Die Mitteleuropa-Idee und die konservativen Österreicher jüdischer Herkunft: Hugo von Hofmannsthal, Leopold von Andrian und Otto Maria Karpfen (Carpeaux)

The Idea of Central Europe and Conservative Austrians of Jewish Origin: Hugo von Hofmannsthal, Leopold von Andrian and Otto Maria Karpfen (Carpeaux)

Helmut Galle About the author

Zusammenfassung

Im Kontext der modernen europäischen Nationalstaaten war das Habsburger Reich ein Anachronismus. Seine multiethnische und multikulturelle Konzeption garantierte jedoch ein friedliches, gleichberechtigtes Zusammenleben, das von verschiedenen Minderheiten geschätzt wurde, insbesondere von den Juden. Diese verblieben nach dem Ende des Ersten Weltkrieges in dem neuen Nationalstaat Deutschösterreich bzw. Republik Österreich als eine Art Minderheit ohne Minderheitenstatus. In der Idee von „Mitteleuropa“ überlebte ein guter Teil der Ideologie, die das Reich am Ende des 19. Jahrhunderts zusammengehalten hatte. Sie fand Eingang in die nostalgischen Elemente einer neuen Identität der Österreicher, die resistent waren gegen alldeutsche Tendenzen, wurde aber auch von konservativ-katholischen Intellektuellen jüdischen Ursprungs vertreten, die nach einer Bastion gegen die antisemitische und ultranationalistische Entwicklung suchten. Hugo von Hofmannsthal, Leopold von Andrian und Otto Maria Karpfen (Carpeaux) entwickelten in den Jahren zwischen den Kriegen politische Vorstellungen, die aus heutiger Sicht extrem konservativ und anachronistisch erscheinen. Betrachtet man sie jedoch genauer, wird deutlich, dass die Mitteleuropa-Idee im Rahmen des antimodernen Gestus einen humanistischen Kern bildet, eine spezifische Form von Widerstand gegen die totalitäre Welle der 1930er Jahre. Der vorliegende Artikel versucht die Eigenart der drei Entwürfe und ihre verbindenden Züge nachzuzeichnen.

Stichwörter:
Mitteleuropa; Österreich; Hugo von Hofmannsthal; Leopold von Andrian; Otto Maria Karpfen (Carpeaux)

Abstract

In the context of modern European nation states, the Habsburg Empire was an anachronism. Its multi-ethnic and multicultural conception, however, guaranteed a peaceful, equal coexistence that was appreciated by various minorities, especially by the Jews. After the end of the First World War, these remained in the new nation state of German Austria or the Republic of Austria as a kind of minority without minority status. In the idea of „Central Europe“, a substantial part of the ideology that had held the empire together at the end of 19th century survived. It found its way into the nostalgic elements of a new identity of those Austrians who were resistant to the pan-German tendencies, but was also held by conservative Catholic intellectuals of Jewish origin who were looking for a bastion against anti-Semitic and ultra- nationalist tendencies. Hugo von Hofmannsthal, Leopold von Andrian and Otto Maria Karpfen (Carpeaux) developed political ideas that seem extremely conservative and even anachronistic from today’s perspective. At a closer look, however, it becomes clear that the Mitteleuropa idea forms a humanistic core within the anti-modern gesture, a specific kind of resistance to the totalitarian wave of the 1930s. This article attempts to trace the particular nature of the three conceptions in their specificity as well as their unifying features.

Keywords:
Central Europe; Austria; Hugo von Hofmannsthal; Leopold von Andrian; Otto Maria Karpfen (Carpeaux)

Resumo

No contexto dos Estados-nação europeus modernos, o Império Habsburgo era um anacronismo. Entretanto, sua constituição multiétnica e multicultural garantiu uma coexistência pacífica e igualitária que foi apreciada por várias minorias, em particular os judeus. Após o fim da Primeira Guerra Mundial, estes permaneceram no novo Estado-nação da Áustria alemã ou na República da Áustria como uma espécie de minoria sem status de minoria. Na idéia da „Europa Central“ sobreviveu uma parte substancial da ideologia que tinha mantido o império unido no final do século XIX. Ela se encontrou seu caminho para os elementos nostálgicos de uma nova identidade dos austríacos resistentes às tendências pan-germânicas, mas também foi defendida por intelectuais católicos conservadores de ascendência judaica que buscavam um bastião contra as tendências anti-semitas e ultra-nacionalistas. Entre as guerras, Hugo von Hofmannsthal, Leopold von Andrian e Otto Maria Karpfen (Carpeaux) desenvolveram idéias políticas que, da perspectiva atual, parecem extremamente conservadoras e até anacrônicas. Se olharmos mais de perto para eles, no entanto, torna-se claro que a idéia Mitteleuropa forma um núcleo humanista dentro do gesto antimoderno, uma específica forma de resistência à onda totalitária dos anos 1930. O presente artigo tenta delinear as diferenças das três concepções e também seus traços unificadores.

Palavras-chave:
Europa Central; Áustria; Hugo von Hofmannsthal; Leopold von Andrian; Otto Maria Karpfen (Carpeaux)

1 Vorbemerkung

Unter den drei hier behandelten Autoren ist Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) der einzige, der eine ebenso zentrale wie sichere Position im Kanon der deutschsprachigen Literatur einnimmt. Für seinen Freund und Weggefährten Arthur Schnitzler „der größte Dichter dieser Zeit“ (zit. n. DANGEL-PELLOQUIN 2017DANGEL-PELLOQUIN, Elsbeth. Phasen eines Lebenslaufes. In: MAYER, Matthias; WERLITZ, Julian (Hgg.) Hofmannsthal Handbuch. Stuttgart: Metzler, 2017, 32-42.: 42) und viermal für den Literatur- Nobelpreis vorgeschlagen, hinterließ Hofmannsthal bei seinem frühen Tod ein umfangreiches lyrisches, dramatisches, erzählerisches und essayistisches Werk von Weltrang. Dennoch ist er in Brasilien fast unbekannt: nur der berühmte „Chandos-Brief“ liegt in Übersetzungen vor.2 2 Hofmannsthals Libretti für Richard Strauß‘ Opern wurden teilweise für Aufführungszwecke übertragen, sind aber nicht als Buchpublikationen verfügbar. Otto Maria Karpfen (1900-1978; in Brasilien: Otto Maria Carpeaux) ist eine feste Größe in der brasilianischen Kulturgeschichte der Nachkriegszeit, aber in Europa völlig unbekannt.3 3 Trotz seiner außerordentlichen Bedeutung für Brasilien existiert kein Eintrag in der deutschsprachigen Wikipedia. In der wissenschaftlichen Literatur außerhalb Brasiliens wird er nur äußerst selten behandelt oder auch nur erwähnt; vgl. Eckl (2010); Pfersmann (2014); Prutsch und Zeyringer in Andrian (2003: 737). Leopold von Andrian (1875-1951) wird in der österreichischen Literaturgeschichte von Zeyringer und Gollner (2012ZEYRINGER, Klaus; GOLLNER, Helmut. Eine Literaturgeschichte. Österreich seit 1650. Innsbruck: StudienVerlag, 2012.: 387 f.) mit einem kurzen eigenen Kapitel gewürdigt, ist aber außerhalb der Fachgermanistik weitgehend vergessen.

Gemeinsam ist diesen drei Österreichern (teilweise) jüdischer Abstammung, dass sie in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg eine dezidiert katholische, ultrakonservative Haltung vertraten, die aus heutiger Sicht zumindest in enger Nachbarschaft zum sich gleichzeitig konsolidierenden Nationalsozialismus zu stehen scheint. Im Unterschied zur nationalistischen, rassistischen und totalitären Nazi-Ideologie jedoch, basiert der Konservatismus von Hofmannsthal, Andrian und Karpfen auf Vorstellungen, die aus dem Fundus des Habsburger Reiches stammen und sich unter dem Schlagwort „Mitteleuropa“ zusammenfassen lassen. Es soll hier zu zeigen versucht werden, dass diese Konstellation von politischen und kulturellen Ideen keineswegs eine nostalgische Sehnsucht nach der „Welt von Gestern“ darstellt, sondern vielmehr ein realpolitisches Konzept, in dem sich die Identität der Deutschösterreicher - und zugleich der deutsch-österreichischen Juden unter den Bedingungen der Zwischenkriegszeit aufrechterhalten ließ - gegen den außen- und innenpolitischen Anschlussdruck vonseiten der Nationalsozialisten. Hofmannsthal starb bereits 1929; Andrian und Karpfen flohen nach 1938 über verschiedene Stationen nach Brasilien; Andrian kehrte nach dem Krieg zurück, Karpfen blieb in seinem Exilland und wurde naturalisiert. Ihre publizistische Tätigkeit während der 1. Republik und des Ständestaats ist heute starker Kritik ausgesetzt: Hofmannsthals Münchner Rede von 1927 gilt manchen als Wegmarke der „konservativen Revolution“, Andrians Schriften der 1930er Jahre hat man als „Ausgeburten monarchistisch- faschistoiden Feinsinns“ (WEINZIERL 2007WEINZIERL, Ulrich. Hofmannsthal. Skizzen zu seinem Bild. Frankfurt a. M.: Fischer, 2007.: 1037) bezeichnet; Karpfen/Carpeaux‘ Apotheosen Roms und des Ständestaats wurden von ihrem Autor nach seiner Wandlung zum politischen Liberalen in der Emigration nicht mehr erwähnt und haben bei ihrer Wiederentdeckung in den vergangenen Jahren für eine gewisse Verwirrung gesorgt. Der Autor galt zumal seit seinem mutigen Eintreten gegen die brasilianische Diktatur in den 1960er Jahren als linker Theoretiker; seine Aufsatzsammlungen und die umfangreichen Werke zur Literatur- und Musikgeschichte sind Standardwerke in den Geisteswissenschaften. Mit der Wahl Jair Messias Bolsonaros 2018 rückte jedoch ins Bewusstsein, dass sich Olavo de Carvalho, der in den USA lebende „Guru“ des Bolsonaro-Clans, auf jene frühen Schriften von Karpfen/Carpeaux beruft, um die eigenen rechtsextremen Ansichten zu stützen. Carvalho hat 1999 die gesammelten brasilianischen EssaysCARPEAUX, Otto Maria (i.e. Otto Maria Karpfen). Ensaios reunidos: 1942-1978 vol. 1: De „A cinza do purgatorio“ até „Livros na mesa“. Hg. v. Olavo de Carvalho. Rio de Janeiro: Topbooks; UniverCidade Editora, 1999. von Carpeaux herausgegeben und im Vorwort die „marxistische“ Intelligenz attackiert, die dessen Bild systematisch verzerrt habe. Der wahre Carpeaux, so Carvalho, sei nicht der demokratisch engagierte der 60er Jahre, sondern der ultrakonservative Denker und Essayist, der in den 40ern nach Brasilien kam. Konsequenterweise hat er die österreichischen Bücher von 1934 und 1935 wieder ausgegraben und als Meisterwerke gepriesen. Wege nach Rom (1934KARPFEN, Otto Maria. Wege nach Rom. Abenteuer, Sturz und Sieg des Geistes. Wien; Leipzig: Reinhold-Verlag, 1934.) wurde bereits von einem der Adepten Carvalhos übersetzt (CARPEAUX 2014CARPEAUX, Otto Maria (i.e. Otto Maria Karpfen). Caminhos para Roma: Aventura, queda e vitória do espírito. Campinas: Vide Editorial, 2014.), Österreichs europäische Sendung (1935FIDELIS, Otto Maria (i.e. Otto Maria Karpfen). Österreichs europäische Sendung. Ein außenpolitischer Überblick. Wien: Reinhold-Verlag, 1935.) soll folgen. So bekommen die rechts-konservativen Tendenzen der österreichischen Zwischenkriegszeit eine ungeahnte Aktualität.

Hier soll es allerdings keineswegs darum gehen, diese drei Autoren undifferenziert als „reaktionär“ oder gar als Wegbereiter oder Parteigänger des Nazismus zu denunzieren. Vielmehr ist die Absicht, sie aus ihrer biographischen Prägung und in ihrem historischen Moment zu verstehen.

2 Die Mitteleuropa-Idee und die Juden

Der politische Begriff Mitteleuropa geht in der Sache zurück auf die Pläne zu einem Großösterreich im Gefolge der Märzrevolution von 1848. Hätten sich damals die Ideen des habsburgischen Ministerpräsidenten Felix zu Schwarzenberg durchgesetzt, wäre ein Großreich von 70 Millionen entstanden, das nicht nur die Staaten des Deutschen Bundes, sondern auch das nichtrussische Polen, Tschechien, die Slowakei, Ungarn, Triest, Slowenien, Kroatien und Teile des heutigen Rumänien umfasst hätte und damit mehr als ein Drittel der Bevölkerung Europas. Keine kontrafaktische Phantasie vermag wohl zu ermessen, welchen Verlauf die Weltgeschichte dann genommen hätte, aber die Machtinteressen der Staatsoberhäupter blockierten diese wie auch einige andere Lösungsmöglichkeiten der deutschen Frage. Die Konfiguration Großösterreich hätte eine moderne Alternative zu den in West- und Nordeuropa dominierenden Nationalstaaten bedeutet. Diese in Mitteleuropa gelegene Supermacht hätte sich auch konstitutionell als „Mitte“ zwischen den westlichen demokratischen Nationalstaaten und den autokratischen östlichen Imperien dargestellt: ein modernes, rechtlich verfasstes, repräsentationales Staatsgebilde ohne zentralistische Struktur, einheitliche Sprache und ethnisch homogene Bevölkerung, gewachsen aus den Regionen und ihrer jeweiligen Tradition und Kultur. Tendenziell waren dies bereits Charakteristika der Habsburger Doppelmonarchie, die nach dem „Ausgleich“ mit Ungarn von 1867 und der Gründung des Deutschen Reichs 1871 ein multiethnisches, vielsprachiges, mehrreligöses und plurikulturelles Gebilde blieb, das aus der scheinbaren historischen Rückständigkeit4 4 Eine der markantesten Formulierungen dieser Art findet sich bei Hobsbawm (2005: 51); ihm zufolge war die Doppelmonarchie eines jener „politischen Gemeinwesen [...], das nach den Maßstäben des Liberalismus des 19. Jahrhunderts anormal, überholt und von der Geschichte und vom Fortschritt zum Untergang verurteilt war. Das Osmanenreich stellte in dieser Hinsicht das offensichtlichste entwicklungsgeschichtliche Fossil dar, aber dasselbe galt auch, wie sich immer deutlicher zeigte, für das Habsburgerreich.“ - Dezidiert gegen solche Darstellungen Habsburgs als Anachronismus wendet sich Pieter M. Judson (2019) in seiner umfangreichen Studie; für den Autor stellt das Reich eine alternative Form von moderner Staatlichkeit dar, die über erhebliche innere Bindekräfte sozialer und institutioneller Natur verfügte und keineswegs prädestiniert war, an ihren inneren Widersprüchen zu zerbrechen. eine Tugend zu machen versuchte und mit der Entwicklung einer eigenständigen donauländischen und auf den Kaiser als Oberhaupt zentrierten Identität die zentrifugalen Kräften der vielen „Minderheiten“5 5 Der Begriff ist im Grunde unpassend: sowohl die Tschechen, Slowaken, Slowenen, Ungarn als auch Deutschen waren im Reich Minderheiten, bevor sie nach 1918 zu mehrheitlichen Staatsvölkern wurden. eindämmen wollte. „Mitteleuropa“ wurde so gewissermaßen zum Label für die spezifische Regierungsform und das Zusammenleben der Völker der Doppelmonarchie. Zu einer polemischeren politischen Konturierung des Mitteleuropabegriffs kam es allerdings im Zuge des Ersten Weltkriegs durch die vom preußischen Liberalen Friedrich Naumann 1915NAUMANN, Friedrich. Mitteleuropa. Berlin: Georg Reimer, 1915. publizierte Schrift Mitteleuropa. Darin wurde die Vision von einem ökonomisch-, politisch-, kulturellen Staatenverbund unter deutsch-österreichischer Führung ausgearbeitet, in der - durchaus bemerkenswert für einen Reichsdeutschen im Kriege - die Verdienste Österreichs als eines multinationalen, multikulturellen und vielsprachigen Gebildes hervorgehoben und als Modell für die Zukunft vorgeschlagen wurden. Naumanns Projekt stand eindeutig im Kontext einer hegemonialen deutschen Kriegspolitik, stellte jedoch ernsthafte Überlegungen an, auf welche Weise sich die nicht deutschsprachigen Völker im mitteleuropäischen Großraum nach dem Krieg aus eigenem politischen und wirtschaftlichen Interesse den Achsenmächten anschließen könnten, unter weitgehendem Verzicht auf nationalstaatliche Autonomie. Das Modell hierzu konnte gerade nicht der preußische geprägte Zentralstaat sein, sondern eher die lockere, kulturell tolerante Struktur des Habsburger Reichs. „Naumanns Text“, schreibt Manfred Alexander (2019ALEXANDER, Manfred. ‚Mitteleuropa‘ als politischer Begriff? Friedrich Naumanns Mitteleuropa und Tomáš G. Masaryks Das Neue Europa. Der slavische Standpunkt im Vergleich. In: PAPE, Walter; ŠUBRT, Jiří (Hgg.) Mitteleuropa denken: Intellektuelle, Identitäten und Ideen. Berlin: de Gruyter, 2019, 59-74.: 62) „ist keine Orgie von germanisch-deutschem Imperialismus; er ist eine nüchterne Bestandsaufnahme der aktuellen Machtverhältnisse und entwirft eine Zukunft, die den anderen Nationalitäten Raum zu eigener Entwicklung geben soll.“ Moritz Csáky (2019CSÁKY, Moritz. Das Gedächtnis Zentraleuropas: Kulturelle und literarische Projektionen auf eine Region. Wien: Böhlau Verlag; Vandenhoeck & Ruprecht, 2019.: 29) hingegen - und die an seine Forschungen anschließenden Wissenschaftler6 6 In Österreich ist Csákys Vorschlag vor allem im Rahmen eines Spezialforschungsbereichs und der daraus erwachsenen Regionalstudien auf fruchtbaren Boden gefallen. Er wird propagiert von Feichtinger (2011), Feichtinger; Uhl (2016), Ther (2006) und zahlreichen anderen Autoren in den Sammelbänden von Feichtinger und Uhl (2006; 2016). - sieht im Mitteleuropa-Begriff eine „deutsch dominierte Vision“, die vor allem durch Naumanns Essay kompromittiert sei und nicht aus ihrem imperialistischen Kontext zu lösen sei. Stattdessen schlägt Csáky (2019CSÁKY, Moritz. Das Gedächtnis Zentraleuropas: Kulturelle und literarische Projektionen auf eine Region. Wien: Böhlau Verlag; Vandenhoeck & Ruprecht, 2019.: 31) vor, den „politisch und ideologisch unbelasteten und in der internationalen Literatur eingebürgerten Begriff ‚Zentraleuropa‘ zu verwenden.“ Dagegen spricht freilich, dass in den Texten der Epoche - und das gilt auch für die hier betrachteten Autoren - ausschließlich das Konzept Mitteleuropa verwendet wird. Hofmannsthal, Andrian und Karpfen waren sich der politischen Konnotationen, die sich allerdings nicht auf Naumanns Text einschränken lassen, durchaus bewusst und haben sie in ihrem Sinne genutzt.

Jacques Le Rider hat in einer Reihe von Schriften das Fortleben der Mitteleuropa- Idee in der Literatur der Zwischenkriegszeit dargestellt und ihre Attraktivität für die Juden hervorgehoben, die in ihren Assimilationsbestrebungen durch den sich verschärfenden Antisemitismus in den alten und neuen Nationalstaaten bedroht waren. Mit den Worten Le Riders waren in „dieser Arena der Nationalitäten [...] die Juden, als Volk ohne nationale Geschichte, vielleicht am besten darauf vorbereitet, die letztlich auch ein wenig surreale Idee der ‚Supranationalität‘ zu verstehen.“ (LE RIDER 1994LE RIDER, Jacques. Mitteleuropa. Auf den Spuren eines Begriffes: Essay. Wien: Deuticke, 1994.: 100). Diese Affinität findet auch Dan Diner (2006DINER, Dan. Imperiale Residuen. Zur paradigmatischen Bedeutung transterritorialer jüdischer Erfahrung für eine gesamteuropäische Geschichte. In: WEIDNER, Daniel (Hg.) Figuren des Europäischen: Kulturgeschichtliche Perspektiven. Paderbon, München: Fink, 2006, 259-274.: 261) durchaus folgerichtig, denn: „Die jüdischen diasporischen Lebenswelten entsprachen den Strukturen multinationaler Imperien bei weitem mehr als den homogenen und dadurch assimilatorisch geneigten Nationalstaaten, so liberal sie sich auch geben mochten.“ So wirkt es zwar etwas skurril, aber doch verständlich, wenn Joseph Roth der untergegangenen Monarchie in seinem Pariser Exil eine nostalgische Anhänglichkeit bewahrte. Auch Stefan Zweigs tendenzielle Verklärung der Vorkriegszeit als „das goldene Zeitalter der Sicherheit“ (ZWEIG 2002ZWEIG, Stefan. Die Welt von Gestern: Erinnerungen eines Europäers. Mit einem Nachwort von Rüdiger Görner und einer Zeittafel. Zürich: Artemis, 2002.: 15) entspricht sicher seinen subjektiven Erfahrungen, wurde aber schon bei Erscheinen der Welt von Gestern kritisiert. Beiden Autoren erscheint jenes Mitteleuropa des Habsburger Reichs als eine verschwundene, aber vor dem Hintergrund der Gegenwart bei weitem menschenfreundlichere Realität.

Was im Folgenden untersucht wird, sind jedoch nicht literarische Darstellungen der Vergangenheit, sondern politische Positionierungen in der Gegenwart der Zwischenkriegszeit, in denen das habsburgische Modell, das hier weiterhin mit dem Begriff „Mitteleuopa“ bezeichnet werden soll, in modifizierter Form eine Rolle spielt,

3 Assimilation, Konservatismus, Emigration

Der Assimilationsprozess in Österreich hatte - anders als in den meisten Ländern Europas nicht ausschließlich zur Integration in den politischen Liberalismus, sondern auch zu einer Schicht von staatstragenden, monarchietreuen jüdischen Familien geführt, was möglicherweise damit zusammenhängt, dass es der Kaiser Joseph II. war, der schon relativ früh (1782) ein Toleranzpatent erlassen hatte. Beispiele für eine enge Verflechtung mit Aristokratie, Katholizismus und Kaisertum wie etwa in der Familie von Hugo von Hofmannsthal sind keine Ausnahme. Wie Karl Vocelka (2014VOCELKA, Karl. Österreichische Geschichte, München: C.H. Beck, 2014.: 69) schreibt, war die

Aufnahme in den Adel [...] für die Vertreter des Bürgertums der Habsburgermonarchie immer das Traumziel, [...] ein Bedürfnis, dem man vonseiten der Habsburger umfassend entgegenkam [...]. Viele in dieser bürgerlichen Elite - sowohl als Wirtschaftsbürger als auch als Bildungsbürger - waren Teil der jüdischen Bevölkerung der Habsburgermonarchie.

Erstaunlich häufig finden sich auch Konversionen zum Katholizismus unter den Künstlern noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts (Gustav Mahler, Karl Kraus, Peter Altenberg, Hermann Bahr und - möglicherweise - Joseph Roth). Vivanco (2004VIVANCO, Pablo. Das »Jüdische Wien« des Fin de siècle - Trends und Grenzen der Historiographie der 1980er und 1990er Jahre. Aschkenas, Bd. 14, 2, 511-536, 2004.: 530) referiert Wistrichs (1999ISTRICH, Robert S. Die Juden Wiens im Zeitalter Kaiser Franz Josephs. Köln; Wien: Böhlau Verlag, 1999.) These, dass die österreichischen Juden sich zunächst mit der liberalen Politik der Deutschösterreicher identifiziert hätten, aber im Laufe der 1880er Jahre unter dem Eindruck des wachsenden Antisemitismus dazu tendierten, ihre Ethnizität im Rahmen der multinationalen Österreich-Idee zu wahren. Familien wie die Hofmannsthals und Andrians, die nur zum Teil von jüdischen Vorfahren abstammten, nahmen an dieser Bewegung jedoch kaum teil, sondern dürften sich als vollständig assimiliert verstanden haben, im Sinne einer restlosen Ablösung von kulturellen, ethnischen und religiösen Traditionen des Judentums. Gegenüber den „nur“ bürgerlichen Juden bedeutete die Zugehörigkeit zum Adel für diese Familien ein deutliches Distinktionsmerkmal und eine höhere Position in der sozialen Hierarchie. Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) gehörte durch seinen geadelten jüdischen Urgroßvater der österreichischen Aristokratie und in dritter Generation der katholischen Konfession an (vgl. WEINZIERL 2007WEINZIERL, Ulrich. Hofmannsthal. Skizzen zu seinem Bild. Frankfurt a. M.: Fischer, 2007.: 25 ff.). Sein Jugendfreund Leopold von Andrian (1875-1951) führte seine Familie väterlicherseits auf ein mittelalterliches Tiroler Geschlecht zurück,7 7 Das stellte sich später als ein Irrtum heraus: in Wahrheit stammen die Andrians von einer erst (!) im 17. Jahrhundert geadelten lombardischen Familie ab. Vgl. Riederer (2011: 47; 56). die Mutter jedoch war eine Tochter des Komponisten Giacomo Meyerbeer, der seine Kinder noch im Geist der jüdischen Religion erzogen hatte. Er gehörte wie Hofmannsthal in den 1890er Jahren zum Jung-Wien-Zirkel um Hermann Bahr, widmete sich aber schon nach kurzer Zeit der diplomatischen Karriere, die ihn 1902 zum ersten Mal nach Brasilien brachte. Otto Karpfen (1900-1978) konnte keine adlige Familie aufweisen, aber auch bei ihm paart sich eine jüdische Herkunft mit politischem Konservatismus und dem Bekenntnis zum katholischen Österreich. Er war 1933 zum Katholizismus konvertiert und in der Folge als Journalist im Dienst des politischen Katholizismus und des autoritären Ständestaats tätig. 1938 verließ er Österreich.

Jacques Le Rider beschreibt die Identität assimilierter jüdischer Intellektueller in Mitteleuropa angesichts des Antisemitismus als hybrid, oszillierend und imaginär:

Doch um das Gleichgewicht der Persönlichkeit zu retten, hatte jeder bewußt und unbewußt eine persönliche, psychologische und geistige Strategie zu entfalten, die allmählich eine Identität rekonstruierte. Der einzige oder letzte Besitzer von Gewißheiten über die jüdische Identität war dabei der Antisemit. Der assimilierte jüdische Intellektuelle dagegen, der in eine neue Lage geriet, schien zum Status eines »imaginären Juden« verurteilt zu sein. Das Judentum wurde zu einer Suche, zu einer ständigen Selbstbefragung und zu einer fortgesetzten Erfindung. (zit. n. WALLAS, 2002WALLAS, Armin. Jüdische Identität(en) in Mitteleuropa - Literarische Modelle der Identitätskonstruktion. Einleitende Bemerkungen. In: WALLAS, Armin A. (Hg.) Jüdische Identitäten in Mitteleuropa. Tübingen: Niemeyer, 2002, 1-15.: 6).

Die drei hier behandelten Autoren scheinen dagegen eine stabile nicht-jüdische Identität im Rahmen des katholisch-konservativen Österreich aufrecht erhalten zu haben und sogar stellenweise die antijüdische Haltung ihrer Umgebung zu reproduzieren.8 8 Zu Leopold von Andrian s. Riederer (2011: 90). Weinzierl (2007: 35 f.) zitiert ausführlich antijüdische Bemerkungen von Hofmannsthal aus einem Brief an Rudolf Pannwitz. - Andrian äußert sich in einem Brief an Hofmannsthal vom 25.08.1928 verärgert, dass „von der ganzen jüdisch-wienerischen Journalistengesellschaft, die jahraus jahrein über die beiden Theater schmust“, keiner sich an seine kurzzeitige Intendantur in Hofoper und Burgtheater erinnern wird (HOFMANNSTHAL; ANDRIAN 1968: 420). Ein paar Jahre zuvor empörte er sich mit antijüdischen Untertönen über unpatriotische Anzeigen in Benedikts Neuer Freien Presse. (id. 378). Le Rider (1997: 237) vermutet bei Hofmannsthal und Andrian ein „verdrängte[s] Judentum“, das unter „der Decke des neoaristokratischen Konservatismus schlummert“. Aus der Sicht von Hannah Arendt verkörpern sie den Typus des „Parvenü“: sie sind ihrer sozialen Umwelt (im Vorkriegsösterreich) so gut angepasst, dass ihr eventuelles Judentum gar nicht mehr als solches in Erscheinung tritt. Doch angesichts des biologischen und eliminatorischen Antisemitismus wird alles anders. Hannah Arendt bemerkt dazu:

The pariah Jew and the parvenu Jew are in the same boat, rowing desperately in the same angry sea. Both are branded with the same mark; both alike are outlaws. Today the truth has come home: there is no protection in heaven or earth against bare murder, and a man can be driven at any moment from the streets and broad places once open to all. (ARENDT 1944ARENDT, Hannah. The Jew as Pariah: A Hidden Tradition. Jewish Social Studies, v. 6, n. 2, 99-122, 1944.: 121).

Ohne die negativen Konnotationen des Begriffs übernehmen zu wollen, soll das Zitat aufzeigen, wie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die selbstgewählten Identitäten brüchig wurden und vor allem in den totalitären Systemen nicht mehr aufrechterhalten werden konnten. Es soll hier aber nicht mit Hannah Arendt eingeklagt werden, Hofmannsthal, Andrian oder Karpfen hätten eine positive jüdische Identität entwickeln und vertreten sollen.9 9 Vgl. dazu Christoph König (2017: 9): „stellt man die Frage nach Hofmannsthals Judentum, dann geht es also nicht darum, ihm eine Identität als Jude ex post zu geben (diese Sorge liegt der literatur- und kulturgeschichtlichen Forschung, auch der Hofmannsthal-Forschung bis in die 1980er Jahre zugrunde, vgl. noch E. Schwarz 1988), auch geht es nicht darum, das Judentum des Einzelnen als Selbst- oder Fremdzuschreibung (nach Jean-Paul Sartre) zu fixieren, sondern um die Schwierigkeiten des Autors (BARNER; KÖNIG 2001) Stellung zu nehmen, und um seine besonderen Antworten.“ Als Nachgeborene sollten wir ihre existentiellen Entscheidungen zuallererst respektieren, zumal sie eingebettet sind in familiäre, soziale und historische Kontexte, die sich uns Heutigen nur auf sehr vermittelte Weise erschließen. Wenn man den über mehr als 35 Jahre geführten Briefwechsel zwischen Hofmannsthal und Andrian (1968HOFMANNSTHAL, Hugo von; ANDRIAN, Leopold von. Briefwechsel. Hg. v. Walter H. Perl. Frankfurt a. M.: Fischer, 1968.) liest, wird deutlich, wie selbstverständlich den beiden Freunden ihre Zugehörigkeit zu der aristokratisch-konservativ-katholischen Elite Österreichs war. Das literarische Werk Hofmannsthals kann geradezu als Apotheose der österreichischen Tradition gelten, in dem Jüdisches „nur mit der Lupe zu erkennen“ ist (WEINZIERL 2007WEINZIERL, Ulrich. Hofmannsthal. Skizzen zu seinem Bild. Frankfurt a. M.: Fischer, 2007.: 35). Wie brutal sie dennoch spätestens nach Ende des 1. Weltkrieges in aller Öffentlichkeit mit rassistischen Aggressionen überschüttet wurden, daran lässt Norbert Christian Wolfs Buch über die Gründung der Salzburger Festspiele keinen Zweifel (2014WOLF, Norbert Christian. Eine Triumphpforte österreichischer Kunst. Hugo von Hofmannsthals Gründung der Salzburger Festspiele. Salzburg: Jung und Jung, 2014.: 96-107). Alle drei Autoren sind von den Antisemiten zwangsweise zu Juden gemacht worden und mussten sich zur Bedrohung von Leib und Leben verhalten, ohne ihre identitäre Prägung zu verleugnen. Hofmannsthal selbst starb bereits 1929, seine Frau Gerty und die Kinder gingen nach dem Anschluss ins Exil, ganz wie Andrian und Karpfen, weil sie wussten, was von den Nazis zu erwarten war. Mich interessiert hier vor allem, wie die drei Autoren ihre nicht-jüdische, österreichische Identität nach 1918 mit Hilfe einer - modifizierten - Option für Mitteleuropa aufrechterhalten haben. Das Judentum und die sogenannte „jüdische Frage“, von der in jener Zeit der konservative Diskurs in Deutschland und Österreich dominiert wurde, sind aus ihren Konzeptionen komplett ausgeblendet.

4 „Vergeistigung“ von Nation und Politik bei Hugo von Hofmannsthal

Während des Krieges stand Hofmannsthal im Dienst des Militärs und wurde propagandistisch eingesetzt. Mit einer Reihe von Aufsätzen und Vorträgen sollte er im Ausland für die österreichische Sache werben. Hofmannsthal kannte Friedrich Naumanns Werk und schätzte dessen Aufwertung des spezifisch Österreichischen (vgl. WAGNER-ZOELLY 2010WAGNER-ZOELLY, Corinne. Die „Neuen Deutschen Beiträge“. Hugo von Hofmannsthals Europa-Utopie. (Zugl.: Zürich, Univ., Diss., 2008). Heidelberg: Winter, 2010.: 220). Bei ihm findet jedoch eine Verschiebung von dem Aspekt der Großmachtpolitik auf das Geistige und Kulturelle statt: „Nicht als Teil einer großdeutschen nationalen Machtformation, sondern als Katalysator für das neu zu schaffende Europa will seine Mitteleuropa-Idee das Schicksal Österreichs verstehen“ (SCHNEIDER 2017SCHNEIDER, Sabine. Österreich/Mitteleuropa. In: MAYER, Matthias; WERLITZ, Julian (Hgg.) Hofmannsthal Handbuch. Stuttgart: Metzler, 2017, 125-126.: 126). Zum Ausdruck kommt dies in einer November 1916 in Skandinavien gehaltenen Rede über „Die Idee Europa“. Österreich steht hier für ein

tausendjähriges Ringen um Europa, tausendjährige Sendung durch Europa, tausendjährige[n] Glaube[n] an Europa. Für uns, auf dem Boden zweier römischer Imperien hausend, Deutsche und Slawen und Lateiner, ein gemeinsames Geschick und Erbe zu tragen auserlesen, - für uns wahrhaft ist Europa die Grundfarbe des Planeten, für uns ist Europa die Farbe der Sterne, wenn aus entwölktem Himmel wieder Sterne über uns funkeln. (GW RA IIHOFMANNSTHAL, Hugo von. Die österreichische Idee. In: SCHOELLER, Bernd (Hg.) Gesammelte Werke in zehn Einzelbänden: Reden und Aufsätze Band 2. Frankfurt a. M.: Fischer, 1979, 453-458. (GW RA II): 54).

Bezeichnend ist, dass in dieser multiethnischen Konstellation - die bei Andrian und Karpfen wieder auftauchen wird - das Judentum nicht in Erscheinung tritt. Seine Assimilierung wird gewissermaßen vorausgesetzt und es bildet keine eigene ethnische Gemeinschaft wie die „Slawen und Lateiner“.

Die genuin europäische Sendung Österreichs wird noch einmal Ende 1917 formuliert, nun allerdings schon angesichts des sich abzeichnenden Scheiterns deutscher und österreichischer Großmachtpläne:

Dies Europa, das sich formen will, bedarf eines Österreich: eines Gebildes von ungekünstelter Elastizität, aber eines Gebildes, eines wahren Organismus, durchströmt von der inneren Religion zu sich selbst, ohne welche keine Bindungen lebender Gewalten möglich sind; es bedarf seiner, um den polymorphen Osten zu fassen. Mitteleuropa ist ein Begriff der Praxis und des Tages, aber in der höchsten Sphäre, für Europa, wofern Europa bestehen soll, [...] ist Österreich nicht zu entbehren. (GW RA IIHOFMANNSTHAL, Hugo von. Die österreichische Idee. In: SCHOELLER, Bernd (Hg.) Gesammelte Werke in zehn Einzelbänden: Reden und Aufsätze Band 2. Frankfurt a. M.: Fischer, 1979, 453-458. (GW RA II), 457 f.).

Hofmannsthals publizistische Tätigkeit und seine Gastvorträge in den europäischen Metropolen der Kriegsjahre stehen sicherlich unter dem Zeichen der Wiener Politik an der Seite Deutschlands. Die Reise in das von Deutschen besetzte Warschau, wo sein Freund Andrian von 1915 bis 1917 wieder Gesandter war, steht zweifellos auch im Zusammenhang mit den habsburgischen Ambitionen auf eine Erweiterung des Staatsgebietes im Falle eines Sieges.10 10 Vgl. hierzu den Briefwechsel Hofmannsthal; Andrian (1968, 212 ff.). Andrian war in dieser Zeit vom Außenministerium mit dem Entwurf zu einer trialistischen Verfassung unter Einbindung Polens betraut.11 11 Zu Andrians Rolle in der habsburgischen Außenpolitik gegenüber Polen vgl. neuerdings auch Lehnstaedt (2016).

1917 war auch die bekannte Skizze „Preuße und Österreicher“ (GW RA IIHOFMANNSTHAL, Hugo von. Preusse und Österreicher. Ein Schema. In: SCHOELLER, Bernd (Hg.) Gesammelte Werke in zehn Einzelbänden: Reden und Aufsätze Band 2. Frankfurt a. M.: Fischer, 1979, 459-461. (GW RA II)) entstanden, mit der Hofmannsthal in der Vossischen Zeitung für ein deutsches Publikum die kollektive Identität seiner eigenen Landsleute deutlicher umreißen und als Konstellation positiver Werte vor Augen halten wollte: Österreich nicht als lästiger und zurückgebliebener Juniorpartner eines selbstbewussten und potenten Deutschen Reiches, sondern als eine komplementäre Gestalt des deutschen Geistes, auf die der nördliche Bruder nur zu seinem eigenen Schaden verzichten könne - auch dies noch weitgehend im Sinne der Konzeption Naumanns. Zugleich steckt in Hofmannsthals Vorstellungen von der europäischen Sendung Österreichs, wie Le Rider (1994LE RIDER, Jacques. Mitteleuropa. Auf den Spuren eines Begriffes: Essay. Wien: Deuticke, 1994.: 13) zu Recht bemerkt hat, viel von der Ideologie, mit der die habsburgische Dynastie ihren Führungsanspruch auf das mittelalterliche Reich zurückgeführt hatte und die über den Bruch von 1806 hinweg bis ins 20. Jahrhundert aufrechterhalten wurde. Für die Weiterentwicklung der Mitteleuropa-Idee bei Andrian und Karpfen - dann ohne und gegen Deutschland, aber mit einem ostentativ gestärkten österreichischen Selbstbewusstsein - werden diese Konzepte eine wichtige Rolle spielen.

Bei aller Distanz zur Tagespolitik war Hofmannsthal doch kein realitätsfremder Träumer. Nach Elsbeth Dangel-Pelloquin (2017DANGEL-PELLOQUIN, Elsbeth. Phasen eines Lebenslaufes. In: MAYER, Matthias; WERLITZ, Julian (Hgg.) Hofmannsthal Handbuch. Stuttgart: Metzler, 2017, 32-42.: 39 f.) machte ihm ein Besuch in Prag noch im Jahr 1917 klar, „dass die ‚Idee Österreich‘ zum Scheitern verurteilt war, zu sehr war er mit dem Unabhängigkeitsstreben des tschechischen Volkes konfrontiert“.

Die 1927 in an der Universität München gehaltene Rede „Das Schrifttum als geistiger Raum der NationHOFMANNSTHAL, Hugo von. Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation. In: SCHOELLER, Bernd (Hg.) Gesammelte Werke in zehn Einzelbänden: Reden und Aufsätze Band 3. Frankfurt a. M.: Fischer, 1979, 24-41. (GW RA III)“ zeigt, dass Hofmannsthal zehn Jahre später völlig vom staatlichen Konzept eines multikulturellen mitteleuropäischen Großraums abgerückt war. Der Vertrag von Saint-Germain hatte Fakten geschaffen: Österreich war reduziert auf sein deutschsprachiges Kernland und darauf verpflichtet, einen von Deutschland unabhängigen Staat zu bilden. Schon die Definition zu Beginn der Rede löst den Begriff der Nation ab von den materiellen Gegebenheiten, dem „Heimatboden“, dem direkten sozialen Kontakt zwischen den Menschen, „unsere leibliche Berührung in Handel und Wandel“; vielmehr sind „wir“, so behauptet der Autor, „durch ein geistiges Anhangen vor allem […] zur Gemeinschaft verbunden“ (2017: 24) und dies manifestiere sich im „Schrifttum“ einer Sprache, für Hofmannsthal der sehr weitgefasste Begriff von Literatur, in dem nicht nur die Hochkultur der Bücher, sondern auch „Aufzeichnungen aller Art“, in denen die Einzelnen im Rahmen einer Kultur miteinander kommunizieren. Dieser Begriff von „Nation“ umgreift anderes als Staatsgrenzen, Bürgerrechte oder Abstammung - er basiert stattdessen vor allem auf Sprache und Kultur. Bei aller Kritik, die der Autor dann am Fehlen einer ebenso kultivierten wie jedermann zugänglichen „Sprachnorm“ übt (2017: 25), die er in Frankreich gegeben sieht, ist es doch der offene Bereich von Sprache und Schrift, in dem er nationale Gemeinschaft ansiedelt und in dem ein Wandel einzusetzen hätte, der aus der Krise führt. Es ginge also gar nicht um territoriale, religiöse oder ethnische Fragen oder solche der staatlichen Verfassung, sondern vielmehr darum, dass Eliten und ‚einfache Menschen‘ gemeinsam an dem geistigen Band arbeiten, das sie verbinden soll und so die innere Integration herstellen, mit der die historische Zerrissenheit und Individualisierung der Deutschen überwunden werden soll. An einer Stelle umreißt Hofmannsthal den geographischen Bereich des „innerlich so weiten Raume[s] unseres großen Landes, vom Bodensee bis an die Kurische Nehrung, von der Weser bis ins steirische Gebirge“. Diese Regionen sind 1927 noch zweifelsfrei von deutschsprachigen Menschen bewohnt, die an diesem geistigen Raum deutschen Schrifttums teilhaben, aber es ist nicht von Böhmen und Mähren die Rede, von Ungarn, Triest oder Galizien, Gebieten also, die bis 1918 zum Habsburgerreich gehörten und in allen geographischen Definitionen von Mitteleuropa auftauchen. Die Teilhabe an diesem geistigen Raum ist aber auch unabhängig von der religiösen Orientierung: trotz der im Vortrag ausgesprochenen Kritik an der Reformation würde der geistige Raum offenbar nicht nur Katholiken, sondern auch Protestanten, Atheisten und Menschen mosaischer Konfession umfassen. Ein Idealbild des Dichters ist zweifellos die Una Sancta des vormodernen Reiches, eine höhere geistige und spirituelle Einheit, die aber zugleich eher auf dem humanistischen Erbe fußt, als auf der Institution Kirche. Keinesfalls ist an eine Volksgemeinschaft gedacht, die auf „Blut und Boden“, also auf einer angestammten Heimat oder gar „rassenmäßigen“ Abstammung beruht. Hofmannsthal verschiebt gewissermaßen das politische Konzept Mitteleuropa angesichts der sich anscheinend verfestigenden staatlichen Existenz der beiden deutschsprachigen Republiken auf einen Nationsbegriff, der vom Staatskörper und der Ethnizität abgelöst ist und damit „progressive“ Aspekte der Mitteleuropa-Idee aufnimmt, jedoch zugleich an der sprachlich und kulturell homogenen Vorstellung der modernen Nation festhält. Unverkennbar sind aber auch die damit verknüpften vor- und antimodernen Züge des geordneten, geschichteten Gesellschaftsmodells; für Hofmannsthal lag das Problem der Moderne in der fehlenden Bindung und Überindividualisierung.12 12 Es soll hier nicht auf die Debatte eingegangen werden, inwiefern Hofmannsthal mit der Rede und dem darin gebrauchten Begriff der „konservativen Revolution“ den späteren faschistischen und nazistischen Tendenzen vorgearbeitet hat; vgl. hierzu u. a. Mauser (1994), Mionskowski (2015) und Dethloff (2018). Dass Hofmannsthal zeitweise für Karl von Rohan eingetreten ist (der später begeistert den „Anschluss“ begrüßte und sich zum Nazi wandelte) oder dass er in diesen Jahren Texte von Carl Schmitt rezipierte (wie gleichzeitig der mit Hofmannsthal korrespondierende W. Benjamin), kann jedenfalls nicht als Indiz dafür herhalten, dass die Bedeutung des Begriffs „konservative Revolution“ für Hofmannsthal sich mit den Vorstellungen jener rechtsextremen Intellektuellen trifft, die später von Armin Mohler mit diesem Etikett belegt wurden.

5 Leopold von Andrian und der habsburgische Legitimismus nach 1918

Leopold von Andrian war Autor eines „Kultbuchs des Fin de siècle“ (ZEYRINGER; GOLLNER 2012ZEYRINGER, Klaus; GOLLNER, Helmut. Eine Literaturgeschichte. Österreich seit 1650. Innsbruck: StudienVerlag, 2012.: 387), Der Garten der Erkenntnis (1895), und publizierte eine Reihe von Gedichten in Stefan Georges Blättern für die Kunst; nach der Jahrhundertwende versiegte jedoch seine literarische Kreativität13 13 Zum umfangreichen Nachlass Andrians im Marbacher Literatur-Archiv gehören Fragmente eines Romans, an dem er jahrzehntelang zu arbeiten versuchte. Vgl. Riederer (2011) und Dorowin (2019: 202). und seine weiteren Publikationen beschränkten sich auf politischen Essayismus. Er verstand sich aber weiterhin als österreichischer Dichter und die enge Freundschaft mit Hofmannsthal wurde nur vom Tod des letzteren unterbrochen. Wie bereits bemerkt, gehörten sie demselben Sozialmilieu, derselben Konfession und derselben literarischen Bewegung an; beide teilten über lange Zeit die politischen Haltungen und waren durch die jüdische Herkunft antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt, trotz ihrer umfassenden Identifikation mit allem, was als Kern des Österreichischen angesehen werden kann: Monarchie, aristokratische Haltung, sozial konservative Gesinnung, psychologisch verfeinertes Kunstempfinden und kulturelles Erbe sowohl aus der Welt der katholischen Habsburger als auch aus der deutschen humanistischen Tradition. Die beruflichen Wege der Freunde trennten sich, als Andrian in den diplomatischen Dienst eintrat und u. a. 1902 auf einer seiner ersten Auslandsmissionen mehrere Jahre in Rio de Janeiro verbrachte. Weitere Stationen waren St. Petersburg, Bukarest, Athen und vor allem Warschau, wo Andrian bis zu seiner Berufung ins Außenministerium zu Beginn des Krieges als Generalkonsul tätig war. Seine gute Kenntnis der polnischen Verhältnisse - damals noch großenteils unter Herrschaft Preußens und Russlands - qualifizierte ihn dafür, sich als hoher politischer Beamter vor allem mit dem Schicksal Polens nach einem Sieg über die Entente zu befassen und mehrere Denkschriften dazu zu entwerfen, die teilweise eine Erweiterung der österreichisch-ungarischen Doppel- zu einer Tripelmonarchie unter Einschluss des ebenfalls katholischen und nunmehr zu einem neuen Staat zu vereinigenden Polen vorsahen. In Manfried Rauchensteiners (2015RAUCHENSTEINER, Manfried. Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie 1914-1918. Wien: Böhlau Verlag, 2015.: 299 ff.) Monographie zum 1. Weltkrieg finden sich hierzu zahlreiche Belege und Zitate.14 14 Es handelt sich um eine Variante des Trialismus, des Versuchs, die internen Spannungen des Habsburger Reichs durch eine Teilautonomie der slawischen Völker auszugleichen. Andrians Vorschlag war eine erweiterte Version der schon früher erwogenen Teilautonomie für Galizien. Die beiden anderen Varianten des Trialismus sahen ein südslawisches Teilreich (mit Slowenen, Kroaten, Bosniern und Serben) vor bzw. ein nördliches Teilreich mit Böhmen, Mähren und Südschlesien. Jede der drei Lösungen wäre wahrscheinlich am Einspruch der Ungarn gescheitert, selbst wenn der Thronfolger Franz Ferdinand Gelegenheit bekommen hätte, sie zu verwirklichen.

Kurz vor Kriegsende wurde Andrian auf Vermittlung Hofmannsthals zum Generalintendanten von Hofoper und Burgtheater berufen, legte den Posten jedoch unmittelbar bei der Abdankung des Kaisers nieder. Nach Kriegsende verschaffte sich der kaisertreue Baron die Liechtensteiner Staatsbürgerschaft,15 15 Damit war alles andere als eine Abkehr von seiner bisherigen nationalen Identität gemeint. In dem Augenblick nämlich, in dem das Kaiserreich sich auflöste und mit den anderen Einzelstaaten die Republik Österreich an seine Stelle trat, war Liechtenstein das einzige weiterhin monarchisch regierte Gebilde, das historisch zur ältesten und treuesten Habsburgischen Gefolgschaft gehört hatte. Vgl. Riederer (2011: 65). 16 Andrian spricht selbst im Zusammenhang mit der Ständeordnung von dem „metaphysische[n] Buch eines Laien“ (HOFMANNSTHAL; ANDRIAN 1968: 388). blieb jedoch politisch in Österreich aktiv. Er schrieb für extrem konservative Zeitschriften wie Der christliche Ständestaat und publizierte zwei umfängliche Monographien: Die Ständeordnung des Alls. Rationales Weltbild eines katholischen Dichters (1930ANDRIAN, Leopold von. Die Ständeordnung des Alls. Rationales Weltbild eines katholischen Dichters. München: Kösel & Pustet, 1930.) und Österreich im Prisma der Idee. Katechismus der Führenden (1937ANDRIAN, Leopold von. Oesterreich im Prisma der Idee: Katechismus der Fuehrenden. Graz: F. Schmidt-Dengler, 1937.) sowie ein kürzeres Brevier gleichen Tenors: Die Grundlehren des österreichischen Glaubens. Kleiner Katechismus für Patrioten (1938). Diese Publikationen sind schon durch ihre Titel als verstiegene, mystizistische Elaborate16 16 Andrian spricht selbst im Zusammenhang mit der Ständeordnung von dem „metaphysische[n] Buch eines Laien“ (HOFMANNSTHAL; ANDRIAN 1968: 388). ausgewiesen. Im Vorwort von Österreich im Prisma der Idee schreibt er, das Buch solle

Katechismus heißen, weil es angesichts von Irrlehren, welche das Land durchschwirren und sich sogar unter Patrioten einnisten, die Grundwahrheiten des rechtgläubigen Österreichertums zusammenfaßt, die jeder aus unserem Volke kennen und bekennen soll, denn außerhalb ihrer gibt es kein Heil für das Vaterland. (ANDRIAN 1937ANDRIAN, Leopold von. Oesterreich im Prisma der Idee: Katechismus der Fuehrenden. Graz: F. Schmidt-Dengler, 1937.: 7).

Die Bücher stießen auch unter den Zeitgenossen und Freunden Andrians auf wenig Zuspruch. Selbst Hofmannsthal hatte kaum Verständnis für die Ideen seines Freundes, soweit er sie vor seinem Tod noch zur Kenntnis nehmen konnte.17 17 In einem Brief vom 10. 12. 1926 antwortet Hofmannsthal auf die fast zwei Monate zuvor erfolgte Zusendung von Andrians „Schmerzenskind“: „[...] so ist es mir wirklich schneidend schmerzhaft Dir in Bezug auf diese mühevolle eigentümliche Arbeit eigentlich Alles schuldig geblieben zu sein. Aber ich kann ja nicht anders Poldy - es liegen eben meine Grenzen so besonders für diesen Fall.“ (HOFMANNSTHAL; ANDRIAN 1968: 385). Ein Teilabdruck des Buchs erschien 1927 in Hofmannsthals Neuen Deutschen Beiträgen. Österreich im Prisma der Idee ist eine Sequenz von „Wechselreden“ zwischen vier Personen die als Repräsentanten verschiedener Generationen und Stände fungieren: Heinrich Philipp (60 Jahre), Adliger; Gabriel (49 Jahre), Jesuitenpater; Erwin (55 Jahre), Dichter; Franz (28 Jahre), Heimwehroffizier (ANDRIAN 1937ANDRIAN, Leopold von. Oesterreich im Prisma der Idee: Katechismus der Fuehrenden. Graz: F. Schmidt-Dengler, 1937.: 18). Diese diskutieren an drei Abenden über die philosophischen, geschichtlichen und politischen Aspekte Österreichs; dessen Essenz und Mission besteht zunächst in seiner spezifischen Kultur, während es mit den Europäern dieselbe Zivilisation und den Deutschen dieselbe Geistigkeit teilt. Im geschichtlichen Raum erscheint das Habsburger Reich als Muster einer supranationalen, ständisch gegliederten Sozialordnung, an deren Spitze eine aristokratische Elite stand. In politischer Hinsicht wird in der Debatte betont, dass es der österreichische Adel sei (1918 offiziell abgeschafft!), der die Autonomie Österreichs als seine Aufgabe erkannt habe und in der Lage sei, das Land auf Distanz zu den deutschen Hegemoniebestrebungen zu halten.

Aus heutiger Sicht scheinen diese elitär-monarchistischen Schriften Andrian als weltfremden Kauz zu disqualifizieren und die Beschäftigung mit ihm ad absurdum zu führen. Aber das wäre voreilig. Im Jahr 2020 ist die Habsburger Monarchie bereits seit über einem Jahrhundert Geschichte, eine lange vergangene Realität, die in unserer Gegenwart kaum noch Spuren hinterlassen hat und unwiederbringlich versunken ist. In den ersten beiden Jahrzehnten nach 1918 war das noch ganz anders. Zwar hatten sich aus der Konkursmasse des Reiches mehrere Nationalstaaten gebildet, darunter die Republik Österreich. Doch dieser Staat war ein höchst fragiles Gebilde, das sich nicht primär dem Willen seiner Einwohner verdankte, eine Nation zu bilden, sondern der Sanktion der Alliierten in Saint-Germain, die ein vereinigtes Großdeutschland verhindern wollten.18 18 Der Artikel 2 der seit November 1918 tagenden Provisorischen Nationalversammlung für Deutschösterreich legte fest: „Deutschösterreich ist ein Bestandteil der Deutschen Republik [=Weimarer Republik]. In Erfüllung der Bedingungen des Vertrages von Saint Germain konnte diese Klausel nicht umgesetzt werden und der Staat wurde in Republik Österreich umbenannt.“ Vgl. dazu Karl Vocelka (2014: 97): „Der Staat nannte sich «Deutschösterreich», und das meinte einerseits, daß er alle deutschsprachigen Gebiete der Monarchie umfassen sollte, aber andererseits auch, daß dieses Land, dem Selbstbestimmungsrecht der Völker nach, ein Teil der Deutschen Republik sein wollte. Dieser geplante «Anschluß» von 1918, den eine große Mehrheit der Bevölkerung unterstützte, wurde von den Siegern des Ersten Weltkrieges verboten. Das Anschlußverbot im Vertrag von St. Germain - aber auch im Vertrag von Versailles mit Deutschland - stellte für den «Staat, den keiner wollte» und der sich als wirtschaftlich nicht lebensfähig erlebte, eine längerfristige Problematik dar.“ Ähnlich krisenanfällig wie die Weimarer Republik, dauerte dieser Staat denn auch nur bis zur Ablösung durch den sogenannten Austrofaschismus im Jahr 1934, der seinerseits mit Hitlers Annexion 1938 verschwand. Die jubelnden Massen auf dem legendären Heldenplatz bezeugten, in welch geringem Maße die meisten Österreicher ihrer nationalen Autonomie nachtrauerten.

Diese kurzlebige Republik war für die Menschen in den 16 Jahren ihres Bestehens zwar Realität und Gegenwart, aber die Erinnerung an „Die Welt von Gestern“ war zweifellos für die meisten Österreicher in jener Zeit noch ebenso gegenwärtig und mächtig wie für Stefan Zweig, der sie dann in seinen Exilmemoiren heraufbeschwor. Für die Österreicher schuf die Niederlage eine noch traumatischere Situation als für die Deutschen, was die Entstehung eines „Habsburgischen MythosMAGRIS, Claudio. Der habsburgische Mythos in der modernen österreichischen Literatur. Wien: Paul Zsolnay Verlag, 2000.“ (Claudio Magris) begünstigte.19 19 Vgl. hierzu auch Wendelin Schmidt-Dengler (1995): Abschied von Habsburg. Dass Leopold von Andrian in dieser Zeit Legitimist war, ist daher keineswegs so sonderlich, wie es heute erscheinen mag. Die bei den Wahlen angetretenen monarchistischen Parteien hatten zwar bei den Wählern wenig Erfolg, doch „[d]rei Monate vor dem Anschluß zählte“ nach Vanessa Conze (2009CONZE, Vanessa. Das Europa der Deutschen: Ideen von Europa in Deutschland zwischen Reichstradition und Westorientierung (1920 - 1970). München: Oldenbourg, 2009.: 101) „die legitimistische Bewegung 1,2 Millionen Mitglieder“ - bei einer Gesamtbevölkerung von nicht mehr als 6,7 Millionen! Dieselbe Autorin erwähnt, dass „[b]is 1938 […] 1602 Gemeinden Otto von Habsburg (1912-2011) zum Ehrenbürger“ ernannt hatten (ibid.). Dieser älteste Sohn des letzten Kaisers Karl I. war von seiner Mutter auch im Exil (in Spanien und Belgien) systematisch für die Aufgaben eines römisch-katholischen Monarchen ausgebildet worden und erlernte nicht nur Deutsch, Französisch, Englisch und Latein, sondern auch die Reichssprachen Ungarisch und Kroatisch. Seit seiner Volljährigkeit im Jahr 1930 agierte er vom Ausland aus im Sinne einer Wiederherstellung des Habsburgischen Reiches und seiner eigenen Einsetzung als Herrscher, wobei er sich klug den jeweiligen, rasch wechselnden politischen Lagen anpasste und auf einen Stab von treu ergebenen Anhängern zählen konnte (seine Thronansprüche wurden erst 1961 offiziell aufgegeben). Zu diesem Kreis gehörte auch Leopold von Andrian, wenngleich nicht zur unmittelbaren Entourage des Erzherzogs. Aber er wurde vom Prätendenten mit diplomatischen Missionen betraut und richtete seine Berichte direkt an seine „kaiserliche und königliche apostolische Majestät, Allergnädigste[n] Kaiser und Herr[n]“ (PRUTSCH; ZEYRINGER 2003PRUTSCH, Ursula; ZEYRINGER, Klaus (Hgg.). Leopold von Andrian (1875-1951): Korrespondenzen, Notizen, Essays, Berichte. Köln: Böhlau, 2003.: 704). Andrian war als Mitglied des österreichischen Exilkomitees der Legitimisten vorgesehen, aus welchem eines Tages die Neugründung Österreichs hervorgehen sollte (vgl. den Brief Degenfelds vom 19.4.1939, PRUTSCH; ZEYRINGER 2003PRUTSCH, Ursula; ZEYRINGER, Klaus (Hgg.). Leopold von Andrian (1875-1951): Korrespondenzen, Notizen, Essays, Berichte. Köln: Böhlau, 2003.: 665 f.). Über die geheime, aber hochoffizielle Tätigkeit Andrians sprechen die Dokumente aus seinem Nachlass in Marbach, von denen Ursula Prutsch und Klaus Zeyringer 2003 eine Auswahl veröffentlicht haben (PRUTSCH; ZEYRINGER 2003PRUTSCH, Ursula; ZEYRINGER, Klaus (Hgg.). Leopold von Andrian (1875-1951): Korrespondenzen, Notizen, Essays, Berichte. Köln: Böhlau, 2003.).20 20 Der gesamte Nachlass umfasst 50 Kartons. Vgl. auch Riederer 2011.

Die Legitimisten im Österreich der Zwischenkriegszeit waren zwar monarchistisch, erzkonservativ, fast durchweg katholisch und sympathisierten teilweise mit dem Austrofaschismus, aber sie blieben österreichische Patrioten und als solche strikte Gegner der Nazis und der Einverleibung Österreichs in das Großdeutsche Reich. Aus diesem Grund wurden sie nach 1938 verfolgt, und Andrians Flucht ins erste Exilland Frankreich verdankt sich wohl vorrangig seiner Rolle im Legitimismus und weniger seiner jüdischen Herkunft.21 21 Dorowin (2019: 205) erwähnt, dass Österreich im Prisma der Idee „nach dem Anschluss eingestampft“ wurde. Es sei bei dieser Gelegenheit an die eigenartige Tatsache erinnert, dass auch Stefan Zweig den Protagonisten seiner Schachnovelle (1942CARPEAUX, Otto Maria. Última canção - vasto mundo. Correio da Manhã, Rio de Janeiro, n. 14713, 18 out. 1942. 1-2.) nicht etwa als Juden oder Sozialisten zum Opfer der Gestapo werden lässt, sondern als Menschen, der der Kaiserfamilie noch nach ihrer Abdankung treu geblieben ist.

Leopold von Andrian teilte offenbar Otto von Habsburgs Zwischenkriegshoffnungen von einer Restitution des Vielvölkerstaats als Staatenbund unter österreichischer Federführung und sondierte noch 1939 und 1940 bei polnischen, ungarischen und tschechischen Politikern im Exil (vgl. den Brief Andrians an O.v.H. vom 16. Jänner 1940, PRUTSCH; ZEYRINGER 2003PRUTSCH, Ursula; ZEYRINGER, Klaus (Hgg.). Leopold von Andrian (1875-1951): Korrespondenzen, Notizen, Essays, Berichte. Köln: Böhlau, 2003.: 704 ff.). Unter österreichischer Nation verstand er - wie Otto von Habsburg22 22 „[…] wenn etwa Otto von Habsburg in der Frühphase des Zweiten Weltkrieges von der ‚österreichischen Nation‘ sprach, dann subsumierte er darunter „alle Nachfolgestaaten der Monarchie“, dem alten, vormodernen Nationsverständnis Österreichs entsprechend.“ (CONZE 2009: 108). - die seit Jahrhunderten bestehende Einheit der Völker unter der Reichs-, Stephans, und Wenzelskrone, also der Deutschen, Böhmen, Mähren, Ungarn und Kroaten (vgl. den Kommmentar von Prutsch und Zeyringer in PRUTSCH; ZEYRINGER 2003PRUTSCH, Ursula; ZEYRINGER, Klaus (Hgg.). Leopold von Andrian (1875-1951): Korrespondenzen, Notizen, Essays, Berichte. Köln: Böhlau, 2003.: 650). So schrieb er in seinem Manuskript zum Essay „Le rôle de l’Autriche d’après guerre“, der 1940 in der Revue Paris erscheinen sollte (was dann durch den Einmarsch der deutschen Truppen verhindert wurde):

La constitution d'un ordre européen, destiné à garantir pour longtemps la paix et l'équilibre du continent ne se conçoit pas sans la création d'une confédération des états de l'Europe centrale, dont la Tchèquie avec les Sudètes, la petite Autriche du traité de St. Germain, la Hongrie et la Slovaquie, sans parler d'autres adhésions possibles et désirables, seraient membres obligatoires. Chacun des États confédérés garderait et son indépendance et sa souverainité, tout en cédant de son propre gré à la confédération les attributions nécessaires, pour en garantir la sécurité et par conséquence l'existence, la liberté et la prospérité de ses membres vis-à-vis des velleités de domination de ses voisins. Il faudra donc que ces états forment une unité diplomatique, militaire et douanière et que par ailleurs la plus complète égalité des membres de la Confédération soit garantie d'une manière efficace. (PRUTSCH; ZEYRINGER 2003PRUTSCH, Ursula; ZEYRINGER, Klaus (Hgg.). Leopold von Andrian (1875-1951): Korrespondenzen, Notizen, Essays, Berichte. Köln: Böhlau, 2003.: 653).

Als ideale Herrschaftsform schwebte ihm bis zuletzt ein hierarchisch gegliederter aristokratischer Staat vor. Noch 1950 notierte er in seinem Notizbuch ein Lob der Monarchie:

Der Schauer der Jahrhunderte, der durch Jahrhunderte ausgeübten Macht, besessene Größe, womit man wieder auf die aristokratische Idee zurückkommt, - der König der erste Adlige, u. eine ähnliche Art von Gefühle[n] wird auch dem Aristokraten entgegengebracht werden. (zit. n. RIEDERER 2011RIEDERER, Günther. Der Letzte Österreicher. Leopold von Andrian und sein Nachlass im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Marbach am Neckar: Deutsche Schillergesellschaft, 2011.: 66).

Von August 1940 bis Juni 1945 lebte er zum zweiten Mal in Brasilien. Bald nach seiner Ankunft (24.10.1940) wurde er als „Leopoldo d’Andrian, ex-ministro da Austria, poeta e filósofo“ zu einer Rede vor der Academia Brasileira de Letras eingeladen, wovon er in einem Brief an Carl Jacob Burckhardt berichtete:

Die Brasilianer sind unendlich artig u. achtungsvoll für geistige Europäer. Ich wurde letzthin auf rührende Art in der Brasilianischen Academie empfangen, wo man mir mit einer viel zu schmeichelhaften Ansprache les honneurs de la séance machte. Freilich kann ich Dir nicht verschweigen, dass Stefan Zweig, den der Bahr den "Erwerbszweig" nannte, hier auch fétiert wird ... (Brief an C. J. Burckhardt vom 30. 10. 1940 aus Rio) (PRUTSCH; ZEYRINGER 2003PRUTSCH, Ursula; ZEYRINGER, Klaus (Hgg.). Leopold von Andrian (1875-1951): Korrespondenzen, Notizen, Essays, Berichte. Köln: Böhlau, 2003.: 718).

Zweig war am 21. August 1940 ebenfalls in Rio eingetroffen, verbrachte aber von April bis September des folgenden Jahres noch eine Zeit in New Haven, bevor er sich definitiv in Petrópolis niederließ und dort sein eigenes Leben und das seiner Frau Lotte beendete. Von einem Zusammentreffen der beiden ist nichts bekannt, wohl aber, dass Andrian wie sein Freund Hofmannsthal (und der Mentor von Jung-Wien, Hermann Bahr) den literarischen Kollegen seit den Zeiten der Polemik23 23 Über das Café Griensteidl, Jung Wien und Karl Kraus‘ Satire Die demolirte Literatur, in der insbesondere auch Andrian karikiert wird, vgl. ZEYRINGER; GOLLNER 2012: 378 ff.; zur späteren Auseinandersetzung zwischen Theodor Herzl, der Zweig und ein paar heute völlig vergessene Poeten über Hofmannsthal gestellt hatte, und Karl Kraus Erwiderung in der Fackel, vgl. LE RIDER 2018: 46 f. zwischen Theodor Herzl (pro Zweig) und Karl Kraus (pro Hofmannsthal) nicht besonders schätzten (vgl. LE RIDER 2018LE RIDER, Jacques. Literarische und kulturhistorische Voraussetzungen. In: LARCATI, Arturo; RENOLDNER, Klemens; WÖRGÖTTER, Martina (Hgg.) Stefan-Zweig-Handbuch. Berlin: de Gruyter, 2018, 43-52.: 46 f.). In einem Brief an seinen Freund hatte Andrian über Zweigs Novelle Verwirrung der Gefühle (1927) geschrieben: „jeder Satz prätentiös über die Maßen, falsch und nichtssagend - das Ganze ein völliges Nichts“ (HOFMANNSTHAL; ANDRIAN 1968HOFMANNSTHAL, Hugo von; ANDRIAN, Leopold von. Briefwechsel. Hg. v. Walter H. Perl. Frankfurt a. M.: Fischer, 1968.: 408). Bedenkt man, dass die verdeckte Homosexualität, Andrians lebenslanges Problem, auch das Thema der Novelle ist, wird dieses Urteil umso vernichtender. Verständlich, dass er einen Kontakt mit dem Autor mied - trotz des gemeinsamen Schicksals und der erneuten Nähe im überseeischen Exil.

Während der internationale Großschriftsteller Zweig in der brasilianischen Presse tatsächlich gefeiert wurde, blieb Andrian weitgehend unbeachtet. Immerhin gelang es ihm, im Januar 1941 ein „unveröffentlichtes Kapitel“ seiner Memoiren im Correio da Manhã unterzubringen, in dem er über die diplomatischen Verhandlungen aus seiner Zeit in Sankt Petersburg vor dem Ersten Weltkrieg berichtet. Es war auch ein - vergeblicher - Versuch, sein Einkommen in Brasilien zu verbessern. Es war dieselbe Zeitung, in der Otto Maria Karpfen drei Monate später unter dem Namen Carpeaux regelmäßig seine Essays zu publizieren begann. In einem Artikel über moderne Lyrik vom 18.10.1942 spricht Carpeaux vom „letzten Repräsentanten“ des österreichischen Symbolismus, seinem „illustren Freund Baron von Andrian, der hier unter uns lebt“. Beide dürften sich als Beiträger des Christlichen Ständestaats schon in Wien gekannt. In Brasilien gab es eine zumindest indirekte Verbindung über den ungarischen Exilanten Paulo Rónai (vgl. PRUTSCH; ZEYRINGER 2003PRUTSCH, Ursula; ZEYRINGER, Klaus (Hgg.). Leopold von Andrian (1875-1951): Korrespondenzen, Notizen, Essays, Berichte. Köln: Böhlau, 2003.: 737).

Der bedeutende brasilianische Literaturwissenschaftler und Soziologe Antonio Candido de Mello e Souza (1918-2017) erinnerte sich in einem autografischen Fragment (1993CANDIDO, Antonio. Recortes. São Paulo: Companhia das Letras, 1993.: 36), dass Anfang 1941 ein schmächtiger, alter Mann mit einem mächtigen Schnurrbart wie Nietzsche bei seinem Vater Aristides Candido de Mello e Souza, einem Arzt im Schwefelkurort Poços de Caldas wegen chronischer Arthritis in Behandlung war und auch gelegentlich zum Essen eingeladen wurde. Erst später wurde ihm klar, wer dieser unterhaltsame (in exquisitem Französisch) und nach Vorkriegsart höfliche Herr gewesen war, der sich über die griechischen Vornamen der Hotelbediensteten amüsierte und „immer denselben grauen Anzug trug, mit einer Uhrkette von einer Westentasche zur anderen, an der die Miniaturen seiner Auszeichnungen befestigt waren“ (CANDIDO 1993CANDIDO, Antonio. Recortes. São Paulo: Companhia das Letras, 1993.: 240).24 24 Für den Hinweis auf die Erinnerung von Antonio Candido bedanke ich mit bei Marcus V. Mazzari.

Der kaiserlichen Familie brachte Andrian auch im brasilianischen Exil noch eine fast kindliche Bewunderung entgegen. So schrieb er nach einem Galadiner für 60 Personen, das der ehemalige österreichische Gesandte Anton Reschek in Rio zu Ehren des Erzherzogs Felix von Habsburg, Ottos jüngerem Bruder, veranstaltet hatte: „Wir hatten letzthin den Erzh[erzo]g Felix hier, den alle Leute hier mit Recht charmant fanden, obwohl er lang nicht so hübsch wie sein Bruder ist. Ich habe ihn einige Male gesehn.“ (PRUTSCH; ZEYRINGER 2003PRUTSCH, Ursula; ZEYRINGER, Klaus (Hgg.). Leopold von Andrian (1875-1951): Korrespondenzen, Notizen, Essays, Berichte. Köln: Böhlau, 2003.: 726 f.).

Unmittelbar nach Kriegsende begab er sich nach Europa, wo er nun wieder Zugang zu seinem Domizil in Liechtenstein hatte, aber in der österreichischen Nachkriegspolitik spielte er keine Rolle mehr; 1951 starb er in Fribourg/Schweiz.

Der Holocaust und die Verfolgung der Juden durch die Nazis werden von Andrian nie explizit thematisiert, es macht den Eindruck, als wäre das alles außerhalb seines Gesichtsfeldes geblieben. Sein Katholizismus war kein bloßer Firnis oder Mimikry; er war zwar ohnehin christlich getauft, hatte aber auch in den ersten Jahren nach der Jahrhundertwende eine religiöse Krise durchlebt (vgl. den Brief vom 12.07.1904; HOFMANNSTHAL; ANDRIAN 1968HOFMANNSTHAL, Hugo von; ANDRIAN, Leopold von. Briefwechsel. Hg. v. Walter H. Perl. Frankfurt a. M.: Fischer, 1968.: 165 f.). Auch die politische Haltung beruhte auf tiefer Überzeugung, wie sein fünf Jahre langes ernstes Ringen um die Ständeordnung des Alls zeigt (vgl. HOFMANNSTHAL; ANDRIAN 1968HOFMANNSTHAL, Hugo von; ANDRIAN, Leopold von. Briefwechsel. Hg. v. Walter H. Perl. Frankfurt a. M.: Fischer, 1968.: 383 u. ö.). Dass ihn die Nazis als Juden einstuften, war ihm freilich völlig klar, wie seine sofortige Flucht nach der Invasion Frankreichs zeigt.25 25 In einem Brief vom 16.10.1940 aus Rio an seine in Nizza zurückgebliebene Frau Andrée Wimpffen rechtfertigt er seine sofortige Flucht allerdings auf eine mehrdeutige Weise: „Je savais d’avance et je le sais maintenant pertinement [sic] par des amis malades, que souffraient de la même maladie que moi, qu’une fois rentré, on m’aurait forcé de me faire soigner dans un de ces sanatoriums, très bien aménagés, mais où l’on meurt quand même très vite …“ (PRUTSCH; ZEYRINGER 2013: 714 f.). Schon in dem vorangegangenen Schreiben hatte er seine Reise mit dieser mysteriösen „Krankheit“ erklärt, deretwegen für ihn „wie für viele andere die Luft des europäischen Kontinents gegenwärtig unatembar“ sei (id. 712). Man darf davon ausgehen, dass sich die Chiffre auf die Verfolgung der Juden bezieht, denkbar wäre aber auch, dass er damit die politische Gegnerschaft zu den Nazis meint, oder sogar seine Homosexualität. Dennoch verstand er selbst sich weiterhin als Erbe einer jahrhundertealten ‚arischen‘ Adelsfamilie. Solange er sich in den Kreisen der Legitimisten bewegte, konnte er an dieser Überzeugung festhalten, da es hier keine offene Diskriminierung seiner (halb)jüdischen Herkunft oder seiner (stets verborgenen) Homosexualität gab. Sowohl als Adliger als auch als Mensch mit jüdischen Vorfahren lag es in Andrians Interesse, an der Reichsidee und der Mitteleuropa-Konzeption Österreichs festzuhalten, weil nur sie sein Selbstbild und zugleich sein Überleben garantierten.

6 Otto Maria Karpfen als Apologet des autoritären Ständestaats

Otto Karpfen26 26 Die portugiesischsprachige Wikipedia-Seite zu Karpfen/Carpeaux ist sehr ausführlich und gut dokumentiert; aus ihr wurden die meisten biographischen Angaben entnommen. Es existiert kein deutschsprachiges Pendant. Online: https://pt.wikipedia.org/wiki/Otto_Maria_Carpeaux war Sohn des jüdischen Wiener Anwalts Max Karpfen und seiner katholischen polnischen Ehefrau Gisela, geb. Schmelz; seine Mutter dürfte freilich von den Nazis ebenfalls als Jüdin eingestuft worden sein, denn sie wurde im April 1942 in ein Sammellager in der Wiener Kleinen Sperlgasse gebracht, mit 997 anderen nach Izbica deportiert und später wahrscheinlich in Belzec oder Sobibor ermordet (vgl. COLFFIELD 2017COLFFIELD, Carol. Carpeaux, Otto Maria. Arquivo virtual Arqshoah, 2017. Online: Online: https://www.arqshoah.com/index.php/busca-geral/aei-91-carpeaux-otto-maria (01/06/2019).
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). Ihr Sohn Otto Karpfen studierte Jura, Chemie und Philosophie in Wien und wurde 1925 mit einer Arbeit „Über die Hypohirnsäure“ im Fach Chemie promoviert (COLFFIELD 2017COLFFIELD, Carol. Carpeaux, Otto Maria. Arquivo virtual Arqshoah, 2017. Online: Online: https://www.arqshoah.com/index.php/busca-geral/aei-91-carpeaux-otto-maria (01/06/2019).
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; ECKL 2010ECKL, Marlen. Zuflucht in den Tropen - Das deutschsprachige Exil in Brasilien. In: SPALEK, John M.; FEILCHENFELDT, Konrad; HAWRYLCHAK, Sandra H. (Hg.) Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933. Berlin, New York: de Gruyter, 2010, 337-390.: 354). Er heiratete 1930 in der neu gebauten Hietzinger Synagoge die ebenfalls jüdische Sängerin Helene Silberherz, und konvertierte am 18. 4. 193327 27 Die Angabe beruht auf dem Artikel in Wikipedia, der sich seinerseits auf die genealogische Datenbank GenTeam.at beruft. Laut Eckl (2010: 211) fand die Konversion bereits 1932 statt. zum Katholizismus, woraufhin er seinem Namen ein „Maria“ einfügte. Unter diesem Namen sowie dem Pseudonym „(Otto Maria) Fidelis“ publizierte er - wie Andrian - in Der christliche Ständestaat28 28 Am Rande sei bemerkt, dass auch Eugen Kogon (1903-1987), unehelicher Sohn einer ukrainischen Jüdinund aufgewachsen in katholischen Internaten, im Umkreis der Zeitschrift und des Austrofaschismus aktiv war. Kogon wurde beim „Anschluss“ nach Buchenwald deportiert und schrieb nach der Befreiung des Lagers eines der ersten und einflussreichsten Bücher über die Konzentrationslager (Der SS-Staat, 1946). Als letzter Band seiner Gesammelten Schriften erschien 1999 der Band Die Idee des Christlichen Ständestaats. und war außerdem laut Marlen Eckl (2010ECKL, Marlen. Zuflucht in den Tropen - Das deutschsprachige Exil in Brasilien. In: SPALEK, John M.; FEILCHENFELDT, Konrad; HAWRYLCHAK, Sandra H. (Hg.) Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933. Berlin, New York: de Gruyter, 2010, 337-390.: 354) Redakteur des Literaturressorts der christlich-sozialen Reichspost.29 29 Karpfen hatte diese Informationen selbst 1940 gegenüber brasilianischen Gesprächspartnern gegeben. Letztere war bis 1918 kaisertreu gewesen und unterstützte in der Folgezeit die Regierungen der Ersten Republik und des Austrofaschismus. Gründer der Zeitschrift Der Christliche Ständestaat war der Deutsche Dietrich von Hildebrand, einer der wenigen konservativen Katholiken, die sich damals dezidiert gegen Rassismus und Antisemitismus wandten. Der christliche Ständestaat sollte primär die autoritären Regierungen von Engelbert Dollfuß und Kurt Schuschnigg unterstützen, war aber in seiner antinazistischen Tendenz auch offen für legitimistisch gesinnte Beiträger.30 30 Laut Elke Seefried (2006: 421) wurde die Zeitschrift von katholischen Emigranten aus Deutschland gegründet und dominiert. Die Auflagenhöhe wird mit ca. 4000 Exemplaren angegeben. In den ersten Jahren des Regimes bestanden enge Beziehungen zwischen der Regierung und der Zeitschrift. Zahlreiche Beiträge (wie auch die von Karpfen selbst) vertreten Ansichten, die auch in Österreichs europäische Sendung propagiert werden: Ziel einer Donauföderation aus dem Geist des katholischen Abendlands, Vermittlung zwischen romanischer und slawischer Welt und „Zugehörigkeit Österreichs zur deutschen Nation“ unter „Betonung der Eigenständigkeit und der Sendung in Mitteleuropa“ (2006: 433 f.).

Otto Maria Karpfens erstes Buch Wege nach Rom (1934KARPFEN, Otto Maria. Wege nach Rom. Abenteuer, Sturz und Sieg des Geistes. Wien; Leipzig: Reinhold-Verlag, 1934.) ist eine Apotheose des katholischen Glaubens und der römisch-apostolischen Kirche, die jedoch weniger auf mystisch-religiösen Erwägungen fußt als auf kulturhistorischen und politischen. 1935 folgte Österreichs europäische Sendung. Ein außenpolitischer Überblick, das an zentrale Aspekte der Mitteleuropa-Idee anknüpft, allerdings mit anderer Akzentuierung als bei Hofmannsthal und Andrian.31 31 In einem Artikel über die „Identitätspolitik des autoritären ‚Ständestaats‘“ anhand der Apologie des Barockzeitalters zitiert Werner Suppanz (2006: 114, 115, 117) mehrfach aus Karpfens Buch, ohne dabei die Identität des Pseudonyms „Fidelis“ aufzudecken. Dieser Text von Suppanz ist der einzige mir bekannte wissenschaftliche Beitrag, in dem das frühe Werk Karpfens außerhalb der Exilthematik auftaucht. 32 Die politische Bewertung der österreichischen Diktatur ist so unterschiedlich wie die Benennungen. Die Selbstbezeichnung war „Ständestaat“; trotz der recht eindeutigen Anlehnung an die Diktatur Mussolinis wird der Ausdruck „Austrofaschismus“ nicht von allen Historikern verwendet. Vgl. Manfried Rauchensteiner (2017: 117): „Ganz offensichtlich wurde die Bezeichnung nicht als herabwürdigend angesehen. Fragte sich nur, ob das Wort den Kern der Sache traf.“ - Oliver Rathkolb (2017: 81) referiert dazu: „Bis heute diskutiert wird auch in der Historiographie die Einordnung des ‚Dollfuß-Schuschnigg‘ Regimes vor dem Hintergrund der autoritären bis totalitären Regime in Europa. Der Politikwissenschaftler Emmerich Tálos hat in den letzten Jahren die Diskussion auf den Begriff ‚Austrofaschismus‘ hin fokussiert (TÁLOS; NEUGEBAUER 2005). Ältere Modelle wie jenes von Francis L. Carsten oder Klaus-Jörg Friedrich mit ‚Klerikalfaschismus‘ oder ‚Regierungsdiktatur‘ von Wohnout erodieren zugunsten klarer Zuschreibung in Richtung des eindeutigen Diktaturcharakters und des Verfassungsbruchs 1933. Der Historiker Ernst Hanisch oszilliert zwischen ‚Präventionsfaschismus‘ und ‚Imitationsfaschismus‘, d.h. dem Bestreben des Regimes den Nationalsozialismus durch ein spezifisches faschistisches Regime in Österreich zu verhindern, bzw. zuerst den italienischen Faschismus und ab 1936 zunehmend den Nationalsozialismus als Vorbild für die autoritären Regimeinterventionen und politischen Pressionen zu nehmen.“ Im Unterschied zum letzteren finden sich keinerlei monarchistische Anklänge. Karpfens politische Helden heißen Ignaz Seipel, Engelbert Dollfuß und Kurt Schuschnigg, die konservativ-autoritären Politiker der Christlich- Sozialen Partei, die durchgängig demokratieskeptisch oder gar -feindlich eingestellt waren und schließlich die 1. Republik in einen autoritären Staat verwandelten. Im Einklang mit der (anfänglichen) Politik des sogenannten Austrofaschismus32 32 Wohnout (2018) beschreibt detailliert das zum nicht geringen Teil auf Druck Mussolinis Zustandekommen der autoritären Verfassung und die Parallelen (aber auch Differenzen) zum italienischen Faschismus. verfolgte auch Karpfen konsequent die Linie einer Autonomie Österreichs gegenüber dem Deutschen Reich, ohne dass Prinzipien wie Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit eine Rolle spielen würden.

Für ihn wurzelt die Mission Österreichs noch im Römischen Reich, zu der Zeit als der Markomannenfürst Marbod die ursprünglich keltische Bevölkerung der Provinzen Noricum und Pannonia germanisierte.

Jener Gegensatz, der zum erstenmal in der Geschichte aufbrach, als Marbod, der angebliche Verräter, das Reich der germanisch-romanischen Synthese schaffen wollte, das das erste römisch-deutsche Reich geworden wäre und an dem barbarischen Eigendünkel des militaristischen Niedersachsen Armin scheiterte. Jener Gegensatz zwischen dem Reich, in dem die Völker unter dem Szepter des väterlichen Kaisers friedlich beisammenwohnen, und dem Staat, in dem ein Militärkönig seine Grenadiere drillt, und der darum, nach der richtigen Erkenntnis Carl Schmitts, nur ein Militärstaat sein kann und mit allen bürgerlichen Rechtsformen unverträglich ist. Kurz, der Gegensatz zwischen Österreich und Preußen. (FIDELIS 1935FIDELIS, Otto Maria (i.e. Otto Maria Karpfen). Österreichs europäische Sendung. Ein außenpolitischer Überblick. Wien: Reinhold-Verlag, 1935.: 14).

Nicht die barbarischen Bajuwaren, sondern die römisch akkulturierten Markomannen werden damit zu den Vorfahren der Österreicher. Hier legt Karpfen den Ursprung einer Differenz zwischen einem mit Rom und der katholisch-lateinischen Welt verbundenen Österreichertum und einem heidnischen Norden Germaniens, geschichtlich fortgesetzt durch die Reformation und das „häretisch-protestantische Gegenreich des Königs von Preußen und seiner national-sozialistischen Epigonen“ (FIDELIS 1934: 38 f.). Wie schon bei Andrian wird hier Hofmannsthals Gegensatz zwischen dem Preußen und dem Österreicher radikalisiert, systematisiert und mit historischer Tiefe ausgestattet, so dass das nach-monarchische Österreich als einziger legitimer Träger der antiken und der mittelalterlichen Reichsidee erscheint.

Die alte Sendung Österreichs war: Brücke zu sein zwischen dem Abendland und der vom Orient her bedrohten slawischen Welt. Eine deutsche Sendung, denn das deutsche Volk ist zwischen dem Westen und dem Osten in die europäische Mitte gestellt.

Die neue Sendung Österreichs ist: Brücke zu sein zwischen der durch Italien repräsentierten lateinischen Welt, die auf das Imperium des Mittelmeeres Recht und Anspruch hat, und der slawischen Welt, die auf dem kontinentalen Boden des Südostens das Erbe einer bäuerlich-patriarchalischen Volkskultur zu hüten hat, wie sie im donau- europäischen Raum seit je heimisch war. Eine deutsche Sendung, denn das deutsche Volk ist auch zwischen die lateinische und die slawische Welt in die Mitte gestellt. (FIDELIS 1935FIDELIS, Otto Maria (i.e. Otto Maria Karpfen). Österreichs europäische Sendung. Ein außenpolitischer Überblick. Wien: Reinhold-Verlag, 1935.: 67).

„Nur katholisches Deutschtum“ so schreibt Karpfen, „ist fähig, die deutsche Sendung Österreichs zu übernehmen und zu erfüllen.“ (FIDELIS 1935FIDELIS, Otto Maria (i.e. Otto Maria Karpfen). Österreichs europäische Sendung. Ein außenpolitischer Überblick. Wien: Reinhold-Verlag, 1935.: 85). Diese Mission habe es bis 1918 wahrgenommen als Bollwerk zwischen dem Abendland und dem Osten und ist nun dazu bestimmt, eine Brücke zwischen West- und Südeuropa (der Romania) und den katholischen Völkern Südosteuropas (Tschechen, Slowaken, Ungarn, Slowenen und Kroaten) zu bilden. Das steht völlig im Einklang mit der Außenpolitik von Dollfuß, der in Bündnissen mit Mussolinis Italien33 33 Wohnout (2018) beschreibt detailliert das zum nicht geringen Teil auf Druck Mussolinis Zustandekommen der autoritären Verfassung und die Parallelen (aber auch Differenzen) zum italienischen Faschismus. und dem Ungarn des Diktators Horthy die Unabhängigkeit seines Staats zu wahren versuchte. Die in der Tat fragile Situation der anderen kleinen mitteleuropäischen Länder hatte schon 1920 in der Kleinen Entente (Tschechoslowakei, Jugoslawien, Rumänien) ihren Ausdruck gefunden und wird von Karpfen mehrfach angesprochen. Den Vertrag zwischen Wien, Budapest und Rom sieht er als parallel gelagertes Bündnis und erhofft sich eine Annäherung der beiden Pakte, die mittelfristig wieder zu einem Staatenbund führen könne, der territorial, kulturell und ökonomisch dem Habsburgerreich entspräche (vgl. FIDELIS 1935FIDELIS, Otto Maria (i.e. Otto Maria Karpfen). Österreichs europäische Sendung. Ein außenpolitischer Überblick. Wien: Reinhold-Verlag, 1935.: 70). Die Zentralidee seines Buchs steht dem österreichischen Mitteleuropa-Gedanken sehr nahe:

Die Sendung Österreichs war also und ist eine deutsche Sendung, aber sie greift weit hinaus über den deutschen Volksboden, sie ist zugleich auch übernational, wie das heilige römische Reich übernational war, und die heilige katholische Kirche übernational ist. Das alte und das neue Österreich gleichen sich darin, daß ihr geschichtlicher Auftrag deutsch und übernational zugleich ist. Die neue Zeit, die unterdessen auch für das Donauland gekommen ist, fordert freilich neue Formen und andere Methoden. Aber Österreich wird auch seine neue Aufgabe, eine politische Synthese im Osten Europas zu schaffen, am besten erfüllen, wenn es sein Erbe wahrt: die deutsche Art, die übernationale Weite und den treuen Glauben. Das heißt aber: Alt-Österreich im besten Sinne in Neu- Österreich. (FIDELIS 1935FIDELIS, Otto Maria (i.e. Otto Maria Karpfen). Österreichs europäische Sendung. Ein außenpolitischer Überblick. Wien: Reinhold-Verlag, 1935.: 67 f.).

Auch in diesem Buch sind die Juden auf gespenstische Weise abwesend. Nur an einer Stelle kommt es zu einer polemischen Attacke auf den ungarischen Chauvinismus, an dem auch die „Judaeomagyaren“ einen verhängnisvollen Anteil gehabt hätten.34 34 Laut Reichmann (2002: 143) waren die Juden in Ungarn, nach einem Ausdruck Karl Luegers „Judaeomagyiaren“, stärker als in irgendeinem anderen europäischen Land integriert und bildeten eine starke Fraktion in dem zur Unabhängigkeit strebenden ungarischen Bürgertum. Allerdings gibt es eine explizite Abgrenzung von der nazistischen Rassenideologie. Ein „wissenschaftlich so ungeklärter Begriff wie der der Rasse [sei] wenig geeignet“ als Grundlage für einen Staat (FIDELIS 1935FIDELIS, Otto Maria (i.e. Otto Maria Karpfen). Österreichs europäische Sendung. Ein außenpolitischer Überblick. Wien: Reinhold-Verlag, 1935.: 20). Karpfen bringt die westeuropäische ethnische Nationskonzeption auch in Verbindung mit der „unheilvollen“ Situation in Osteuropa, wo die multiethnische Vergangenheit durch die neuen Nationalismen bedroht sei:

Der politische Rassebegriff setzt nach westlicher Art Staat und Nation in rücksichtsloser und vergewaltigender Weise gleich; er rückt aber auch nach östlicher Art den Begriff des Nationalen in den Mittelpunkt und ergibt sich damit jenen Anschauungen, die den Osten Europas seit jeher mit unheilvoller Zerrissenheit bedrohten, schließlich den engen nationalen Staatsgedanken über den übernationalen Reichsgedanken triumphieren ließen, und, bei den nationalen Mischungsverhältnissen Ost- und Südosteuropas, seit 1918 das Unglück zahlreicher nationaler Minderheiten ausmachen. (FIDELIS 1935FIDELIS, Otto Maria (i.e. Otto Maria Karpfen). Österreichs europäische Sendung. Ein außenpolitischer Überblick. Wien: Reinhold-Verlag, 1935.: 20 f.).

Gegen den auf biologischer Abstammung beruhenden deutschen Nationsbegriff behauptet er eine österreichische Vorstellung von Nation, die sich auf die „Heimat“, eine geographisch-kulturelle Herkunft stützt.

Dem Donauländer, dem Österreicher im weiteren Sinne, bedeutet die Scholle, die Erde, die ihn nährt, das Vaterland. Dem Deutschländer dagegen, dem Deutschen im engeren Sinne, bedeutet die Nation, der Inbegriff sprachlicher und abstammungsmäßiger Gemeinschaft, das Vaterland [...]. (FIDELIS 1935FIDELIS, Otto Maria (i.e. Otto Maria Karpfen). Österreichs europäische Sendung. Ein außenpolitischer Überblick. Wien: Reinhold-Verlag, 1935.: 21).

Gegenüber der rassistischen Blut-Boden-Ideologie der Nazis bleibt dieser Heimatbegriff offen für Menschen verschiedenen „Stammes“, ohne ethnische Minderheiten aggressiv auszugrenzen. Gemeint sind damit in erster Linie Minderheiten, die sich nach 1918 auch in den Nachfolgestaaten der Doppelmonarchie fanden, also die Ungarn und Deutschen in Rumänien etc. Implizit gilt diese Toleranz aber auch für Minderheiten ohne „Nation“ wie Juden, Sinti und Roma.

Joseph II., der aufgeklärte Kaiser der Judenemanzipation, erscheint bei Karpfen als „Verderber Österreichs“ (FIDELIS 1935FIDELIS, Otto Maria (i.e. Otto Maria Karpfen). Österreichs europäische Sendung. Ein außenpolitischer Überblick. Wien: Reinhold-Verlag, 1935.: 48), denn seine Politik der religiösen Toleranz hätte im Gegenzug die „Germanisierung“ und damit die Annäherung an die völkisch fundierten Nationalstaatskonzepte West- und Nordeuropas bewirkt, aus der dann das Nationalitätenproblem des Reiches erwachsen sei.

Das Buch propagiert realpolitische Perspektiven, die 1935 noch tragfähig waren, und ist - anders als Andrians metaphysische Vision - wissenschaftlich gehalten, auch formal, durch Verweise auf Forschungsliteratur, Fußnoten und eine Bibliographie. Beachtlich sind die stupenden historischen Kenntnisse des Autors, mit denen er seine teilweise bizarren Argumentationen untermauert; Karpfen muss über umfangreiche Lektüren und ein hervorragendes Gedächtnis verfügt haben, was ihm in seiner späteren kulturjournalistischen Tätigkeit in Brasilien zustatten kam. Inhaltlich gibt es keine erkennbaren Differenzen zur offiziellen Position der Regierung Schuschnigg, dessen von den Nazis ermordeter Vorgänger Dollfuß als Märtyrer im Sinne Jeanne d’Arcs apostrophiert wird (FIDELIS 1935FIDELIS, Otto Maria (i.e. Otto Maria Karpfen). Österreichs europäische Sendung. Ein außenpolitischer Überblick. Wien: Reinhold-Verlag, 1935.: 19). Der Sinn des Buches lag offenbar darin, die Bevölkerung Österreichs für den politischen Weg des Ständestaats einzunehmen und mit historischen, kulturellen und politischen Argumenten für ein autonomes Österreich und gegen die großdeutsche Annexionspolitik zu werben. Der entscheidende Faktor war hierbei das faschistische Italien als Garantiemacht, dessen Unterstützung jedoch schon 1936, ein Jahr nach Erscheinen des Buches, durch die Annäherung Mussolinis an Hitler hinfällig wurde und damit den Weg für den „Anschluss“ freigab.

1938 flüchtete Otto Maria Karpfen zunächst nach Antwerpen und gelangte im September 1939 nach Brasilien. Sein Visum verdankte sich jener Intervention des Kardinals Faulhaber bei Papst Pius XII zugunsten konvertierter Juden, durch die der damalige brasilianische Präsident Getúlio Vargas zu dem Versprechen bewegt wurde, 3000 dieser wegen ihrer Rasse verfolgten Katholiken in Brasilien aufzunehmen (CARNEIRO 2010CARNEIRO, Maria Tucci. Cidadão do mundo: O Brasil diante do holocausto e dos judeus refugiados do nazifascismo (1933-1948). São Paulo: Perspectiva, 2010.: 172-185). Karpfen gelangte nach Rolândia, einer „deutschen“ Kolonie im Bundesstaat Paraná, wo er zunächst in der Landwirtschaft arbeitete und sich binnen eines Jahres (!) Portugiesisch beibrachte. Unzufrieden mit der intellektuell wenig anregenden Umgebung und der anstrengenden Tätigkeit wandte er sich in mehreren Briefen an den Herausgeber der Zeitung Correio da ManhãLINS, Álvaro. Um novo companheiro. Correio da Manhã, Rio de Janeiro, 19 abr. 1941. 2. in Rio de Janeiro, Álvaro Lins, der ihn schließlich 1941 in einem längeren Artikel öffentlich einlud, eine wöchentliche Literaturkolumne in der Zeitung zu übernehmen.

Álvaro Lins stellt ihn den brasilianischen Lesern in seinem fast halbseitigen Artikel („Um novo companheiro“) vom 19.4.1941 als „escritor austríaco“ vor, der sorgfältig von den Deutschen, aber auch von den gängigen Judenklischees abgegrenzt wurde. So sei Carpeaux „weniger Kosmopolit als Universalist“; das Vaterland eines Österreichers sei „Europa, ganz Europa; und Otto Maria Carpeaux ist ein Europäer, der in Frankreich, Belgien, Holland und Italien stets aufgenommen wurde wie in seinem eigenen Heim.“ In die Beschreibung Österreichs sind offenkundig Karpfens mitteleuropäische Ideen eingeflossen: „Es ist ein katholisches Land. Es ist ein Land mit tiefen lateinischen Einflüssen. Es ist ein Land, das auf seinem Boden die Begegnung dreier Rassen und dreier Völker erfahren hat. Österreich repräsentiert einen viel komplexeren Nationalkörper als Deutschland.”

Anfänglich wurden seine Artikel noch aus dem Französischen ins Portugiesische übersetzt, aber schon bald schrieb er direkt in der Landessprache. Diese Publikationen der ersten Jahre (über Jacob Burckhardt, Kafka, Dostojewski, Carl Schmitt, Hofmannsthal u. v. a.) knüpften vielfach an das Mitteleuropa-Bild seiner österreichischen Monographien an, aber der Staat Österreich war für ihn tatsächlich schon Vergangenheit. Die bereits 1942 beantragte Naturalisierung wurde nach einer Solidaritätsadresse brasilianischer Intellektueller von Rang und Namen35 35 Der Brief wurde u.a. von Aurélio Buarque de Holanda, José Lins do Rego, Graciliano Ramos, Manuel Bandeira, Carlos Drummond de Andrade, Cecília Meireles, Vinicius de Moraes, Sérgio Buarque de Holanda und Álvaro Lins unterschrieben. Vgl. Koifman (2015: 180). 1944 erteilt. Von seinem ersten brasilianischen Artikel an unterzeichnete er mit Otto Maria Carpeaux und entwickelte sich rasch zu einem der wichtigsten Literaturkritiker und -vermittler Brasiliens, eine Rolle, die bis heute nicht in Frage gestellt wird. Lediglich 1944 kam es zu einer Art von Skandal,36 36 Die Affäre wird mit vielen Quellen kritisch aufgearbeitet von Pfersmann (2014). Für Pfersmann ging es dabei auch um einen Richtungsstreit, in dem Mario de Andrade gegen Carpeaux eine frankophile Haltung und die politische Verantwortung des Schriftstellers vertrat. nachdem Carpeaux einen - milde gesagt - „wenig respektvollen“ (PRUTSCH; ZEYRINGER in PRUTSCH; ZEYRINGER 2003PRUTSCH, Ursula; ZEYRINGER, Klaus (Hgg.). Leopold von Andrian (1875-1951): Korrespondenzen, Notizen, Essays, Berichte. Köln: Böhlau, 2003.: 737) Nachruf auf den gerade verstorbenen Romain Rolland geschrieben hatte. Damit brachte er viele linke Intellektuelle und Georges Bernanos gegen sich auf, die nun seine rasante Karriere37 37 Zu diesem Zeitpunkt waren seine Essays bereits in zwei Sammelbänden erschienen; allein in den ersten sieben Jahren nach 1941 publizierte er 500 Aufsätze zur Weltliteratur und Geistesgeschichte. in Frage stellten und ihn wegen seiner Tätigkeit Nähe zu Dollfuß als Faschisten verdächtigten; auch die Französisierung seines Namens erschien nun suspekt. Sein Gönner Álvaro Lins (1944LINS, Álvaro. A glória e os seus mal-entendidos. Correio da Manhã, Rio de Janeiro, 07 mai.1944. 1-2.) behauptete, sein Protegé habe mit Dollfuß lediglich in den außenpolitischen Fragen übereingestimmt, sei aber ansonsten ein „liberaler, demokratischer und linker Katholik) gewesen, ohne offizielle Ämter oder Verpflichtungen. Auch Carpeaux selbst verteidigte sich erfolgreich gegen Anfeindungen und konnte so seine Stellung in der Folgezeit behaupten und ausbauen.

Seine monumentale „Geschichte der abendländischen Literatur“, die „Geschichte der europäischen Musik“, aber auch die zahlreichen Essays zur europäischen und zeitgenössischen brasilianischen Literatur werden immer wieder aufgelegt und sind für brasilianische Studenten relevante Referenzen. Im Laufe der Zeit wurde Carpeaux zu einem einflussreichen Publizisten und zum Verteidiger der Demokratie: er war einer der wenigen, die nach dem Putsch in den 1960er Jahren den Mut hatten, die Militärregierung öffentlich anzugreifen. An die Stelle der Utopie eines katholischen, österreichischen Mitteleuropas war für ihn das demokratische, multiethnische und multikulturelle Brasilien getreten. Seine österreichischen Aktivitäten gerieten in Vergessenheit; erst in den letzten Jahren erschienen Studien über „Carpeaux vor Carpeaux“ (SILVA 2015SILVA, Eduardo Gomes. Imagens de Otto Maria Carpeaux. Esboço de biografia. Tese (Doutorado em História) - Programa de Pós-Graduação em História Cultural, Universidade Federal de Santa Catarina, Florianópolis, 2015., 2020SILVA, Eduardo Gomes. Em movimento: Carpeaux e a última ditadura militar brasileira. Teresa. Revista de literatura brasileira, n. 20, 242-262, 2020.; VENTURA 2002VENTURA, Mauro. De Karpfen a Carpeaux. Formação política e interpretação literária na obra do crítico austríaco-brasileiro. Rio de Janeiro: Topbooks, 2002., 2020VENTURA, Mauro Souza. O jornalismo político-ideológico de Otto Karpfen. Teresa. Revista de literatura brasileira, n. 20, 66-90, 2020.).38 38 Die Arbeiten von Ventura und Silva versuchen, den brasilianischen Demokraten und Sozialisten Carpeaux mit den österreichischen Otto Maria Karpfen in Einklang zu bringen, indem sie den Akzent auf seinen Kampf gegen den Nazismus legen und die diktatorische Seite des von ihm unterstützten Regimes ausblenden. Im Zuge der „Wiederentdeckung“ des austrofaschistischen Carpeaux durch Olavo de Carvalho hat sich allerdings die Aufmerksamkeit auf diese Phase verstärkt und ihre politische Bewertung ist nicht abgeschlossen. 39 39 2020 erschien ein Dossier der Zeitschrift Teresa zu Carpeaux, siehe Angaben zu Ventura (2020) und Silva (2020).

7 Fazit

Die Mitteleuropa-Idee hatte bekanntlich um 1990 wieder kurzzeitig Konjunktur, als sich die geopolitischen Strukturen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wieder verflüssigt hatten. 40 40 Nach Le Rider (1994: 11) „bricht eine neue Diskussion um Mitteleuropa“ immer in Zeiten der Krise und des Übergangs aus. Ihre Attraktivität beruhte vor allem auf den Aspekten der Supranationalität und der Multikulturalität, in denen das Habsburger Reichsmodell scheinbar den Nationalstaat „überholt“ hatte, der inzwischen selbst „überholt“ wirkte. Der Blick auf die Positionen der drei hier behandelten Autoren der Zwischenkriegszeit zeigt freilich, wie sehr dieses Modell damals in den vormodernen Sozialstrukturen verwurzelt war. Aus der Perspektive von Hofmannsthal, Andrian und Karpfen war das eine sinnvolle Option, aber nur für einen kurzen historischen Moment. Das physische Überleben konnte erkauft werden durch die völlige Assimilierung, die für diese drei keine Auslöschung des Jüdischen bedeutete, da dies nie ein substantieller Bestandteil ihres Selbstbildes gewesen war. Wenn einem heutigen Leser die Parteinahme für eine „konservative Revolution“ und den tendenziell faschistischen Ständestaat politisch und historisch falsch erscheint, sei daran erinnert, dass Hofmannsthal, Andrian und Carpeaux keineswegs allein stehen. Rauchensteiner (2017RAUCHENSTEINER, Manfried. Unter Beobachtung. Österreich seit 1918. Wien; Köln; Weimar: Böhlau Verlag, 2017.: 138) nennte eine Reihe von Namen, die nicht unbedingt des Konservatismus verdächtig sind:

Karl Kraus, Felix Salten, Franz Werfel, aber auch Ernst Gombrich, Karl Popper und Sigmund Freud, ursprünglich wohl Parteigänger oder zumindest Sympathisanten der Sozialdemokraten, bekannten sich zum Ständestaat und konnten selbst als Sinnbilder eines besseren Deutschland [sic] gelten.

In einer großangelegten Biographie hat Jens Malte Fischer kürzlich an Karl Kraus deutlich gemacht, in welch prekärer Lage sich ein Intellektueller in Österreich wiederfand, der nicht auswandern wollte oder konnte: „Alles, nur nicht Hitler. Und der österreichische Politiker, der ganz offensichtlich der Meinung war: Alles nur nicht Hitler, war eben Engelbert Dollfuß.“ (FISCHER 2020FISCHER, Jens Malte. Karl Kraus. Der Widersprecher: Biografie. Wien: Paul Zsolnay Verlag, 2020.: 683). Und Sigmund Freud äußerte angesichts der Diktatur des Ständestaats: „Die Zukunft ist ungewiß, entweder ein österreichischer Fascismus oder das Hakenkreuz. Im letzteren Falle müssen wir weg; vom heimischen Fascismus wollen wir uns allerlei gefallen lassen, da er uns kaum so schlecht behandeln wird wie sein deutscher Vetter.“ (zit. n. FISCHER 2020FISCHER, Jens Malte. Karl Kraus. Der Widersprecher: Biografie. Wien: Paul Zsolnay Verlag, 2020.: 686)41 41 Bemerkenswert ist, dass nur wenige Österreicher bereits 1934 auswanderten (Stefan Zweig und Oskar Kokoschka), während eine große Zahl von Intellektuellen und modernen Künstlern sich wie Sigmund Freud unter dem austrofaschistischen Regime arrangierte und erst 1938 ins Exil ging: Robert Musil, Hermann Broch, Richard Beer-Hofmann, Felix Salten, Raoul Auernheimer, Ödön von Horváth, Carl Zuckmayer, Max Reinhardt, Franz Werfel, Anton Webern, Bruno Walter, Gottfried Bermann Fischer. .

Literaturverzeichnis

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  • ANDRIAN, Leopold von. Die Ständeordnung des Alls. Rationales Weltbild eines katholischen Dichters. München: Kösel & Pustet, 1930.
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  • 2
    Hofmannsthals Libretti für Richard Strauß‘ Opern wurden teilweise für Aufführungszwecke übertragen, sind aber nicht als Buchpublikationen verfügbar.
  • 3
    Trotz seiner außerordentlichen Bedeutung für Brasilien existiert kein Eintrag in der deutschsprachigen Wikipedia. In der wissenschaftlichen Literatur außerhalb Brasiliens wird er nur äußerst selten behandelt oder auch nur erwähnt; vgl. Eckl (2010ECKL, Marlen. Zuflucht in den Tropen - Das deutschsprachige Exil in Brasilien. In: SPALEK, John M.; FEILCHENFELDT, Konrad; HAWRYLCHAK, Sandra H. (Hg.) Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933. Berlin, New York: de Gruyter, 2010, 337-390.); Pfersmann (2014PFERSMANN, Andréas. Otto Maria Carpeaux, Romain Rolland e le modèle français. Remate de males, v. 34, n. 1, 221-234, 2014.); Prutsch und Zeyringer in Andrian (2003PRUTSCH, Ursula; ZEYRINGER, Klaus (Hgg.). Leopold von Andrian (1875-1951): Korrespondenzen, Notizen, Essays, Berichte. Köln: Böhlau, 2003.: 737).
  • 4
    Eine der markantesten Formulierungen dieser Art findet sich bei Hobsbawm (2005HOBSBAWM, Eric J. Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780. Mit einem aktuellen Vorwort des Autors und einem Nachwort von Dieter Langewiesche. Übersetzung: Udo Rennert. Frankfurt a.M., New York: Campus, 2005.: 51); ihm zufolge war die Doppelmonarchie eines jener „politischen Gemeinwesen [...], das nach den Maßstäben des Liberalismus des 19. Jahrhunderts anormal, überholt und von der Geschichte und vom Fortschritt zum Untergang verurteilt war. Das Osmanenreich stellte in dieser Hinsicht das offensichtlichste entwicklungsgeschichtliche Fossil dar, aber dasselbe galt auch, wie sich immer deutlicher zeigte, für das Habsburgerreich.“ - Dezidiert gegen solche Darstellungen Habsburgs als Anachronismus wendet sich Pieter M. Judson (2019JUDSON, Pieter M. Habsburg. Geschichte eines Imperiums: 1740 - 1918. Übersetzung: Michael Müller. München: C.H. Beck, 2019.) in seiner umfangreichen Studie; für den Autor stellt das Reich eine alternative Form von moderner Staatlichkeit dar, die über erhebliche innere Bindekräfte sozialer und institutioneller Natur verfügte und keineswegs prädestiniert war, an ihren inneren Widersprüchen zu zerbrechen.
  • 5
    Der Begriff ist im Grunde unpassend: sowohl die Tschechen, Slowaken, Slowenen, Ungarn als auch Deutschen waren im Reich Minderheiten, bevor sie nach 1918 zu mehrheitlichen Staatsvölkern wurden.
  • 6
    In Österreich ist Csákys Vorschlag vor allem im Rahmen eines Spezialforschungsbereichs und der daraus erwachsenen Regionalstudien auf fruchtbaren Boden gefallen. Er wird propagiert von Feichtinger (2011FEICHTINGER, Johannes. Zwischen Mittel- und Zentraleuropa. Oder: Vom politisch überformten Raum zum heuristischen Konzept. In: LAJARRIGE, Jacques; SCHMITZ, Walter; ZANASI, Giusi (Hgg.) Mitteleuropa. Dresden: Thelem, 2011, 53-74.), Feichtinger; Uhl (2016FEICHTINGER, Johannes; UHL, Heidemarie (Hg.). Habsburg neu denken. Vielfalt und Ambivalenz in Zentraleuropa. 30 kulturwissenschaftliche Stichworte. Köln; Wien: Böhlau Verlag, 2016.), Ther (2006THER, Philipp. Vom Gegenstand zum Forschungsansatz. Zentraleuropa als kultureller Raum. In: FEICHTINGER, Johannes, et al. (Hgg.) Schauplatz Kultur - Zentraleuropa. Innsbruck: StudienVerlag, 2006, 55-63.) und zahlreichen anderen Autoren in den Sammelbänden von Feichtinger und Uhl (2006FEICHTINGER, Johannes; GROßEGGER, Elisabeth; MARINELLI-KÖNIG, Gertraud; STACHEL, Peter; UHL, Heidemarie (Hgg.). Schauplatz Kultur - Zentraleuropa: Transdisziplinäre Annäherungen. Innsbruck: StudienVerlag, 2006.; 2016FEICHTINGER, Johannes; UHL, Heidemarie (Hg.). Habsburg neu denken. Vielfalt und Ambivalenz in Zentraleuropa. 30 kulturwissenschaftliche Stichworte. Köln; Wien: Böhlau Verlag, 2016.).
  • 7
    Das stellte sich später als ein Irrtum heraus: in Wahrheit stammen die Andrians von einer erst (!) im 17. Jahrhundert geadelten lombardischen Familie ab. Vgl. Riederer (2011RIEDERER, Günther. Der Letzte Österreicher. Leopold von Andrian und sein Nachlass im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Marbach am Neckar: Deutsche Schillergesellschaft, 2011.: 47; 56).
  • 8
    Zu Leopold von Andrian s. Riederer (2011RIEDERER, Günther. Der Letzte Österreicher. Leopold von Andrian und sein Nachlass im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Marbach am Neckar: Deutsche Schillergesellschaft, 2011.: 90). Weinzierl (2007WEINZIERL, Ulrich. Hofmannsthal. Skizzen zu seinem Bild. Frankfurt a. M.: Fischer, 2007.: 35 f.) zitiert ausführlich antijüdische Bemerkungen von Hofmannsthal aus einem Brief an Rudolf Pannwitz. - Andrian äußert sich in einem Brief an Hofmannsthal vom 25.08.1928 verärgert, dass „von der ganzen jüdisch-wienerischen Journalistengesellschaft, die jahraus jahrein über die beiden Theater schmust“, keiner sich an seine kurzzeitige Intendantur in Hofoper und Burgtheater erinnern wird (HOFMANNSTHAL; ANDRIAN 1968HOFMANNSTHAL, Hugo von; ANDRIAN, Leopold von. Briefwechsel. Hg. v. Walter H. Perl. Frankfurt a. M.: Fischer, 1968.: 420). Ein paar Jahre zuvor empörte er sich mit antijüdischen Untertönen über unpatriotische Anzeigen in Benedikts Neuer Freien Presse. (id. 378). Le Rider (1997LE RIDER, Jacques. Hugo von Hofmannsthal. Historismus und Moderne in der Literatur der Jahrhundertwende. Wien: Böhlau, 1997.: 237) vermutet bei Hofmannsthal und Andrian ein „verdrängte[s] Judentum“, das unter „der Decke des neoaristokratischen Konservatismus schlummert“.
  • 9
    Vgl. dazu Christoph König (2017KÖNIG, Christoph. Judentum. In: MAYER, Matthias; WERLITZ, Julian (Hg.) Hofmannsthal Handbuch. Stuttgart: Metzler, 2017, 9-11.: 9): „stellt man die Frage nach Hofmannsthals Judentum, dann geht es also nicht darum, ihm eine Identität als Jude ex post zu geben (diese Sorge liegt der literatur- und kulturgeschichtlichen Forschung, auch der Hofmannsthal-Forschung bis in die 1980er Jahre zugrunde, vgl. noch E. Schwarz 1988), auch geht es nicht darum, das Judentum des Einzelnen als Selbst- oder Fremdzuschreibung (nach Jean-Paul Sartre) zu fixieren, sondern um die Schwierigkeiten des Autors (BARNER; KÖNIG 2001) Stellung zu nehmen, und um seine besonderen Antworten.“
  • 10
    Vgl. hierzu den Briefwechsel Hofmannsthal; Andrian (1968HOFMANNSTHAL, Hugo von; ANDRIAN, Leopold von. Briefwechsel. Hg. v. Walter H. Perl. Frankfurt a. M.: Fischer, 1968., 212 ff.).
  • 11
    Zu Andrians Rolle in der habsburgischen Außenpolitik gegenüber Polen vgl. neuerdings auch Lehnstaedt (2016LEHNSTAEDT, Stephan. Expert on Poland and Enemy of Prussia: Leopold von Andrian as Austro- Hungarian Envoy in Warsaw from 1911 to 1917. Journal of Austrian Studies, v. 48, n. 4, 53-75, 2016.).
  • 12
    Es soll hier nicht auf die Debatte eingegangen werden, inwiefern Hofmannsthal mit der Rede und dem darin gebrauchten Begriff der „konservativen Revolution“ den späteren faschistischen und nazistischen Tendenzen vorgearbeitet hat; vgl. hierzu u. a. Mauser (1994MAUSER, Wolfram. »Die geistige Grundfarbe des Planeten«. Hugo von Hofmannsthals »Idee Europa«. Hofmannsthal Jahrbuch zur Europäischen Moderne, 2, 201-222, 1994.), Mionskowski (2015MIONSKOWSKI, Alexander. Souveränität als Mythos. Wien: Böhlau Verlag, 2015.) und Dethloff (2018DETHLOFF, Klaus. Hugo von Hofmannsthal und eine konservative Revolution. Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, v. 92, n. 4, 531-555, 2018.). Dass Hofmannsthal zeitweise für Karl von Rohan eingetreten ist (der später begeistert den „Anschluss“ begrüßte und sich zum Nazi wandelte) oder dass er in diesen Jahren Texte von Carl Schmitt rezipierte (wie gleichzeitig der mit Hofmannsthal korrespondierende W. Benjamin), kann jedenfalls nicht als Indiz dafür herhalten, dass die Bedeutung des Begriffs „konservative Revolution“ für Hofmannsthal sich mit den Vorstellungen jener rechtsextremen Intellektuellen trifft, die später von Armin Mohler mit diesem Etikett belegt wurden.
  • 13
    Zum umfangreichen Nachlass Andrians im Marbacher Literatur-Archiv gehören Fragmente eines Romans, an dem er jahrzehntelang zu arbeiten versuchte. Vgl. Riederer (2011RIEDERER, Günther. Der Letzte Österreicher. Leopold von Andrian und sein Nachlass im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Marbach am Neckar: Deutsche Schillergesellschaft, 2011.) und Dorowin (2019DOROWIN, Hermann. Von der Décadence zum politischen Ordnungsdenken. Leopold von Andrians Spätschriften. In: BEßLICH, Barbara; FOSSALUZZA, Cristina; HEISE, Tillmann (Hg.) Kulturkritik der Wiener Moderne (1890-1938). Heidelberg: Winter, 2019, 195-207.: 202).
  • 14
    Es handelt sich um eine Variante des Trialismus, des Versuchs, die internen Spannungen des Habsburger Reichs durch eine Teilautonomie der slawischen Völker auszugleichen. Andrians Vorschlag war eine erweiterte Version der schon früher erwogenen Teilautonomie für Galizien. Die beiden anderen Varianten des Trialismus sahen ein südslawisches Teilreich (mit Slowenen, Kroaten, Bosniern und Serben) vor bzw. ein nördliches Teilreich mit Böhmen, Mähren und Südschlesien. Jede der drei Lösungen wäre wahrscheinlich am Einspruch der Ungarn gescheitert, selbst wenn der Thronfolger Franz Ferdinand Gelegenheit bekommen hätte, sie zu verwirklichen.
  • 15
    Damit war alles andere als eine Abkehr von seiner bisherigen nationalen Identität gemeint. In dem Augenblick nämlich, in dem das Kaiserreich sich auflöste und mit den anderen Einzelstaaten die Republik Österreich an seine Stelle trat, war Liechtenstein das einzige weiterhin monarchisch regierte Gebilde, das historisch zur ältesten und treuesten Habsburgischen Gefolgschaft gehört hatte. Vgl. Riederer (2011RIEDERER, Günther. Der Letzte Österreicher. Leopold von Andrian und sein Nachlass im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Marbach am Neckar: Deutsche Schillergesellschaft, 2011.: 65). 16 Andrian spricht selbst im Zusammenhang mit der Ständeordnung von dem „metaphysische[n] Buch eines Laien“ (HOFMANNSTHAL; ANDRIAN 1968HOFMANNSTHAL, Hugo von; ANDRIAN, Leopold von. Briefwechsel. Hg. v. Walter H. Perl. Frankfurt a. M.: Fischer, 1968.: 388).
  • 16
    Andrian spricht selbst im Zusammenhang mit der Ständeordnung von dem „metaphysische[n] Buch eines Laien“ (HOFMANNSTHAL; ANDRIAN 1968HOFMANNSTHAL, Hugo von; ANDRIAN, Leopold von. Briefwechsel. Hg. v. Walter H. Perl. Frankfurt a. M.: Fischer, 1968.: 388).
  • 17
    In einem Brief vom 10. 12. 1926 antwortet Hofmannsthal auf die fast zwei Monate zuvor erfolgte Zusendung von Andrians „Schmerzenskind“: „[...] so ist es mir wirklich schneidend schmerzhaft Dir in Bezug auf diese mühevolle eigentümliche Arbeit eigentlich Alles schuldig geblieben zu sein. Aber ich kann ja nicht anders Poldy - es liegen eben meine Grenzen so besonders für diesen Fall.“ (HOFMANNSTHAL; ANDRIAN 1968HOFMANNSTHAL, Hugo von; ANDRIAN, Leopold von. Briefwechsel. Hg. v. Walter H. Perl. Frankfurt a. M.: Fischer, 1968.: 385). Ein Teilabdruck des Buchs erschien 1927 in Hofmannsthals Neuen Deutschen Beiträgen.
  • 18
    Der Artikel 2 der seit November 1918 tagenden Provisorischen Nationalversammlung für Deutschösterreich legte fest: „Deutschösterreich ist ein Bestandteil der Deutschen Republik [=Weimarer Republik]. In Erfüllung der Bedingungen des Vertrages von Saint Germain konnte diese Klausel nicht umgesetzt werden und der Staat wurde in Republik Österreich umbenannt.“ Vgl. dazu Karl Vocelka (2014VOCELKA, Karl. Österreichische Geschichte, München: C.H. Beck, 2014.: 97): „Der Staat nannte sich «Deutschösterreich», und das meinte einerseits, daß er alle deutschsprachigen Gebiete der Monarchie umfassen sollte, aber andererseits auch, daß dieses Land, dem Selbstbestimmungsrecht der Völker nach, ein Teil der Deutschen Republik sein wollte. Dieser geplante «Anschluß» von 1918, den eine große Mehrheit der Bevölkerung unterstützte, wurde von den Siegern des Ersten Weltkrieges verboten. Das Anschlußverbot im Vertrag von St. Germain - aber auch im Vertrag von Versailles mit Deutschland - stellte für den «Staat, den keiner wollte» und der sich als wirtschaftlich nicht lebensfähig erlebte, eine längerfristige Problematik dar.“
  • 19
    Vgl. hierzu auch Wendelin Schmidt-Dengler (1995SCHMIDT-DENGLER, Wendelin. Abschied von Habsburg. In: WEYERGRAF, Bernhard (Hg.) Literatur der Weimarer Republik. München: Hanser, 1995, 483-548.): Abschied von Habsburg.
  • 20
    Der gesamte Nachlass umfasst 50 Kartons. Vgl. auch Riederer 2011RIEDERER, Günther. Der Letzte Österreicher. Leopold von Andrian und sein Nachlass im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Marbach am Neckar: Deutsche Schillergesellschaft, 2011..
  • 21
    Dorowin (2019DOROWIN, Hermann. Von der Décadence zum politischen Ordnungsdenken. Leopold von Andrians Spätschriften. In: BEßLICH, Barbara; FOSSALUZZA, Cristina; HEISE, Tillmann (Hg.) Kulturkritik der Wiener Moderne (1890-1938). Heidelberg: Winter, 2019, 195-207.: 205) erwähnt, dass Österreich im Prisma der Idee „nach dem Anschluss eingestampft“ wurde.
  • 22
    „[…] wenn etwa Otto von Habsburg in der Frühphase des Zweiten Weltkrieges von der ‚österreichischen Nation‘ sprach, dann subsumierte er darunter „alle Nachfolgestaaten der Monarchie“, dem alten, vormodernen Nationsverständnis Österreichs entsprechend.“ (CONZE 2009CONZE, Vanessa. Das Europa der Deutschen: Ideen von Europa in Deutschland zwischen Reichstradition und Westorientierung (1920 - 1970). München: Oldenbourg, 2009.: 108).
  • 23
    Über das Café Griensteidl, Jung Wien und Karl Kraus‘ Satire Die demolirte Literatur, in der insbesondere auch Andrian karikiert wird, vgl. ZEYRINGER; GOLLNER 2012ZEYRINGER, Klaus; GOLLNER, Helmut. Eine Literaturgeschichte. Österreich seit 1650. Innsbruck: StudienVerlag, 2012.: 378 ff.; zur späteren Auseinandersetzung zwischen Theodor Herzl, der Zweig und ein paar heute völlig vergessene Poeten über Hofmannsthal gestellt hatte, und Karl Kraus Erwiderung in der Fackel, vgl. LE RIDER 2018LE RIDER, Jacques. Literarische und kulturhistorische Voraussetzungen. In: LARCATI, Arturo; RENOLDNER, Klemens; WÖRGÖTTER, Martina (Hgg.) Stefan-Zweig-Handbuch. Berlin: de Gruyter, 2018, 43-52.: 46 f.
  • 24
    Für den Hinweis auf die Erinnerung von Antonio Candido bedanke ich mit bei Marcus V. Mazzari.
  • 25
    In einem Brief vom 16.10.1940 aus Rio an seine in Nizza zurückgebliebene Frau Andrée Wimpffen rechtfertigt er seine sofortige Flucht allerdings auf eine mehrdeutige Weise: „Je savais d’avance et je le sais maintenant pertinement [sic] par des amis malades, que souffraient de la même maladie que moi, qu’une fois rentré, on m’aurait forcé de me faire soigner dans un de ces sanatoriums, très bien aménagés, mais où l’on meurt quand même très vite …“ (PRUTSCH; ZEYRINGER 2013PRUTSCH, Ursula; ZEYRINGER, Klaus (Hgg.). Leopold von Andrian (1875-1951): Korrespondenzen, Notizen, Essays, Berichte. Köln: Böhlau, 2003.: 714 f.). Schon in dem vorangegangenen Schreiben hatte er seine Reise mit dieser mysteriösen „Krankheit“ erklärt, deretwegen für ihn „wie für viele andere die Luft des europäischen Kontinents gegenwärtig unatembar“ sei (id. 712). Man darf davon ausgehen, dass sich die Chiffre auf die Verfolgung der Juden bezieht, denkbar wäre aber auch, dass er damit die politische Gegnerschaft zu den Nazis meint, oder sogar seine Homosexualität.
  • 26
    Die portugiesischsprachige Wikipedia-SeiteOTTO Maria Carpeaux. Wikipedia. Online: https://pt.wikipedia.org/wiki/Otto_Maria_Carpeaux (28/02/2021)
    https://pt.wikipedia.org/wiki/Otto_Maria...
    zu Karpfen/Carpeaux ist sehr ausführlich und gut dokumentiert; aus ihr wurden die meisten biographischen Angaben entnommen. Es existiert kein deutschsprachiges Pendant. Online: https://pt.wikipedia.org/wiki/Otto_Maria_Carpeaux
  • 27
    Die Angabe beruht auf dem Artikel in Wikipedia, der sich seinerseits auf die genealogische Datenbank GenTeam.at beruft. Laut Eckl (2010ECKL, Marlen. Zuflucht in den Tropen - Das deutschsprachige Exil in Brasilien. In: SPALEK, John M.; FEILCHENFELDT, Konrad; HAWRYLCHAK, Sandra H. (Hg.) Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933. Berlin, New York: de Gruyter, 2010, 337-390.: 211) fand die Konversion bereits 1932 statt.
  • 28
    Am Rande sei bemerkt, dass auch Eugen Kogon (1903-1987), unehelicher Sohn einer ukrainischen Jüdinund aufgewachsen in katholischen Internaten, im Umkreis der Zeitschrift und des Austrofaschismus aktiv war. Kogon wurde beim „Anschluss“ nach Buchenwald deportiert und schrieb nach der Befreiung des Lagers eines der ersten und einflussreichsten Bücher über die Konzentrationslager (Der SS-Staat, 1946). Als letzter Band seiner Gesammelten Schriften erschien 1999 der Band Die Idee des Christlichen Ständestaats.
  • 29
    Karpfen hatte diese Informationen selbst 1940 gegenüber brasilianischen Gesprächspartnern gegeben.
  • 30
    Laut Elke Seefried (2006SEEFRIED, Elke. "Reich" und "Ständestaat" als Antithesen zum Nationalsozialismus: Die katholische Zeitschrift Der Christliche Ständestaat. In: GRUNEWALD, Michel; PUSCHNER, Uwe; BOCK, Hans Manfred (Hgg.) Le milieu intellectuel catholique en Allemagne, sa presse et ses réseaux (1871 - 1963). Bern: Lang, 2006, 415-438.: 421) wurde die Zeitschrift von katholischen Emigranten aus Deutschland gegründet und dominiert. Die Auflagenhöhe wird mit ca. 4000 Exemplaren angegeben. In den ersten Jahren des Regimes bestanden enge Beziehungen zwischen der Regierung und der Zeitschrift. Zahlreiche Beiträge (wie auch die von Karpfen selbst) vertreten Ansichten, die auch in Österreichs europäische Sendung propagiert werden: Ziel einer Donauföderation aus dem Geist des katholischen Abendlands, Vermittlung zwischen romanischer und slawischer Welt und „Zugehörigkeit Österreichs zur deutschen Nation“ unter „Betonung der Eigenständigkeit und der Sendung in Mitteleuropa“ (2006SEEFRIED, Elke. "Reich" und "Ständestaat" als Antithesen zum Nationalsozialismus: Die katholische Zeitschrift Der Christliche Ständestaat. In: GRUNEWALD, Michel; PUSCHNER, Uwe; BOCK, Hans Manfred (Hgg.) Le milieu intellectuel catholique en Allemagne, sa presse et ses réseaux (1871 - 1963). Bern: Lang, 2006, 415-438.: 433 f.).
  • 31
    In einem Artikel über die „Identitätspolitik des autoritären ‚Ständestaats‘“ anhand der Apologie des Barockzeitalters zitiert Werner Suppanz (2006SUPPANZ, Werner. Das Barock-Zeitalter in der Identitätspolitik des autoritären „Ständestaates“. In: FEICHTINGER, Johannes, et al. (Hgg.) Schauplatz Kultur - Zentraleuropa. Innsbruck: StudienVerlag, 2006, 113-121.: 114, 115, 117) mehrfach aus Karpfens Buch, ohne dabei die Identität des Pseudonyms „Fidelis“ aufzudecken. Dieser Text von Suppanz ist der einzige mir bekannte wissenschaftliche Beitrag, in dem das frühe Werk Karpfens außerhalb der Exilthematik auftaucht. 32 Die politische Bewertung der österreichischen Diktatur ist so unterschiedlich wie die Benennungen. Die Selbstbezeichnung war „Ständestaat“; trotz der recht eindeutigen Anlehnung an die Diktatur Mussolinis wird der Ausdruck „Austrofaschismus“ nicht von allen Historikern verwendet. Vgl. Manfried Rauchensteiner (2017RAUCHENSTEINER, Manfried. Unter Beobachtung. Österreich seit 1918. Wien; Köln; Weimar: Böhlau Verlag, 2017.: 117): „Ganz offensichtlich wurde die Bezeichnung nicht als herabwürdigend angesehen. Fragte sich nur, ob das Wort den Kern der Sache traf.“ - Oliver Rathkolb (2017RATHKOLB, Oliver. Demokratiegeschichte Österreichs im europäischen Kontext. In: HELMS, Ludger; WINEROITHER, David M. (Hgg.) Die österreichische Demokratie im Vergleich. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 2017, 71-104.: 81) referiert dazu: „Bis heute diskutiert wird auch in der Historiographie die Einordnung des ‚Dollfuß-Schuschnigg‘ Regimes vor dem Hintergrund der autoritären bis totalitären Regime in Europa. Der Politikwissenschaftler Emmerich Tálos hat in den letzten Jahren die Diskussion auf den Begriff ‚Austrofaschismus‘ hin fokussiert (TÁLOS; NEUGEBAUER 2005). Ältere Modelle wie jenes von Francis L. Carsten oder Klaus-Jörg Friedrich mit ‚Klerikalfaschismus‘ oder ‚Regierungsdiktatur‘ von Wohnout erodieren zugunsten klarer Zuschreibung in Richtung des eindeutigen Diktaturcharakters und des Verfassungsbruchs 1933. Der Historiker Ernst Hanisch oszilliert zwischen ‚Präventionsfaschismus‘ und ‚Imitationsfaschismus‘, d.h. dem Bestreben des Regimes den Nationalsozialismus durch ein spezifisches faschistisches Regime in Österreich zu verhindern, bzw. zuerst den italienischen Faschismus und ab 1936 zunehmend den Nationalsozialismus als Vorbild für die autoritären Regimeinterventionen und politischen Pressionen zu nehmen.“
  • 32
    Wohnout (2018WOHNOUT, Helmut. Italien und der politische Systemwechsel in Österreich 1933/34. In: GUIOTTO, Maddalena; WOHNOUT, Helmut (Hgg.) Italien und Österreich im Mitteleuropa der Zwischenkriegszeit. Wien; Köln; Weimar: Böhlau Verlag, 2018, 371-422.) beschreibt detailliert das zum nicht geringen Teil auf Druck Mussolinis Zustandekommen der autoritären Verfassung und die Parallelen (aber auch Differenzen) zum italienischen Faschismus.
  • 33
    Wohnout (2018WOHNOUT, Helmut. Italien und der politische Systemwechsel in Österreich 1933/34. In: GUIOTTO, Maddalena; WOHNOUT, Helmut (Hgg.) Italien und Österreich im Mitteleuropa der Zwischenkriegszeit. Wien; Köln; Weimar: Böhlau Verlag, 2018, 371-422.) beschreibt detailliert das zum nicht geringen Teil auf Druck Mussolinis Zustandekommen der autoritären Verfassung und die Parallelen (aber auch Differenzen) zum italienischen Faschismus.
  • 34
    Laut Reichmann (2002REICHMANN, Eva. »… indem wir vor dem Anderssein auf der Hut waren, verloren wir uns selbst.«. In: WALLAS, Armin A. (Hg.) Jüdische Identitäten in Mitteleuropa. Berlin: de Gruyter, 2002, 143-158.: 143) waren die Juden in Ungarn, nach einem Ausdruck Karl Luegers „Judaeomagyiaren“, stärker als in irgendeinem anderen europäischen Land integriert und bildeten eine starke Fraktion in dem zur Unabhängigkeit strebenden ungarischen Bürgertum.
  • 35
    Der Brief wurde u.a. von Aurélio Buarque de Holanda, José Lins do Rego, Graciliano Ramos, Manuel Bandeira, Carlos Drummond de Andrade, Cecília Meireles, Vinicius de Moraes, Sérgio Buarque de Holanda und Álvaro Lins unterschrieben. Vgl. Koifman (2015KOIFMAN, Fábio. Cidadão carioca: a naturalização de Otto Maria Carpeaux. Intellèctus, XIV, n. 2, 169-188, 2015.: 180).
  • 36
    Die Affäre wird mit vielen Quellen kritisch aufgearbeitet von Pfersmann (2014PFERSMANN, Andréas. Otto Maria Carpeaux, Romain Rolland e le modèle français. Remate de males, v. 34, n. 1, 221-234, 2014.). Für Pfersmann ging es dabei auch um einen Richtungsstreit, in dem Mario de Andrade gegen Carpeaux eine frankophile Haltung und die politische Verantwortung des Schriftstellers vertrat.
  • 37
    Zu diesem Zeitpunkt waren seine Essays bereits in zwei Sammelbänden erschienen; allein in den ersten sieben Jahren nach 1941 publizierte er 500 Aufsätze zur Weltliteratur und Geistesgeschichte.
  • 38
    Die Arbeiten von Ventura und Silva versuchen, den brasilianischen Demokraten und Sozialisten Carpeaux mit den österreichischen Otto Maria Karpfen in Einklang zu bringen, indem sie den Akzent auf seinen Kampf gegen den Nazismus legen und die diktatorische Seite des von ihm unterstützten Regimes ausblenden.
  • 39
    2020 erschien ein Dossier der Zeitschrift Teresa zu Carpeaux, siehe Angaben zu Ventura (2020VENTURA, Mauro Souza. O jornalismo político-ideológico de Otto Karpfen. Teresa. Revista de literatura brasileira, n. 20, 66-90, 2020.) und Silva (2020SILVA, Eduardo Gomes. Em movimento: Carpeaux e a última ditadura militar brasileira. Teresa. Revista de literatura brasileira, n. 20, 242-262, 2020.).
  • 40
    Nach Le Rider (1994LE RIDER, Jacques. Mitteleuropa. Auf den Spuren eines Begriffes: Essay. Wien: Deuticke, 1994.: 11) „bricht eine neue Diskussion um Mitteleuropa“ immer in Zeiten der Krise und des Übergangs aus.
  • 41
    Bemerkenswert ist, dass nur wenige Österreicher bereits 1934 auswanderten (Stefan Zweig und Oskar Kokoschka), während eine große Zahl von Intellektuellen und modernen Künstlern sich wie Sigmund Freud unter dem austrofaschistischen Regime arrangierte und erst 1938 ins Exil ging: Robert Musil, Hermann Broch, Richard Beer-Hofmann, Felix Salten, Raoul Auernheimer, Ödön von Horváth, Carl Zuckmayer, Max Reinhardt, Franz Werfel, Anton Webern, Bruno Walter, Gottfried Bermann Fischer.

Publication Dates

  • Publication in this collection
    13 Aug 2021
  • Date of issue
    Sep-Dec 2021

History

  • Received
    31 Dec 2020
  • Accepted
    17 Mar 2021
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