutsche Sprache der Nachfahren deutscher Einwanderer durch den Einfluss des Portugiesischen verändert und dadurch auch Bereicherung sowie Kreativität (wie beispielsweise durch die Übernahme von Lexemteilen oder Konstruktionen) erfährt und zu Sprachspielen einlädt. Verstehbar wird dieses modifizierte und lusitanisierte Deutsch jeweils nur mit Kenntnis beider Sprachen.

Durch die wissenschaftliche Beschäftigung mit spezifischen Sprachsituationen dieser Art in Projekten und den daraus resultierenden persönlichen Kontakt werden die deutschstämmigen Familien in gewisser Weise auch sensibilisiert und gefördert, da ihre individuellen Sprachkompetenzen im Mittelpunkt stehen. Bleibt zu hoffen, dass die Sprecher und Sprecherinnen sich ihrem Potenzial auf Grund der besonderen sprachlichen Gegebenheiten weiterhin bewusst sind (oder intensiver bewusst werden), und es auch in den nächsten Generationen einsetzen, damit das Überleben der deutschen Sprache in Südbrasilien bessere Chancen hat.

 

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Transkriptionserläuterungen

 

 

 

Recebido em 17/08/11
Aprovado em 13/10/2011

 

[1] Nach Ende der portugiesischen Herrschaft und Erklärung der Unabhängigkeit Brasiliens im Jahre 1822 begann unter Kaiser Dom Pedro I und seiner Ehefrau Leopoldine von Habsburg die Immigrationspolitik für den Süden. Die ersten deutschen Immigranten siedelten sich 1824 in der Província São Pedro do Rio Grande, heute São Leopoldo in Rio Grande do Sul, an (u.a. Mönckmeyer 1912, Oberacker 1955/68, Roche 1969, da Cunha 1995). In Santa Catarina begannen die Gründungen deutscher Kolonien 1828, verstärkt ab 1848/49. Die bedeutendsten sind bis heute Blumenau (1850) und Joinville, ursprünglich Güntherstal, (1849).
[2] São Bento do Sul, mit einer Fläche von 496 km2, liegt im Nordosten von Santa Catarina, nahe der Grenze zu Paraná. Nach Angaben des Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística (IBGE) hat die Stadt im Jahre 2008 72.548 Bewohner und Bewohnerinnen (www.ibge.gov.br vom 26.8.2008). São Bento do Sul wurde erst ab 1873 mit Immigranten besiedelt, die zunächst bayerischer Herkunft waren (vgl. u.a. Blau 1958:8ff.). Zu Berichten und Tagebücher über die Anfangszeit in São Bento siehe Zipperer (1954) und Ficker (1973).
[3] Weitere Einflüsse, die hier nicht thematisiert werden können, finden sich u.a. auch auf phonetisch-phonologischer Ebene (z.B. in der Prosodie, bei Akzentuierung und Verwendung von Halbnasalen).
[4] Dankenswerterweise wurde mir ein Teil des Sprachmaterials, d.h. 60 Kurzinterviews vom April 2004, dem die nachfolgenden Ausschnitte aus Interviewsituationen entstammen, zur Verfügung gestellt. Meine zielgerichteten sprachwissenschaftlichen Analysen stellen allerdings nicht den primären Verwendungszweck dar. Ursprünglich wurden die Interviews für ein Radio-Features (Bayerischer Rundfunk, 10./11.7.2003) zusammengestellt und die sprachwissenschaftlichen Intentionen sind eher eine zusätzliche Betrachtungsweise des Materials. (Die primäre Ausrichtung erklärt daher auch die bisweilen untypischen Interviewsituationen für sprachwissenschaftlich-analytisch motivierte Feldforschung.)
[5] Bei dem Corpus handelt es sich vorwiegend um Aufnahmen von alltäglichen Gesprächssituationen (keine Interviews) aus der Kleinstadt Feliz in Rio Grande do Sul, die von 1995 bis 1997 während meiner Tätigkeit als DAAD-Lektorin zusammengestellt und unter verschiedenen sprachlichen Aspekten analysiert wurden.
[6] Diaz (2004:105), die sich mit der deutsch-portugiesischen Sprachkontaktsituation in Novo Berlim, Rio Grande do Sul, beschäftigte, kategorisiert die lexikalischen Entlehnungen in Entlehnungen ersten Grades (unveränderte Lexeme) und zweiten Grades (als „Germanisierung portugiesischer Lexeme") – letztere entsprechen den o.g. wortinternen Sprachmischungen (s. auch Boss­mann 1959; Fausel 1959; Baranow 1973; Altenhofen 1996).
[7] Bei der Aussprache muss allerdings erwähnt werden, dass sich das Phonem des portugiesischen halbnasalierten Diphthongs [ãw] in não und das Phonem des bairischen nasalierten Vokals [õ] in ‚no’ bisweilen sehr ähnlich sind. Dennoch ist auch bei den dialektintensiveren Sprechern und Sprecherinnen die Nähe zur portugiesischen Aussprache und somit zum portugiesischen Ausdruck eindeutig zu erkennen.
[8] Aus Platzgründen können nicht alle Beispiele in Transkriptionsausschnitten abgebildet werden, daher erfolgt an dieser Stelle lediglich ein Überblick.
[9] Es handelt sich hier um ein Kompositum aus flektiertem Verb (3. Ps. Singular) + Substantiv, das wörtlich ‚dreht die Dose(n) um’ bedeutet – eine Bezeichnung für diese Hunde, weil sie auf der Suche nach Nahrung stets im Müll wühlen.
[10] Eigentlich als Kürzung von nossa senhora.
[11] In den Grammatiken zum Portugiesischen wird der äußerungsmodifizierende Ausdruck pois é meist nur kurz als analoge Verwendung zu sim ‚ja’ mit einschränkende oder partielle Zustimmung ankündigender Funktion behandelt (z.B. Gärt­ner, E. 1998:667, Hundertmark-Santos 1998:355).
[12]Denkbar wäre in der Äußerung auch eine Komparation des Adjektivs im Sinne von ‚schöner’, wobei viel die Stelle von mais ‚mehr’ einnähme. Dann könnten zwei sprachliche Aspekte in die Äußerung eingehen: einerseits das Sprachspiel von viel und ‚mehr’, andererseits eine entlehnte Komparationsstruktur aus dem Portugiesischen. Eine weitere – allerdings weniger naheliegende – Lesart wäre die Verwendung von vie"l scheen anstelle von ‚viel scheener’, wobei das Komparationsflexiv gekürzt sein könnte.
[13] -ieren gilt als Fremdsuffix aus dem Französischen und findet sich seit dem 12. Jhd. als ‚Eindeutschung‘ französischer Verben. Ab dem 14. Jhd. kommt auch die Verbindung mit heimischer bzw. nativer Basis wie buchstabieren, amtieren vor (s. u.a. Erben 1975/2006:139, Fleischer/Barz 1995/2007:311f.).
[14] Auch der Interviewer übernimmt in mehreren Gesprächen bei seinen Fragen diesen Begriff (ähnlich wie bei Omama und Opapa, s.u.).
[15] Beide Pflanzen waren schon zum Zeitpunkt der Auswanderung (Anfang bzw. Mitte des 19. Jhd.) im deutschen Raum bekannt: Die Kartoffel wurde im 16. Jhd. eingeführt, der Mais (zu Anfang auch „türkischer Weizen" oder „türkisches Getreide" genannt) – die einzige ursprüngliche Getreideart des amerikanischen Kontinents – war ebenfalls schon im 16. Jhd. zu finden, der feldmäßige Anbau begann im 17. Jhd. 
[16] Verzögerungsinterjektionen wie ‚eh’, ‚äh’ oder ‚ehm’ dienen primär zur Rederechtsicherung und zur Kontinuität des Redeflusses (vgl. Zifonun/Hoffmann/Strecker 1997 I:385f.).
[17] Andere Übersetzungen von que sind hier auch möglich, beispielsweise als Kürzung im Sinne von porque ‚weil ich es nicht weiߒ. (Auszuschließen sind que als Komplementierer ‚dass’ oder als Relativanschluss.)
[18] Die Kürbisfrucht, abóbora-moranga (als Determinativkompositum), wird in Brasilien alltagssprachlich entweder als abóbora (nach der Pflanzenfamilie) oder moranga (als spezifische Kürbisart, aus der Indianersprache Tupi entlehnt) bezeichnet (vgl. de Holanda/Aurélio 2004, Houaiss/Villar 2001).
[19] Aipim oder mandioca ‚Maniok’ sind indianische Bezeichnungen (Tupi) für ein tropisches Wolfsmilchgewächs der Regenwaldgebiete, dessen Ursprung wahrscheinlich in Brasilien liegt, von wo es sich nach Lateinamerika ausgebreitet hat (vgl. de Holanda/Aurélio 2004, Houaiss/Villar 2001). In Brasilien zählt aipim/mandioca in allen Regionen – auch im eher subtropischen Süden – entweder als Wurzelgemüse oder in Mehlform zu den Grundnahrungsmitteln.
[20]Der Ursprung könnte auch in der deutschen Syntax liegen, denn beispielsweise kann es bei der Verwendung von Strukturen mit Modalverben (in Kombination mit z.B. Perfektbildung bzw. Ersatzinfinitiv wie Sie hat das sollen erledigen) zu Invertierungen kommen. Bei der Beispieläußerung handelt es sich jedoch nicht um diese kombinierten Modalverb-Perfekt-Konstruktionen, daher ist eine Intereferenz aus dem Portugiesischen wahrscheibnlicher. Invertierungen der obigen Art, gerade bei subordinierenden Nebensätzen, sind auch ein bekanntes Problemfeld im Deutsch-als-Fremdsprache-Unterricht.
[21]Infinitivkonstruktionen im Portugiesischen verfügen nicht über ein äquivalentes ‚zu’, sondern werden lediglich mit dem ‚reinen’ Infinitiv gebildet. Es existieren zwei Typen: die unpersönliche („infinitivo impessoal") und persönliche flektierte Konstruktion mit an den Infinitiv angefügten Flexiven („infinitivo pessoal flexionado", z.B. viverem), vgl. Cunha/Cintra (1985:473ff.); Gärt­ner, E. (1998:482ff.); Hundertmark-Santos (1998:172ff.); Perini (1977; 2000:176ff., 292ff.).
[22]Historisch gesehen handelt es sich bei ‚zu’ um eine Präposition, die bei den flektierten Formen des Infinitivs im Dativ noch im Mittelhochdeutschen zu finden ist (Behagel 1923/1989:307). Im heutigen Neuhochdeutschen hat ‚zu’ in Infinitivkonstruktionen keine präpositional-grammatische und keine semantische Funktion mehr, sondern vielmehr eine jungierende. 
[23]Zu ‚für (zu)’-Infinitivkonstruktionen in der historischen Syntax s. Behagel (1923/89:303ff.).
[24]Durch die Akzentuierung, die Pause und die nachfolgende Erläuterung (wie man sacht) wird manifest, dass sich das hier als deiktisches Adverb fungierende so auf das Verb divertieren bezieht und daher korrekt positioniert ist. Bezöge es sich auf das Adverb richtich, müsste es vorangestellt sein