Rückzug, Rampenlicht und Integration: Leopold von Andrian, Paul Frischauer und Otto Maria Carpeaux im Exil

Retreat, Limelight and Integration: Leopold von Andrian, Paul Firschauer, and Otto Maria Carpeaux in exile

Ursula Prutsch About the author

Zusammenfassung

Der Aufsatz nimmt die literarisch-publizistischen Lebenswelten der österreichischen Exilanten Leopold von Andrian, Paul Frischauer und Otto Maria Carpeaux in den Blick. Sie hatten ähnliche politische Sozialisationen im Österreich der Zwischenkriegszeit, mussten aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit und ihres politischen Engagements Österreich verlassen und lebten in oder nahe Rio de Janeiro. Was Carpeaux, Frischauer und Andrian von Tausenden anderer Flüchtlinge unterschied, waren ihr Status und ihre politischen Kontakte. Sie waren materiell privilegierter, der harte Überlebenskampf vieler anderer blieb ihnen erspart; trotzdem waren sie Vertriebene und Heimatlose. Frischauer und Andrian kehrten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs über Umwege in ihre Heimatländer zurück, Carpeaux blieb, wurde zum Brasilianer und hinterließ ein starkes Vermächtnis. Dieser Aufsatz beleuchtet ihre Haltung, ihre Rollen und Arbeiten im brasilianischen Exil kritisch und analytisch. Er bietet und verknüpft drei biographische Erzählungen. Während der Monarchist Leopold von Andrian an der Restauration der Habsburgermonarchie festhielt, öffnete sich der jüngere, opportunistische Flüchtling Paul Frischauer als Biograph des Diktators Vargas Türen zur Macht. Otto Maria Carpeaux hingegen, der wie Andrian ein Theoretiker des autoritären österreichischen Ständestaats gewesen war, transformierte sich zum Brasilianer, zum heimischen Literaturpapst und transatlantischen Brückenbauer.

Stichwörter:
Österreichisches Exil; Österreichische Literatur; Leopold von Andrian; Paul Frischauer; Otto Maria Carpeaux

Abstract

The essay takes a look at the literary lives of the Austrian exiles Leopold von Andrian, Paul Frischauer, and Otto Maria Carpeaux. They had similar political socializations in interwar Austria, were forced to leave Austria because of their ethnicity and political commitment, and lived in or near Rio de Janeiro. What distinguished Carpeaux, Frischauer, and Andrian from thousands of other refugees was their status and political contacts. They were more privileged materially, they were spared the hard struggle for survival of many others; nevertheless, they were displaced persons and homeless. Frischauer and Andrian returned to their home countries via circuitous routes after the end of World War II; Carpeaux stayed, became Brazilian, and left a strong legacy. This essay examines critically and analytically their attitudes, roles, and works in Brazilian exile. It presents and connects three biographical narratives. While the monarchist Leopold von Andrian clung to the restoration of the Habsburg monarchy, the younger, opportunistic fugitive Paul Frischauer gained access to power as a biographer of the dictator Vargas. Otto Maria Carpeaux, on the other hand, who like Andrian had been a theorist of the authoritarian Austrian corporative state, transformed himself into a Brazilian, a local literary pundit and a transatlantic bridge builder.

Keywords:
Austrian Exile; Austrian Literature; Leopold von Andrian; Paul Frischauer; Otto Maria Carpeaux

Wenn vom österreichischen Exil in Brasilien die Rede ist, dann fällt sofort der Name von Stefan Zweig, dem weltbekannten Autor historischer Romane, dem verzweifelten Europäer, der sich bei Portugals Diktator António Oliveira Salazar vergeblich um die Aufnahme geflüchteter Landsleute bemühte (DINES 2006DINES, Alberto. Tod im Paradies. Die Tragödie des Stefan Zweig. Frankfurt am Main: Edition Büchergilde, 2006.). Andere österreichische Persönlichkeiten wie Paul FrischauerArquivo Nacional, Rio de Janeiro, Agencia Nacional, Pasta Paul Frischauer. sind entweder vergessen oder - wie Otto Maria Carpeaux - zu Brasilianern geworden. Geschätzte 16-19.000 deutschsprachige Flüchtlinge hat die Regierung von Getúlio Vargas zwischen 1938 und 1942 aufgenommen, geschätzte 1.500 waren Österreicherinnen und Österreicher (PFERSMANN 1995PFERSMANN, Andréas. Brasil. In: DOUER, Alisa; SEEBER, Ursula (ed.). Qué lejos está Viena. Latinoamérica como lugar de exilio de escritores y artistas austríacos. Wien: Rema Print, 1995.: 47, PRUTSCH; ZEYRINGER 1997PRUTSCH, Ursula; ZEYRINGER, Klaus. Die Welten des Paul Frischauer. Ein „literarischer Abenteurer“ im historischen Kontext: Wien-London-Rio-New York-Wien. Wien: Böhlau Verlag, 1997.: 214).

Dass all diese Flüchtlinge trotz strenger Einwanderungsgesetze und antisemitischer Vorurteile der Regierung Vargas einreisen konnten, hat mit einer Mischung aus humanitärem Engagement und Bestechung zu tun. Viele Flüchtlinge verdanken Aristides de Sousa Mendes ihr Leben, einem portugiesischen Konsul, der im „Wartesaal“ Marseille gegen den dezidierten Willen seines Staates Hunderten von Flüchtlingen die lebensrettenden Visen ausstellte. Sousa Mendes verlor deshalb sogar seine Position und wurde erst posthum rehabilitiert (JÜRGENS 2015JÜRGENS, Uli. Ziegensteig ins Paradies. Exilland Portugal. Wien/Berlin: Mandelbaum Verlag, 2015.). Auch der Vatikan intervenierte beim Vargas-Regime und bat, 3.000 „nicht-arische Katholiken“ aufzunehmen. Letztlich wurden 965 Visa vergeben (ECKL 2010ECKL, Maren. Das Paradies ist überall verloren«. Das Brasilienbild von Flüchtlingen des Nationalsozialismus. Frankfurt a.M.: Vervuert, Iberoamericana, 2010.).

Die Flüchtlinge zog es vorwiegend in Städte, nach Rio de Janeiro, São Paulo und Porto Alegre. Viele Österreicherinnen und Österreicher hinterließen keine Selbstzeugnisse, ihre Lebenswelten können nicht mehr rekonstruiert werden. Einige hingegen prägten Wissenschaft, Politik, Kultur- und Literaturleben, hinterließen Lebenserinnerungen, Texte und wissenschaftliche Arbeiten. Zu ihnen gehören die Dichterin Paula Ludwig, der Schriftsteller Frank Arnau, Alfredo Gartenberg und Richard Katz, die Maler und Zeichner Axl Leskoschek, Fritzi Löw-Lazar und Gina Trebitsch, der Übersetzer und Journalist Paulo Ronai, der Chemiker Fritz Feigl, der Komponist und Dirigent Eugen Szenkar und der brillante Fotograph Kurt Klagsbrunn, um nur einige zu nennen.

Aber es ist vermutlich wenig bekannt, dass Getúlio Vargas, der das Land zwischen November 1937 und Herbst 1945 diktatorisch und mittels Dekreten regierte, keine einzige politische Vereinigung zuließ - mit Ausnahme des Comités de Proteção dos Interesses Austríacos no Brasil. Es war aus dem österreichischen Exilverein „Austria Livre“ entstanden, benannte sich nach der Moskauer Deklaration von 1943, die die Wiederherstellung Österreichs nach dem Krieg festlegte, um und nannte es Comité de Proteção dos Interesses Austriacos no Brasil (Austria Livre, FGV, 1942Austria Livre, Briefe an Außenminister Oswaldo Aranha. In: Fundação Getúlio Vargas, CPDOC, Nachlaß Oswaldo Aranha, OA, 42.01.03./ I.). Es stellte sogar österreichische Identitätsausweise aus und publizierte Broschüren, die Österreich völkerrechtlich als erstes Opfer Adolf Hitlers darstellten

Durchgesetzt hatten diese Entscheidung bei der Vargas-Regierung eine Gruppe um Hans Klinghoffer, der ein Schüler des österreichischen Völkerrechtlers Hans Kelsen war, und den österreichischen Gesandten Anton Retschek, der die Republik seit 1925 in Brasilien als Diplomat vertrat und mit dem Anschluss im März 1938 abgesetzt wurde. Hans Klinghoffer ließ sich vom Vargas-Regime, auch aus Dank für die Aufnahme in Brasilien, instrumentalisieren. Er veröffentlichte im Auftrag des Departamento de Imprensa e Progranda (DIP), der mächtigen Kulturpropaganda- und Zensurbehörde, zum Geburtstag von Getúlio Vargas am 19. April 1942 eine Auswahl seiner Reden den unter dem Titel La Pensée Politique du Président Getúlio Vargas (KLINGHOFFER 1942KLINGHOFFER, Hans. La Pensée Politique du President Getúlio Vargas. Rio de Janeiro: Imprensa Nacional, 1942.).

Klinghoffer war nicht der einzige, der sich in die kulturpolitische Mission der Vargas-Regierung einbinden ließ. Er, Paul Frischauer und andere Exilanten publizierten gelegentlich in der programmatischen Kulturzeitschrift Cultura Política. Stefan Zweig wurde für seine Forschungsreisen durch Brasilien für sein viel diskutiertes kulturpolitisches Werk Brasilien. Ein Land der Zukunft (1941ZWEIG, Stefan. Brasilien. Ein Land der Zukunft [1941]. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1984 (= st. 984).) vom DIP unterstützt. Aber der aus der Feder eines so berühmten Schriftstellers wie Zweig stammende Text erhöhte das Interesse an Brasilien und seiner Geschichte freilich massiv, gerade in den USA. 1940 durfte der Kelsen-Schüler Rudolf Aladar Metall einreisen, den die Vargas-Regierung aus dem Internationalen Arbeitsamt in Genf holte, damit er Anregungen für eine Reform der Sozialversicherung gab. Er schrieb in der Revista do Trabalho und war Mitglied des Comité de Proteção dos Interesses Austríacos no Brasil.

Dem Comité de Proteção dos Interesses Austríacos no Brasil gehörten auch der Schriftsteller Paul Frischauer, der ehemalige Chemiker und Politiker Otto Maria Carpeaux und Leopold von AndrianDeutsches Literaturarchiv Marbach am Neckar, Nachlass Leopold von Andrian. an, deren Haltung und Rolle im brasilianischen Exil in diesem Aufsatz in den Blick genommen wird. Allerdings liefen sie sich kaum über den Weg, und wenn, dann hatten sie sich wohl nicht viel zu sagen.

Leopold von Andrian verlebte die Exiljahre in privater Abgeschiedenheit und kam selten nach Rio de Janeiro, er schrieb Tagebücher und blickte in die verklärte Vergangenheit zurück. Paul Frischauer hingegen, der wesentlich jünger als Andrian und weltanschaulich liberal war, nutzte die Exiljahre für seine Karriere und schrieb sogar eine Biographie über den Diktator, O Presidente Vargas. Beide spielen heute in der Exilforschung eine sehr geringe Rolle. Um ihre Lebenskonzepte mit dem - abgesehen von Stefan Zweig - präsentesten Exil-Österreicher in Brasilien zu kontrastieren, wird Otto Maria Carpeaux gewählt. Er erlebte in Brasilien die produktivste Zeit seines Lebens, arbeitete als Bibliothekar und Literaturkritiker und erschrieb sich mit zahlreichen Artikeln über europäische und brasilianische Literatur die Rolle des heimischen „Literaturpapstes“.

Leopold von Andrian, Paul Frischauer und Otto Maria Carpeaux lebten in gegensätzlichen Welten, mit unterschiedlichen politischen Auffassungen und Lebensplänen, doch eine Zeitlang in derselben Stadt, in Rio de Janeiro. Was sie verband, war ihr Flüchtlingsdasein. Paul Frischauer und Otto Maria Carpeaux waren durch die Nürnberger Rassengesetze zur Flucht aus Österreich verdammt. Andrian, dessen Großvater Giacomo Meyerbeer jüdischer Herkunft war, wäre vor allem aufgrund seiner politischen Haltung im Konzentrationslager Dachau gelandet, hätte er Österreich nicht verlassen. Er war Monarchist und Legitimist, d.h. er wünschte sich die Habsburger als Herrscher Österreichs zurück. Carpeaux war einer der bedeutendsten Theoretiker der Regierungen von Engelbert Dollfuß (1932-1934) und Kur Schuschnigg (1934-1938) gewesen (WENNINGER; DREIDEMY 2013WENNINGER, Florian; DREIDEMY, Lucile (Hg.). Das Dollfuß/Schuschnigg-Regime 1933-1938. Vermessung eines Forschungsfeldes. Wien: Böhlau, 2013., WOHNOUT 2018WOHNOUT, Helmut. Italien und der politische Systemwechsel in Österreich 1933/34. In: GUIOTTO, Magdelan; WOUHNOUT, Helmut (ed.). Italien und Österreich im Mitteleuropa der Zwischenkriegszeit. Wien: Böhlau Verlag, 2018, 371-422.), eines katholisch hierarchischen Ständegefüges mit faschistischer Orientierung, das Ähnlichkeiten mit der Politik des Estado Novo von Vargas hatte. Auch er wäre als „Jude“ und NS-Gegner in das KZ Dachau, in dem prominente politische Gefangene drangsaliert und interniert wurden, verschleppt worden, wäre er 1938 nicht aus Österreich geflohen.

Was Carpeaux, Frischauer und Andrian von Tausenden anderer Flüchtlinge unterschied, waren ihr Status und ihre politischen Kontakte. Sie waren materiell privilegierter, der harte Überlebenskampf vieler anderer blieb ihnen erspart; trotzdem waren sie Vertriebene und Heimatlose. Frischauer und Andrian kehrten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs über Umwege in ihre Heimatländer zurück, Carpeaux blieb, wurde zum Brasilianer und hinterließ ein starkes Vermächtnis.

Dieser Aufsatz beleuchtet ihre Haltung, ihre Rollen und Arbeiten im brasilianischen Exil kritisch und analytisch. Er bietet und verknüpft drei biographische Erzählungen. Als theoretischer Hintergrund dienen die Arbeiten von Pierre Bourdieu und Volker Depkat. Pierre Bourdieu warnte vor einer „biographischen Illusion“, weil in Biographien eine Kohärenz und Direktheit konstruiert wird, die das reale Leben nicht abzubilden vermag. Bourdieu warnte vor der Gefahr, mit einer Biographie ein „sozial einwandfreies Artefakt“ zu schaffen (BOURDIEU 2000BOURDIEU, Pierre. The Biographical Illusion. In: DO GAY, Paul; EVANS, Jessica; REDMAN, Peter (ed.). Identity: A Reader. Los Angeles: SAGE Publications, 2000, 297-303.: 301; BOURDIEU 1992BOURDIEU, Pierre. Les règles de l'art. Genèse et structure du champ littéraire. Paris: Seuil, 1992.) und er entwickelte den Begriff des Habitus, des materiellen, aber auch symbolischen Kapitals, um in einem neuen oder umkämpften Machtfeld einen Platz zu ergattern und sich zu positionieren. Volker Depkat (2014DEPKAT, Volker. The Challenges of Biography: European-American Reflections. Bulletin of the German Historical Institute, 55, Fall 2014, 39-48, 2014.) wiegt die Gefahr einer „biographischen Illusion“ nach Bourdieu mit den Vorteilen ab, die biographische Zugänge für das Verständnis einer bestimmten Zeit und Persönlichkeit haben. Eine Biographie muss nicht zwingend und linear das Leben einer Person erzählen, sondern kann Schwerpunkte setzen, gerade wenn die Quellenlage es erfordert.

Die Emigration bedeutete für Frischauer, Andrian und Carpeaux eine Fraktur, aber auch die Möglichkeit eines neuen Habitus, selbst wenn er, wie bei Andrian, nicht angenommen wurde. Das Verhalten der Menschen kann nach Bourdieu als eines von wirtschaftlichen Subjekten charakterisiert werden, die mit knappen Ressourcen einen maximalen Ertrag erarbeiten wollen. Das traf für Frischauer und Carpeaux zu, für Andrian aber nicht.

Der Rückwärtsgewandte: Leopold von Andrian

Leopold von Andrian, 1875 geboren und ein Enkel des deutschen Komponisten Giacomo Meyerbeer, war ein tiefgläubiger Katholik. Bis 1918 diente der Diplomat dem österreichisch-ungarischen Kaiserhaus und blieb habsburgtreu bis zu seinem Tod. Von Juli 1902 bis zum Februar 1905 war er als Legationssekretär der österreichisch- ungarischen Botschaft in Rio de Janeiro zugeteilt.

Bis heute ist Andrian vor allem als bester Freund des Schriftstellers Hugo von Hofmannsthal und als Autor des homoerotischen und autobiographischen Romans Der Garten der Erkenntnis (1985) bekannt. In einer Ausgabe der Revista Brasileira der Academia Brasileira de Letras aus dem Jahr 200, nannte der Poet Ivan Junqueira Leopold von Andrian neben Hugo von Hofmannsthal und Richard Beer-Hofmann zu Recht als Beispiel für den „decadentismo austríaco“ (JUNQUEIRA 2002JUNQUEIRA, Ivan. Simbolismo: origens e irradicação internacional. Revista Brasileira, Fase VII, Ano VIII, n. 30, 159-184, 2002.: 176).

Andrian war mit Hugo von Hofmannsthal, den er bewunderte und an dem er sich ständig maß, eng befreundet. Nach einem Frühlingsspaziergang in Wien im April 1894 notierte Andrian: „Vor ein paar Tagen in Schönbrunn mit Hofmannsthal. Der ganze Garten so unsäglich rührend. [...]. Das ist schön, diese Rolle als letzte österreichische Dichter, die wir zugleich das letzte Ausklingen der sterbenden österreichischen Cultur sind.“ (PRUTSCH; ZEYRINGER 2003PRUTSCH, Ursula; ZEYRINGER, Klaus (Hg.). Leopold von Andrian (1875-1951). Korrespondenzen, Notizen, Essays, Berichte. Wien: Böhlau Verlag, 2003.: 41). Andrians Tage- und Notizbücher spiegeln diese Freundschaft zu Hofmannsthal, die Stimmung des Fin de Siècle, die massiven Umbrüche der Moderne, die Nervosität der Jahre vor dem Ersten Weltkrieg und das Auseinanderbröckeln der österreichisch-ungarischen Monarchie verdichtet wider. Bei Leopold von Andrian äußerten sich diese Umbrüche in ständigen Selbstzweifeln, in Neurasthenie und Hypochondrie, die Arthur Schnitzler ihm als befreundeter Arzt und Schriftsteller auszutreiben versuchte.

1913 schrieb Hugo von Hofmannsthal seinem Freund Andrian weitsichtig: „Wir müssen es uns gestehen, Poldy, wir haben eine Heimat, aber kein Vaterland - an dessen Stelle nur ein Gespenst. Dass man für dieses Gespenst vielleicht einmal das Blut seiner Kinder wird hingeben müssen, ist bitter zu denken.“ „Wir haben den Krieg angefangen, nicht die Deutschen“, schrieb Andrian ein Jahr später, als der Erste Weltkrieg ausgebrochen war, in sein Tagebuch (PRUTSCH; ZEYRINGER 2003PRUTSCH, Ursula; ZEYRINGER, Klaus (Hg.). Leopold von Andrian (1875-1951). Korrespondenzen, Notizen, Essays, Berichte. Wien: Böhlau Verlag, 2003.: 474f., 477).

1918, als Österreich-Ungarn den Krieg verlor und als europäisches Imperium zerschlagen wurde, war Andrians Weltbild zerbrochen. Er schied aus dem Staatsdienst aus, schrieb mit Österreich im Prisma der Idee (1937ANDRIAN, Leopold von. Österreich im Prisma der Idee. Katechismus der Führenden. Graz: Schmidt-Dengler, 1937.) ein Buch über die Jahre zwischen 1933 und 1938, über den katholischen, diktatorisch regierten Ständestaat, der mit dem portugiesischen Estado Novo unter António Oliveira Salazar und dem Estado Novo von Getúlio Vargas einiges gemeinsam hat, wenngleich Vargas mehr auf eine künftige industrialisierte Moderne pochte als Salazar und die österreichischen Diktatoren (SENFT 2013SENFT, Gerhard. Neues vom ‚Ständestaat‘? Anmerkungen zur Wirtschaftspolitik im Austrofaschismus. In: WENNINGER, Florian; DREIDEMY, Lucile (ed.). Das Dollfuß/Schuschnigg-Regime 1933-1938. Vermessung eines Forschungsfeldes. Wien: Böhlau, 2013, 243-256.). Andrian publizierte in dieser Zeit anti-nationalsozialistische und monarchistische Essays und korrespondierte auch mit Otto von Habsburg, dem Sohn des letzten österreichischen Kaisers Karl I. Nach dem Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland am 12. März 1938 lebte Andrian abwechselnd in Frankreich, Liechtenstein und in der Schweiz.

Als Paris im Juni 1940 an die Hitlertruppen fiel, brach Andrian mit seinem Chauffeur überstürzt aus dem französischen Kurort Aix-les-Bains auf. Der privilegierte Ex-Diplomat erhielt rasch ein französisches Ausreisevisum und Transitvisa für Spanien und Portugal, während sie für das Gros der Emigranten eine risikoreiche „Tour de Force“ waren, denn die Dokumente mussten aufeinander abgestimmt sein. In Portugal, mit dessen Korporatismus Andrian sympathisierte, versuchte er zu bleiben, doch António Oliveira Salazar bot Flüchtlingen kein Asyl, selbst Anhängern des Ständestaates wie ihm nicht. Im Juli 1940 kaufte sich Andrian eine Schiffskarte nach Rio de Janeiro. Er sprach noch aus seiner Zeit als junger Diplomat Portugiesisch und hoffte auf ein paar Menschen, die ihn nach diesen 35 Jahren noch kannten. Am 19. August 1940 ging der 65-Jährige in Rio de Janeiro an Land.

Bald nach seiner Ankunft bereitete die Brasilianische Akademie für Literatur dem Diplomaten und Autor der Jahrhundertwende einen feierlichen Empfang. „Brasilien ist für mich kein unbekanntes Land“, sagte er in seiner Dankesrede,

[i]ch habe als Diplomat in lang vergangenen Zeiten meiner Jugend glückliche Jahre in Brasilien verbracht und ich habe seitdem eine Nostalgie bewahrt, die jetzt wieder gestillt ist. Ich finde, um die Gründe für meine Begeisterung zu suchen, dass Brasilien für mich eine unvergleichliche landschaftliche Schönheit ausdrückt, dazu kommt die tiefgründige großzügige und menschliche Seele des Brasilianischen und freilich noch eine andere Sache: dass es in der intellektuellen brasilianischen Elite auf natürliche Art und Weise eine bestimmte Synthese von Kunst und Wissenschaft gibt. (PRUTSCH; ZEYRINGER 2003PRUTSCH, Ursula; ZEYRINGER, Klaus (Hg.). Leopold von Andrian (1875-1951). Korrespondenzen, Notizen, Essays, Berichte. Wien: Böhlau Verlag, 2003.: 717).

Im Dezember 1940 fand Andrian eine mäßig bezahlte Arbeit als Übersetzer des Bestsellers von António da Silva Melo O homem: sua Vida, sua Educação, sua Felicidade (Der Mensch: sein Leben, seine Erziehung, sein Glück) in das Französische und Deutsche. Diese Tätigkeit war vielmehr Zeitvertreib als materielle Notwendigkeit, sie war eine Form der Selbstberuhigung. Andrian hatte durch seine englischen und amerikanischen Wertpapiere ein gutes Auskommen, doch in der Korrespondenz mit seiner französischen Frau Andrée Baronin Wimpffen, die in Nizza geblieben war, und anderen Briefpartnern kommt eine Reihe von Ängsten zum Ausdruck: die Angst, nicht mehr zurückzukehren und sogar im Exil zu sterben, die Angst, durch den Krieg materielle und ideelle Güter zu verlieren, die er bei Freunden wie dem Schweizer Diplomaten und Historiker Carl J. Burckhardt untergebracht hatte. Die tropische Natur und der intellektuelle Austausch mit Gleichgesinnten in Brasilien halfen über den politischen und realen Verlust der Heimat hinweg: „Dieses Land ist unendlich anregend, besonders: wenn man nicht so alt ist wie ich, dabei ausruhend u. gesund u. fabelhaft billig“, schrieb Andrian im Oktober 1940 noch begeistert aus Brasilien an Carl Burckhardt. Dessen Antwort wiederum reflektierte die klassischen Brasilien-Bilder, die in Europa seit dem 16. Jahrhundert verfestigt waren: „Brasilien erscheint von diesem misshandelten Kontinent aus als ein Paradies, kürzlich sah ich einen brasilianischen Jagdfilm von unsäglicher Schönheit, mit dem ganzen Zauber des Unerschlossenen, Überreichen“ (PRUTSCH; ZEYRINGER 2003PRUTSCH, Ursula; ZEYRINGER, Klaus (Hg.). Leopold von Andrian (1875-1951). Korrespondenzen, Notizen, Essays, Berichte. Wien: Böhlau Verlag, 2003.: 717-718).

Politische Inhalte verschlüsselte Andrian in seinen Briefen nach Europa nicht nur wegen der europäischen, sondern auch wegen der brasilianischen Zensur, für die das mächtige Departamento de Imprensa e Propaganda zuständig war. In einem Brief an seine Ehefrau Andrée, die seine abrupte Flucht nicht ganz verstanden hatte, verschleierte Andrian die Notwendigkeit des jähen Aufbruchs metaphernreich, in dem er das Jüdische als Krankheit und die Konzentrationslager als Sanatorien bezeichnete:

Ich wusste von vornherein und ich weiß es mittlerweile sicher durch kranke Freunde, die an derselben Krankheit leiden wie ich, wäre ich noch einmal zurückgekehrt, hätte man mich gezwungen, mich in einem dieser Sanatorien behandeln zu lassen, die sehr gut ausgestattet sind, in denen man aber trotzdem sehr rasch stirbt (PRUTSCH; ZEYRINGER 2003PRUTSCH, Ursula; ZEYRINGER, Klaus (Hg.). Leopold von Andrian (1875-1951). Korrespondenzen, Notizen, Essays, Berichte. Wien: Böhlau Verlag, 2003.: 714f.).

Obwohl er mütterlicherseits jüdisch war, hatte die jüdische Herkunft bis 1940 keine Rolle in seinem Leben gespielt. In seinem über 7400 Seiten umfassenden Nachlass, der im deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar liegt, der zahlreiche Tage- und Notizbücher enthält, ist nur diese einzige Selbsteinschätzung als „jüdisch“ enthalten.

Seine Korrespondenz mit monarchistisch gesinnten Kollegen und Freunden in den USA und der Schweiz macht deutlich, dass sich Andrian exilpolitisch betätigte. Er bemühte sich um den Abdruck von Essays in Zeitungen, Exilverlagen und -zeitschriften, argumentierte darin die Notwendigkeit, Österreich wieder zu errichten und regte ein politisch vereintes Nord- und Südtirol an, denn der südliche Teil Tirols war nach dem Ende des Ersten Weltkriegs an Italien gefallen.

Andrian hätte sich besser und rascher in die brasilianische Gesellschaft einfügen können als andere Schicksalsgenossen. Abgesehen von Portugiesisch sprach er perfekt Französisch, die Sprache der intellektuellen Eliten in Brasilien. Es war nicht ungewöhnlich, dass brasilianische Zeitschriften Artikel auf Französisch abdruckten. Aber seine Reflexionen kreisen fünf Jahre lang meist selbstreferentiell um das Scheitern der Habsburgermonarchie, seine Rolle darin und seine psychischen Befindlichkeiten. Es waren die Kernthemen und Fragen, die sein Leben begleiteten und ihn gerade im Exil ständig quälten: warum gerade er, der tiefgläubige Katholik, homosexuell war, eine Scheinehe eingegangen war, und warum er trotz selbstauferlegter Programme des Verzichts und der Disziplin die Homosexualität nicht abzulegen vermochte. Die Dokumente im Nachlass legen nahe, dass er schon als junger Legationsrat in Rio de Janeiro in den Jahren 1902 bis 1905 brasilianische Liebhaber hatte und fasziniert war vom tropisch schönen Anderen. „Du hast gewiss ganz recht, wenn Du sagst, mein gefährlichster Feind sei in mir selbst“, hatte er am 8. Mai 1903 aus Petrópolis seinem Vater geschrieben (PRUTSCH; ZEYRINGER 2003PRUTSCH, Ursula; ZEYRINGER, Klaus (Hg.). Leopold von Andrian (1875-1951). Korrespondenzen, Notizen, Essays, Berichte. Wien: Böhlau Verlag, 2003.: 136).

Im Gegensatz zu Flüchtlingen, die ums Überleben kämpften und Schriftstellern, die am de jure - und ab 1942 dann auch de facto - Verbot der deutschen Sprache litten, als Brasilien im August 1942 dem Dritten Reich und Italien den Krieg erklärte (MCCANN 2018MCCANN, Frank D. Brazil and the United States during World War II and its Aftermath. Durham/Cham/Switzerland: Palgrave Macmillan, 2018.), konnte Andrian sich selbst in einer rechten Diktatur, in der das tägliche Leben nach dem Kriegseintritt nicht billig war (CYTRYNOWICZ 2000CYTRYNOWICZ, Roney. Guerra sem Guerra. A mobilização e o cotidiano em São Paulo durante a Segunda Guerra Mundial. São Paulo: Edusp, 2000.), dem geistigen und seelischen Eskapismus hingeben. Seine Rückwärtsgewandtheit, seine Egozentrik hielt ihn vor völliger Verzweiflung zurück, wie Stefan Zweig sie quälte, der sich im Februar 1942 in Petrópolis das Leben genommen hatte. Weder kommentierte Andrian den Freitod Stefan Zweigs in Petrópolis, der die fragmentierte Gemeinde der Emigranten erschütterte, in seinen Tage- und Notizbüchern, noch kommentierte er die Innen- und Außenpolitik von Getúlio Vargas.

Während Zweig sich - abgesehen von seinem USA-Aufenthalt - in Petrópolis aufhielt, flüchtete Andrian aus dem „ewig feuchten Dampfbad“ von Rio gelegentlich in das nahe Teresópolis im Orgelgebirge, nach Poços de Caldas und Barbacena, zwei Kurorte im Bundesstaat Minas Gerais. In Barbacena, das ihn - mit der Phantasie eines von Europa Vertriebenen - ein wenig an Altaussee in der Steiermark erinnerte, traf sich Andrian gelegentlich mit dem aus Budapest stammenden Übersetzer Paulo Rónai und regelmäßig mit dem französischen Intellektuellen Georges Bernanos, der mit seiner Frau in der Nähe von Barbacena auf einem Landgut lebte. Bernanos war wie Andrian Monarchist und er war ein Anhänger der rechtskatholischen Action Française. In diesen Kreisen wurde er in Brasilien äußerst geschätzt und schrieb für mehrere Zeitungen. Den Selbstmord des Schriftstellers Stefan Zweig, den Bernanos im Gegensatz zu Andrian literarisch schätzte, konnte der Franzose nicht verstehen. Über Bernanos schrieb Andrian am 5. Juli 1942 an den Schweizer Historiker Carl Burckhardt: „[Er] ist ein Schriftsteller mit viel Talent, und gleichzeitig ein sehr mutiger Mann - aber ein sehr bizarrer Charakter, ein gläubiger Christ und ständig kritisch gegenüber jenen Repräsentanten, die er die sichtbare Kirche nennt - angefangen vom Papst“ (PRUTSCH; ZEYRINGER 2003PRUTSCH, Ursula; ZEYRINGER, Klaus (Hg.). Leopold von Andrian (1875-1951). Korrespondenzen, Notizen, Essays, Berichte. Wien: Böhlau Verlag, 2003.: 728).

Der zweifellose Höhepunkt im zurückgezogenen Exildasein war für Andrian wohl der Besuch von Erzherzog Felix, des Bruders von Otto von Habsburg, im Sommer 1941, der die kleine österreichische Monarchisten-Gemeinde versammelte, zu der auch der ehemalige österreichische Botschafter in Brasilien zählte. 1941 und 1943, als Erzherzog Felix wieder nach Rio kam, gab Ex-Botschafter Retschek ein Festessen für den Habsburger. Wie Andrian träumte auch der langjährige diplomatische Vertreter Österreichs in Brasilien, Anton Retschek, von einer Restauration der Monarchie.

Die politischen Schnittmengen zwischen dem österreichischen Ständestaat und dem brasilianischen Estado Novo begünstigten Retscheks erfolgreiche Ziele, von Diktator Vargas die Erlaubnis für die Errichtung einer offiziellen österreichischen Exilvereinigung zu bekommen. Zudem wussten Vargas und die Politische Polizei, dass Exilanten wie Leopold von Andrian, Otto Maria Carpeaux und anderen Mitgliedern des Comité de Proteção dos Interesses Austríacos no Brasil Anhänger konservativer Weltanschauungen waren, die dem Regime nützlich sein konnten oder es sogar in der demokratischen Außenwelt legitimierten. Paul Frischauer war bei weitem nicht so wertkonservativ wie Andrian und Carpeaux. Aber er fand einen spektakuläreren Weg, um als Exilant akzeptiert zu werden.

Der intellektuelle malandro: Paul Frischauer

Der Schriftsteller Paul Frischauer, 1898 geboren, kam aus dem liberalen und assimilierten Wiener Großbürgertum. Er praktizierte den jüdischen Glauben nicht mehr. In den zwanziger und dreißiger Jahren publizierte er beim Zsolnay-Verlag historische Romane, wobei sein Roman Prinz Eugen. Ein Mensch und hundert Jahre Geschichte übersetzt und auch außerhalb Österreichs positiv rezipiert wurde. Der Roman zeichnete ein komplexes Bild des europäischen Staatsmannes als belesen und gebildet, das sich bewusst von den NS-inspirierten Biographien klar distanzierte, die historischen Führerfiguren Härte, einen stählernen Blick und soldatische Tugenden gaben (FRISCHAUER 1933FRISCHAUER, Paul. Prinz Eugen. Ein Mensch und hundert Jahre Geschichte. Berlin: Paul Zsolnay Verlag, 1933.).

Anfang 1933 war Adolf Hitler Reichskanzler geworden und ließ keinen Zweifel daran, dass er Österreich anzuschließen gedachte. Der Kanzler der Ständestaatsdiktatur, Engelbert Dollfuß, und sein Kabinett, lehnten sich an das faschistische Italien Benito Mussolinis in der vergeblichen Hoffnung an, der Duce sei ein Garant für die Unabhängigkeit Österreichs. Dass Frischauer im April 1933FRISCHAUER, Paul. Prinz Eugen. Ein Mensch und hundert Jahre Geschichte. Berlin: Paul Zsolnay Verlag, 1933. eine Audienz bei Mussolini für die Bewerbung seines Prinz-Eugen-Romans erwirkte, zeigt, dass er auch nicht die Anbiederung an Diktatoren scheute, wenn es seinen Publikationen diente (PRUTSCH; ZEYRINGER 1997PRUTSCH, Ursula; ZEYRINGER, Klaus. Die Welten des Paul Frischauer. Ein „literarischer Abenteurer“ im historischen Kontext: Wien-London-Rio-New York-Wien. Wien: Böhlau Verlag, 1997.: 95). Gleichzeitig aber sah auch Frischauer in Mussolini einen Schutzherrn über sein Land, in dem die Nationalsozialisten, obgleich seit Juni 1933 in Österreich illegal, angesichts der dramatischen Arbeitslosigkeit immer mehr an Raum gewannen. Kurz davor, im Mai 1933, hatte der P.E.N-Kongress in der jugoslawischen Stadt Ragusa (heute Dubrovnik in Kroatien) stattgefunden, an dem auch Stefan Zweig teilgenommen hatte.

Federführend trat Frischauer dort für die Existenz einer österreichischen Literatur und ihre Verteidigung gegenüber einer nationalsozialistischen Vereinnahmung durch Deutschland ein. Durch den P.E.N-Kongress spaltete sich die österreichische Literaturszene in eine völkisch-nationale, an Deutschland orientierte Gruppe, und in die widerständige pro-österreichische (AMMANN 1984AMMANN, Klaus. P.E.N. Politik, Emigration, Nationalsozialismus. Ein österreichischer Schriftstellerclub. Wien: Böhlau, 1984.: 28f.).

Schon 1934 verließ Frischauer - wie Stefan Zweig - die Alpenrepublik, was damals ungewöhnlich war, blieb der Großteil der jüdischen Österreicherinnen und Österreicher bis März 1938 in ihrer Heimat, obwohl die Transformation des benachbarten Deutschlands in einer totalitären Diktatur sich praktisch vor ihren Augen abspielte. Doch sie fühlten sich viel mehr als Österreicher denn als Juden, ihre Eltern oder Großeltern hatten in der österreichisch-ungarischen Monarchie gedient. Die von den Nationalsozialisten durch die Nürnberger Rassengesetze festgelegte Definition von „Juden“ empfanden sie nicht als die ihre, ebenso wenig oder oftmals zu spät erkannten sie, dass diese für sie tödlich würde, wenn sie blieben (vgl. CLARE 2018CLARE, George. Der Letzte Walzer in Wien. Wien: Mandelbaum Verlag, 2018., vgl. GOMBRICH 1996GOMBRICH, Ernst. The Visual Arts in Vienna circa 1900. Reflections on the Jewish Catastrophe. London: The Austrian Cultural Institute, 1996.).

Paul Frischauer migrierte nach London, veröffentlichte dort Romane und arbeitete eine Zeitlang für das Joint Broadcasting Committee, eine britische Rundfunkgesellschaft, die mit öffentlichen und verdeckt ausgestrahlten Radiosendungen psychologische Kriegsführung betrieb. Dort arbeitete auch die Tochter des brasilianischen Botschafters in London, Dom Regis de Oliveira. Er soll Frischauer die Idee auseinandergesetzt haben, eine Biographie über den brasilianischen Präsidenten Getúlio Vargas zu schreiben. Das Foreign OfficePublic Record Office (PRO), Foreign Office (FO), London. sandte Frischauer Ende 1940 tatsächlich mit dem zusätzlichen Auftrag über den Atlantik, für die Briten herauszufinden, auf welcher Seite Vargas denn stünde, auf jener der Achsenmächte oder der Alliierten (PRUTSCH; ZEYRINGER 1997PRUTSCH, Ursula; ZEYRINGER, Klaus. Die Welten des Paul Frischauer. Ein „literarischer Abenteurer“ im historischen Kontext: Wien-London-Rio-New York-Wien. Wien: Böhlau Verlag, 1997.: 190f). Am 29. Dezember 1940 ging die Familie Frischauer in Rio de Janeiro an Land.

Vargas' außenpolitische Positionierung war Ende 1940 tatsächlich nicht einschätzbar. Der versierte Taktierer wollte sich alle diplomatischen Türen offenhalten und entschied sich zunächst für die Neutralität seines Landes im Weltkonflikt. Einige führende Politiker des Regimes bewunderten Hitlers Macht über die Massen, die Sozialgesetzgebung war an die Carta del Lavoro von Benito Mussolinis angelehnt. Das mächtige Propagandaministerium DIP trug die Handschrift beider europäischer Diktaturen. Der Südbrasilianer Vargas war auch vor 1937 kein besonderer Demokrat gewesen. Er hatte sich der heimischen faschistischen Bewegung der Integralisten bedient, solange er sie brauchte. 1938 wurde sie dann verboten, wie alle anderen Parteien im Land. Positivistisch geschult, hielt der Gaúcho aus Rio Grande do Sul das Modell einer Entwicklungsdiktatur für das geeignetste, um Brasilien zu modernisieren. Sein Außenminister Oswaldo Aranha war jedoch pro-amerikanisch, und Brasilien verband mit den USA - viel mehr als alle anderen lateinamerikanischen Staaten - eine lange und solide politische Allianz, die erst in den 1970er Jahren einen Tiefpunkt erleiden sollte. Ob diese panamerikanische Allianz angesichts der deutschen militärischen Erfolge des Jahres 1940 kippen würde, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar (SEITENFUS 2000SEITENFUS, Ricardo. A Entrada do Brasil na Segunda Guerra Mundial. Porto Alegre: EDIPUCRS, 2000., MOURA 1991MOURA, Gerson. Sucessos e Ilusões. Relações Internacionais no Brasil durante e após a segunda Guerra mundial. Rio de Janeiro: Editora da Fundação Getúlio Vargas, 1991., FAUSTO 2004FAUSTO, Boris. Getúlio Vargas. São Paulo: Companhia das Letras, 2004.).

Da Paul Frischauer in offiziellem Auftrag immigrierte, verlief nicht nur die Einreise problemlos. Als künftiger Biograph des obersten Regierenden erhielt er auch rasch ein permanentes Visum. Während die meisten Exilanten und Exilantinnen ab Januar 1942, als Brasilien die Beziehungen zu den Achsenmächten abbrach, jede Reise bei den Behörden beantragen mussten, genoss der künftige Biograph Bewegungsfreiheit. Wie Leopold von Andrian wurde Frischauer in die Brasilianische Akademie für Literatur eingeladen und hielt am 8. Juli 1941 einen Vortrag über die Illegalität des Anschlusses Österreichs an das Dritte Reich. Der Vortrag erschien dann zwei Jahre später im Band Panorama da Literatura Estrangeira Contemporânea (Academia Brasileira de Letras 1943ACADEMIA Brasileira de Letras (ed.). Panorama da Literatura Estrangeira Contemporânea. Rio de Janeiro: Publicações da Academia Brasileira de Letras, 1943, 97-115.: V). Auch Claudio de Souza, der brasilianische Autor und P.E.N-Club Präsident, hatte ihn eingeladen, über österreichische Literatur zu reden. „Es gibt einen Unterschied zwischen der deutschen und der österreichischen Literatur“, erklärte Frischauer und verwies auf den Kontext einer anderen Geschichte, die Österreich und Deutschland unterscheide. „Die Sprache ist nicht alles. Die Sprache ist nur ein Mittel, sie ist Material, und aus dem gleichen Marmor entsteht verschiedenartige Kunst, wenn sie nicht der gleiche Geist gezeugt hat“ (FRISCHAUER o.D.FRISCHAUER, Paul. Vortragsmanuskript über österreichische Literatur. Wien: Nachlass Gaby von Schönthan, o.D.: 97-115).

In der Literaturzeitschrift Dom Casmurro erschien Anfang 1943 ein ausführliches Porträt des künftigen Vargas-Biographen. Frischauer trug dick auf, beschrieb sich als mutiger Kämpfer im Ersten Weltkrieg, brillanter Schifahrer, Tennisspieler, Fechter und Romanautor und kündigte sein Werk über Vargas an, das damals noch O Presidente Cidadão heißen sollte. Alzira Vargas, die Tochter des Präsidenten, brachte Korrekturvorschläge ein (PRUTSCH; ZEYRINGER 1997PRUTSCH, Ursula; ZEYRINGER, Klaus. Die Welten des Paul Frischauer. Ein „literarischer Abenteurer“ im historischen Kontext: Wien-London-Rio-New York-Wien. Wien: Böhlau Verlag, 1997.: 219). Am 7. September 1943, dem brasilianischen Staatsfeiertag, kam das im Paulistaner Verlag Companhia Editora Nacional verlegte Werk Presidente Vargas auf den Markt und wurde dementsprechend medial beworben. Es machte Frischauer zu einem intellektuellen Aushängeschild des Regimes.

Ein Grundthema der Frischauerschen Hagiographie stellt Vargas' Kampf gegen den Nationalsozialismus, den Kommunismus und für die Demokratie dar. Dabei zieht Frischauer seinen Landsmann, den österreichischen Bundeskanzler Dollfuß, als Vergleichsgröße heran. Dollfuß, der im März 1933 das Parlament außer Kraft setzen und im Juni die Kommunistische Partei und die NSDAP verbieten ließ, gab im Februar 1934 den Befehl, einen Aufstand von sozialdemokratischen Milizen gegen die Regierung niederzuschlagen. In der Folge wurde die Sozialdemokratische Partei verboten.

Dieser „größte Feind des Nationalsozialismus“, wie Frischauer den Kanzler Dollfuß bezeichnete, war am 25. Juli 1934 einem NS-Putsch zum Opfer gefallen. Dollfuß galt in christlich-konservativen Kreisen forthin als erstes, prominentes NS-Opfer in Europa. Von ihnen wurde er zum Märtyrer hochstilisiert (DREIDEMY 2014DREIDEMY, Lucile. Der Dollfuß-Mythos. Eine Biographie des Posthumen. Wien: Molden Verlag, 2014.), während die Sozialdemokratie ihn gerade auch wegen des Februar-Aufstandes als „Arbeitermörder“ verachtete, schließlich hatte Dollfuß, wie Vargas 1935, alle linksliberalen und linken Parteien ausgeschaltet. Trotzdem wertete Frischauer es als historische Ungerechtigkeit, dass Getúlio Vargas, der denselben Feind bekämpfe wie Dollfuß, international attackiert worden sei, als Vargas im November 1937 das Parlament außer Kraft gesetzt habe.

So wie Dollfuß im Februar 1934, etwa sechs Monate vor seiner Ermordung durch die Nationalsozialisten, einen Putsch der Linken unterdrückt hatte, ließ Getúlio Vargas 1935 einen kommunistischen Putsch scheitern. Dollfuß wurde in den Monaten nach dem Februarputsch in Österreich bis zu seinem Tod das Objekt einer seltsamen „Einheits- Front“, deren Hintergrund man erst einige Jahre später aufdeckte. Ganz ähnlich wurde Getúlio Vargas von 1935 an das Objekt heftiger Attacken derselben „Einheitsfront“, in der Kommunisten und Nationalsozialisten sich die Hand gaben (FRISCHAUER 1943FRISCHAUER, Paulo. Presidente Vargas. São Paulo: Companhia Nacional, 1943.: 13).

Frischauers Geschichtsklitterung steht im Dienste einer Rechtfertigungsstrategie, die glauben lassen will, dass Faschismus nur durch einen „starken Staat“ zu bekämpfen sei. Dies dachten damals freilich auch die Ständestaatstheoretiker Leopold von Andrian und Otto Maria Carpeaux. In Frischauers Werk wird Vargas als hehrer panamerikanischer Kämpfer gegen die europäischen totalitären Mächte beschrieben. Brasilien ist - wie bei Stefan Zweig und Gilberto Freyre - ein „Land ohne Rassenunterschiede“, und Vargas ein Mann aus dem Volke, „einer von uns“. Seine Persönlichkeit hebe sich durch Intellekt, Umsichtigkeit, scharfe Beobachtungsgabe, Geduld und Raisonnement von anderen ab und sei deshalb außergewöhnlich. Vargas‘ Gesten seien bedächtig und überlegt, seine Augen durchdringend, das Kinn sei energisch, sein Blick beruhigend, beschrieb Frischauer den brasilianischen Präsidenten (FRISCHAUER 1943FRISCHAUER, Paulo. Presidente Vargas. São Paulo: Companhia Nacional, 1943.: 22f.)

Mit dieser Beschreibung knüpft Frischauer an Prinz Eugen an, den er in seinem Roman im Jahr 1933FRISCHAUER, Paul. Prinz Eugen. Ein Mensch und hundert Jahre Geschichte. Berlin: Paul Zsolnay Verlag, 1933. als strategische, intellektuelle Figur angelegt hatte, nicht als militaristische Führerfigur mit stahlharter Miene und eisernem Blick. Frischauers Vargas- Bild passte genau in das vom Departamento de Imprensa e Propaganda (DIP) vehikulierte Bild des Staatslenkers, der mit ruhiger Stimme und freundlichem Lächeln sein Land souverän und ohne Blutvergießen durch die geopolitische Gemengelage des Zweiten Weltkriegs führe.

Mit seiner Biographie, die auch ins Französische, Englische und Spanische übersetzt wurde, bot Frischauer - nach den Worten Leo Löwenthals - eine Soziologie für den Massenkonsum, einen wichtigen Beitrag zum institutionalisierten Vargas-Mythos (LÖWENTHAL 1980LÖWENTHAL, Leo. Literatur und Massenkultur. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1980 (= L.L. Schriften 1), 231-257.: 231-57). Dieser sollte mit den außergewöhnlichen Fähigkeiten des Diktators dessen Macht in der "Umbruchszeit" legitimieren und ihn als Erwecker eines nationalen Kollektivbewusstseins, der brasilidade, feiern. Frischauers Presidente Vargas reiht sich in die Bücher ein, die damals entstanden wie Getúlio Vargas - estadista, orador, homem de coração von Zolachio Diniz (1942) und Schulbücher wie O sorriso do Presidente (1940) und História de um menino de São Borja (1939). Alzira Vargas setzte sich beim US-State Department und seiner Subdivision Office of Inter-American Affairs von Nelson Rockefeller ein, damit das Buch auch in den USA erscheine. Sie fragte, ob US-Präsident Franklin D. Roosvelt bereit wäre, ein Vorwort zu schreiben. Doch Roosevelt lehnte ab (PRUTSCH; ZEYRINGER 1997PRUTSCH, Ursula; ZEYRINGER, Klaus. Die Welten des Paul Frischauer. Ein „literarischer Abenteurer“ im historischen Kontext: Wien-London-Rio-New York-Wien. Wien: Böhlau Verlag, 1997.: 224f.). Zwar hatte er sich mit Vargas im Januar 1943 in Natal getroffen, doch das Vorwort zu einer Biographie über einen südamerikanischen Diktator wollte er doch nicht schreiben.

Wie konnte, fragt man sich, Paul Frischauer eine derartige Hagiographie produzieren - ein Mann, der in seinen Romanen (wie jenem über Prinz Eugen) trotz Fiktionalität um ein fundiertes Geschichtsbild bemüht gewesen war. Zum einen entsprach das Vargas-Bild von Frischauer, der schon dem Dollfuß-Regime gegenüber keine Berührungsängste gekannt hatte, durchaus der gewandelten Einschätzung seitens der Alliierten. Und Brasilien war das einzige lateinamerikanische Land, das mit der Força Expedicionaria Brasileira Truppen in den Krieg schickte, damit sie in Mittelitalien gegen die Achsenmächte kämpften (MCCANN 2018MCCANN, Frank D. Brazil and the United States during World War II and its Aftermath. Durham/Cham/Switzerland: Palgrave Macmillan, 2018.). Zum Anderen konnte Frischauer erheblichen Nutzen verbuchen. Er schuf sich mit seinen vier ins Portugiesische übersetzten Romanen eine gute Position auf dem brasilianischen Buchmarkt, mit Garibaldi, heroí de dois mundos (1941), Beaumarchais. O aventureiro do século da mulher (1942), Os anos perigosos da Inglaterra (1943), mit einem Vorwort von DIP Direktor Lourival Fontes, und mit A Neve Russa (1944). Bisweilen erhielt er auch einen Platz auf dem Balkon der Macht im Palast des Diktators.

Seine zahlreichen Bekanntschaften und Freundschaften zu einflussreichen Persönlichkeiten ließen Frischauer bis in die 1950er Jahre hinein zu einem rührigen Vermittler zwischen den USA und Brasilien werden, etwa im Rahmen der Kulturprogramme des State Department. Freilich brachte ihm das auch Kritik und Spott ein, gerade in den Kreisen der Exilanten und Exilantinnen. Dazu gehörte Stefan Zweig.

Stefan Zweig hatte Frischauer zwei Tage nach dessen Ankunft in Rio im Dezember 1940 getroffen und berichtete später darüber einem gemeinsamen Freund, Robert Neumann, in London:

As to your friend Frischauer he arrived two days in Rio before I left [...] and telling me so many lies that I was disgusted. He is continuing his kind of behaviour there without any doubt, I had no liking to introduce him anywhere but he is writing as far as I know a book on the president (ZWEIG, DÖW, 7.6.1941Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW), Wien.).

Zweig begrub seinen Groll, wohl im Bedürfnis, mit Landsleuten zu reden, die ein ähnliches Schicksal hatten wie er. „Per Spass machte ich mit Frischauer eine Skizze zu einem brasilianischen Film (ohne an Realisierung zu denken)“, schrieb Zweig am 28. Oktober 1941 an Berthold Viertel (ZWEIG, LOC, Manuscript DivisionZWEIG, Stefan an Ben Huebsch, 16.1.1942, Library of Congress (LOC), Manuscript Division, the Papers of B. Huebsch, cont. 28.). Das Drehbuch thematisierte die Liebesbeziehung der Marquesa dos Santos mit dem brasilianischen Kaiser Dom Pedro I. vor dem Hintergrund der brasilianischen Unabhängigkeit. Es wurde nie verfilmt. Am 13. November 1941, drei Monate vor dem Selbstmord Zweigs, beauftragte Monteiro Lobato Frischauer und Zweig noch mit der Vermittlung einiger seiner Bücher an Verleger in die USA und gestand ihnen 25 Prozent Vermittlungsgebühr zu. Zweigs US-amerikanischer Verleger Ben Hübsch warnte Zweig noch vor Frischauers Schaumschlägerei. Doch Zweig räumte die Zweifel aus: „Frischauers cleverness has developed in astonishing proportions here. He has made himself Court-Historiographer and made comparatively better business with it than Ludwig with his biography a few years ago“, antwortete er am 16. Januar 1942, drei Wochen vor seinem Tod Huebsch (ZWEIG, LOC, Manuscript DivisionZWEIG, Stefan an Berthold Viertel, 28.10.1941, Library of Congress (LOC), Manuscript Division, The papers of B. Huebsch, cont. 28.). An Robert Neumann in London schrieb Zweig:

I see often nobody for weeks and weeks, even not your friend Frischauer whom I admire sincerely. Even here he understands to make not only money but to create himself a position, he knows so well to explore the weaknesses of men, especially of those in highest positions, he has a quick vision of actuality and advantage, I wish I could portrait him in a book as Balzac has done it with some of his similar. Perhaps I always am most impressed by those things of which I am not capable myself […] it has nothing to do with literary gifts - an acrobate, or a dancer or a famous cheater of cards (ZWEIG, DÖW, 6.1.1942ZWEIG, Stefan an Robert Neumann, 7.6.1941 und 6.1.1942, Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW), No.11.548/16.).

Die Antwort Robert Neumanns bekam Zweig nicht mehr. Frischauers malandragem konnte Zweigs Depressionen nicht aufhellen. Seine alte Ordnung, die er so brauchte, Die Welt von Gestern, war unwiederbringlich zerstört.

1944 erhielt Frischauer sogar die brasilianische Staatsbürgerschaft zuerkannt, eine Auszeichnung, die sogar Stefan Zweig verwehrt worden war. Er war zweifellos eine der schillernsten und regsten Persönlichkeiten der österreichischen Emigration in Brasilien, ein intelligenter Selbstdarsteller, der den Moment nützte und von den Exiljahren materiell und symbolisch profitierte, der sich literarisch und wissenschaftlich allerdings nie mit Stefan Zweig und Otto Maria Carpeaux messen konnte.

Als Vargas‘ Stern im Sinken war, als der Druck der heimischen demokratischen Öffentlichkeit größer wurde, die verstand, dass ein Diktator sich nicht zum „demokratischen Kämpfer“ gegen die totalitären Faschismen stilisieren konnte und die zudem an der kriegsbedingten Mangelwirtschaft litt, zog Frischauer in die USA. Im Gegensatz zu ihm und zu Andrian, der nach Europa zurückkehrte, blieb Otto Maria Carpeaux in Brasilien.

Der Brückenbauer: Otto Maria Carpeaux

Otto Maria Carpeaux, als Otto Karpfen 1900 in Wien als Sohn eines jüdischen Beamten geboren, studierte Chemie und Philosophie, konvertierte 1932 zum Katholizismus und etablierte sich zu einem der profiliertesten Theoretiker des österreichischen autoritären Ständestaates. Carpeaux rang um eine politische Ideologie, die der kleinen, dominant deutschsprachigen Republik Österreich eine neue Identität schaffen sollte, nachdem das multikulturelle Habsburgerreich mit seinem großen Wirtschaftsraum zusammengebrochen war. Deshalb befürwortete die Mehrheit der österreichischen Bevölkerung bis etwa 1930 den Anschluß an Deutschland, der allerdings durch den Friedensvertrag von 1919 in St. Germain durch die Entente (die Alliierten) verboten worden war. Die Frage, wie dieser „Rumpfstaat“ im Nachkriegseuropa überleben konnte, ob und mit welchen Argumenten dieses dominant deutschsprachige Österreich sich kulturell (wenn schon nicht sprachlich) von Deutschland unterscheiden konnte, beschäftigte Intellektuelle wie Carpeaux besonders. Er glaubte, Österreichs Identität vor allem gegenüber dem heuheidnischen NS-Regime in Deutschland zu stärken, indem er auf die Rolle Österreichs im 17. Jahrhundert verwies, als es im Kampf gegen die Türken ein Bollwerk des christlich-katholischen Abendlandes und damit gegen den Islam gewesen sei. Mauro Souza Ventura, der wohl beste Analyst der Frühwerke Carpeaux‘, schreibt dazu:

A missão europeia desempenhada pela Áustria e defendida por Karpfen [Carpeaux] em seu livro de 1935, A missão europeia da Áustria, corresponde exatamente a esta vocação geopolítica da Áustria para defender a Europa dos turcos. O equilíbrio europeu, garantido pela presença de um Estado forte e independente como fora a Áustria até a Primeira Guerra, era outro aspecto dessa “missão” (SOUZA VENTURA 2020SOUZA VENTURA, Mauro. O jornalismo político-ideológico de Otto Karpfen. Teresa. Revista da Literatura Brasileira, n. 20, 67-99, 2020. Disponível em: Disponível em: http://www.revistas.usp.br/teresa/article/download/153461/160113/ (17/05/2021).
http://www.revistas.usp.br/teresa/articl...
: 87f.)

Nach dem Anschluss 1938 konnte Karpfen/Carpeaux rechtzeitig nach Belgien fliehen und von dort 1939 nach Brasilien. Innerhalb kürzester Zeit lernte er Portugiesisch und schrieb unter seinem Pseudonym Otto Maria Carpeaux seinen ersten Artikel am 20. April 1941 für den Correio da Manhã in Rio de Janeiro. Auf den Text wurde Álvaro Lins aufmerksam und führte den Österreicher als “novo companheiro” in die Welt der intellektuellen cariocas ein:

O escritor austríaco a que estou me referindo começará a escrever amanhã no Correio da Manhã, sob o pseudônimo de Otto Maria Carpeaux. Porque conheço este escritor - sou talvez o único de seus colegas brasileiros a conhecê-lo de perto - estou certo que a sua atuação, na nossa vida literária, vai constituir um acontecimento de excepcional significação (zit. n. SOUZA VENTURA 2011SOUZA VENTURA, Mauro. Missão e Profissão: A crítica literária de Otto Maria Carpeaux. Remate de Males, v. 31, n. 1-2, 283-297, 2011.: 285).

Es folgten literaturkritische Artikel für die Revista do Brasil, O Jornal und A Manhã, alle in Rio de Janeiro und die Zeitschrift Província de São Pedro. Einige Essays erscheinen noch 1942 in A cinza do purgatório und ein Jahr später in Origens e Fins.

Bald freundete sich Carpeaux mit José Lins do Rego, Carlos Drummond de Andrade, Manuel Bandeira, Graciliano Ramos und Gilberto Freyre an und begann in der Biblioteca da Facultade Nacional de Filosofia zu arbeiten; 1944 wechselte er dann in der Bibliothek der neugegründeten Fundação Getúlio VargasFundação Getúlio Vargas, CPDOC, Rio de Janeiro.. Während Leopold von Andrian sich mit Bernanos regelmäßig in Barbacena im Kaffeehaus traf, hatte Carpeaux mit dem streitbaren Franzosen eine heftige Auseinandersetzung. In den dreißiger Jahren war Bernanos nicht frei von antisemitischem Gedankengut gewesen. Im brasilianischen Exil kritisierte Bernanos zu Unrecht, dass Carpeaux seine Sozialisation „als deutscher Jude“ konservativer Herkunft (BERNANOS 1948BERNANOS, Georges. Le drame de Conscience d‘un Juif Allemand (1944). In: BERNANOS, Georges. Le chemin de la Croix-des-ames. 5. Aufl. Paris: Galimard, 1948.: 416-21) vor brasilianischen Lesern verberge, indem Carpeaux seinen Namen französisiert habe. Carpeaux, der sich nie als „deutscher Jude“ sondern als Österreicher deutscher Sprache verstand, hatte im Dezember 1943 einen kurzen, wenig respektvollen Beitrag unter dem Titel A Morte de Romain Rolland über den Franzosen in der Revista do Brasil publiziert, in dem er die Verdienste von Rolland in Frage stelle und sein Ansehen weniger auf literarische, als auf politische Motive zurückführte.

Realmente, Romain Rolland era um escritor fraco, e era e é um homem de ideologia vaga, mistura ingênua de socialismo e pacifismo, jacobinismo e feminismo, compolitismo [sic] e utopismo. Era - horribile dictu - um pequeno burguês [...] Afinal, Rolland não parece ter sido pacifista: morto, ainda não nos deixa em paz,

schrieb Carpeaux (zit. n. PFERSMANN 2014PFERSMANN, Andréas. Otto Maria Carpeaux, Romain Rolland et le Modèle Français. Une controverse Politico-Littéraire dans le Brésil des années 1940. Remate de Males, v. 34, n. 1, 221-234, 2014.: 224). Der als Nekrolog angelegte Text rief bei den brasilianischen Intellektuellen Genolino Amado, Guilherme Figueiredo und Carlos Lacerda, vor allem aber bei Bernanos einen Sturm der Entrüstung hervor. Alvaro Lins schrieb, dass man sich nicht mehr in ein Café setzen, eine Buchhandlung besuchen, in einer Gruppe reden, eine Zeitung öffnen könne, ohne dass das Gespräch auf Otto Maria Carpeaux komme (zit. n. PFERSMANN 2014PFERSMANN, Andréas. Otto Maria Carpeaux, Romain Rolland et le Modèle Français. Une controverse Politico-Littéraire dans le Brésil des années 1940. Remate de Males, v. 34, n. 1, 221-234, 2014.: 226). Carpeaux hatte mit seinem Text auch die Frankophilie der Intellektuellen-Elite des Landes herausgefordert. Zudem lief Carpeaux nun Gefahr, auch seine Naturalisierung herauszuzögern, da eine Gruppe von Intellektuellen aus Rio sich gerade bei Getúlio Vargas für eine vorgezogene Naturalisierung eingesetzt hatte.

Es kam noch heftiger. Aufgrund von Carpeaux‘ Publikationen in den dreißiger Jahren, als er die autoritäre Kanzlerdiktatur unter Dollfuß verteidigt hatte, schrieb Mário de Andrade an Alvaro Lins am 17. April 1944: „Como influência política fachistizante não imagino que ele possa ter a menor importância, apesar da burrice inacreditável […] do granfinismo universitarista (universitarismo falso, está claro) em que ele se colocou para julgar Romain Rolland.” (PFERSMANN 2014PFERSMANN, Andréas. Otto Maria Carpeaux, Romain Rolland et le Modèle Français. Une controverse Politico-Littéraire dans le Brésil des années 1940. Remate de Males, v. 34, n. 1, 221-234, 2014.: 226). Carlos Lacerda diffamierte Carpeaux gar als „balkanischen Intellektuellen“. Daraufhin beklagte sich Carpeaux in

einem Brief an Gilberto Freyre vom 5. Juni 1944, von Autoren wie Figueiredo, Amado und Lacerda als Faschist bezeichnet zu werden.

Você deve estar informado quanto à conspiração que os senhores Genolino Amado, Carlos Lacerda e Guilherme Figueiredo montaram contra mim; sentiram-se incomodados por minha existência, e conseguiram, com a ajuda de Jorge Amado, transformar-me em ‘fascista’. Infelizmente, sei que, apesar das defesas do Álvaro e de José Lins, muita gente continua a acreditar nisso, sobretudo na província. O prejuízo não me importa, mas sinto-me profundamente ferido (zit. n. SOUZA VENTURA 2020SOUZA VENTURA, Mauro. O jornalismo político-ideológico de Otto Karpfen. Teresa. Revista da Literatura Brasileira, n. 20, 67-99, 2020. Disponível em: Disponível em: http://www.revistas.usp.br/teresa/article/download/153461/160113/ (17/05/2021).
http://www.revistas.usp.br/teresa/articl...
: 285).

Alvaro Lins sah sich nun genötigt, seinen Freund Carpeaux zu verteidigen. Im Correio da Manhã vom 7. Mai 1944 schrieb er, dass Carpeaux Dollfuß ja deshalb verteidigt hätte, weil dieser gegen Hitler gekämpft habe. Damit verwendete Lins das Argument, das Paul Frischauer in seiner Biographie Presidente Vargas nutzte.

1944 übertrug die Vargas-Regierung - wie Frischauer - dann aber doch dem von Carlos Drummond de Andrade und anderen Brasilianern beschützten Carpeaux die Staatsbürgerschaft. Zwischen 1946 und 1953 publizierte Carpeaux über 100 Artikel im Suplemento Letras e Artes zu Literatur, Kultur, Musik und Politik und einige Monographien wie a Pequena Bibliografia Crítica da Literatura Brasileira (1949), Uma Nova História da Musica (1958), A Literatura Alemã (1964) und die monumentale História da Literatura Ocidental, die er zwischen 1959 und 1966 verfasste. Abgesehen von dem bis dahin in Brasilien kaum bekannten Hugo von Hofmannsthal widmete Carpeaux dem geborenen Österreicher und späteren Tschechen Franz Kafka (ZEYRINGER; GOLLNER 2019ZEYRINGER, Klaus; GOLLNER, Helmut. Áustria, uma história literaria. Tradução e adaptação Ruth Bohunovsky. Curitiba: Editora UFPR, 2019.) zahlreiche Texte. Damit gehörte Carpeaux zu den ersten Literaturwissenschaftlern, der Kafkas Werke in portugiesischer Sprache kommentierte, etwa in A Cinza de Purgatorio von 1942. Ivan Junqueira, ein Mitarbeiter und Freund von Carpeaux in den 1950er und 1960er Jahren, betonte in seiner Monographie, wie stark der Einfluss des Ex-Österreichers auf eine Generation künftiger brasilianischer Intellektueller gewesen sei (JUNQUEIRA 2005JUNQUEIRA, Ivan. Mestre Carpeaux. In: Ensaios Reunidos, Vol. II (1946 - 1971). Rio de Janeiro: Topbooks, 2005.: 24).

Resümee

Nach fünfjährigem Exil kehrte Leopold von Andrian Ende August 1945 per Flugzeug nach Europa zurück. Zwei Monate musste er in Portugal verbringen, bis er die nötigen Papiere zur Weiterreise erhielt. Erst im Dezember desselben Jahres traf er in Nizza ein. Nach Österreich kam er erst wieder 1950, ein Jahr vor seinem Tod. Es war ihm in dieser Zeit bürokratischer Mühen gelungen, die Familienvilla in Altaussee restituiert zu erhalten.

Frischauer hingegen migrierte 1945 in die USA, als Vargas' Stern im Sinken begriffen war. Frischauer lebte mehrere Jahre in den USA, versuchte sich als Drehbuchautor in Hollywood, schrieb Romane und kehrte schließlich 1958 nach Österreich zurück, wo er einige populärhistorische Bestseller veröffentlichte. Mit seiner vierten Ehefrau Gaby von SchönthanNachlass Gaby von Schönthan, Wien. zog er in eine Villa in Schönbrunner Gelb im Wiener Gemeindebezirk Penzing. 1977 verstarb Paul Frischauer in seiner Heimatstadt.

Carpeaux erlebte in Rio den von den USA unterstützten Putsch der Militärs im Jahr 1964 mit. Bis Juni 1965 veröffentlichte er im Correio da Manhã eine Reihe von Artikeln über internationale Politik. Ein Text, A batalha da América Latina, enthält eine Reflexion über US-amerikanische Interventionen seit der Monroe Doktrin. Weil er einen Text über den Internationalen Währungsfonds zum Thema „FMI: fome e miséria schrieb, wurde er von der Bundespolizei befragt (BOSI 2013BOSI, Alfredo. Relendo Carpeaux. Estudos Avançados, v. 27, n. 78, 279-290, 2013. Disponível em: Disponível em: https://www.scielo.br/scielo.php?pid=S0103-40142013000200018&script=sci_abstract (17/05/2021).
https://www.scielo.br/scielo.php?pid=S01...
: 7). In den folgenden Jahren bis zu seinem Tod im Jahr 1978 bewältigte Carpeaux eine permanente journalistische Gradwanderung zwischen Sprachverbot und -erlaubnis, indem er über internationale Themen und vergangene Diktaturen schrieb, die als deutliche Anspielung auf brasilianische Themen verstanden werden konnten. Er verwendete dabei eine Sprache, die er linguagem esópica nannte (GOMES SILVA 2019GOMES SILVA, Eduardo. O frentismo cultural e a resistência à ditadura militar brasileira. Os exemplos-limite do Correio da Manhã e de Otto Maria Carpeaux. Diálogos, v. 23, n. 1, 213-239, 2019.). Dass er immer wieder auf die Diktatur Adolf Hitlers verwies, liegt angesichts seiner Biographie auf der Hand.

Während Leopold von Andrian im Exil meist ängstlich bemüht war, seinen Namen in politischen Zusammenhängen öffentlich nicht aufscheinen zu lassen, und die Zukunft als Restauration des lange Vergangenen erträumte, scheute der viel jüngere Frischauer weder das Rampenlicht noch die Neuorientierung. Der P.E.N. Kongreß in Ragusa 1933FRISCHAUER, Paul. Prinz Eugen. Ein Mensch und hundert Jahre Geschichte. Berlin: Paul Zsolnay Verlag, 1933. hatte ihm eine Positionierung auf der Seite jener Autoren bedeutet, die den völkisch gewordenen P.E.N-Club verlassen hatten. Im Exil erwies er dem Vargas-Regime als Hagiograph einen guten Dienst und machte für eine eigenständige österreichische Literatur Werbung.

Er und Andrian entwickelten Lebensstrategien, wenn auch in unterschiedlicher Intensität, die im Spannungsfeld zwischen Durchhalten, Engagement und Arrangement zur Wirkung kamen, um zu überleben und zurückkehren zu können. Carpeaux blieb der intellektuell produktivste und der widerständigste Exilant. Weder zog er sich zurück, noch glänzte er mit Selbstdarstellung, mit malandrismo und jeitinho. Als unermüdlich harter Arbeiter und Diskutant erwarb er sich Meriten. Er war ein Brückenbauer, ein Vermittler zwischen seinem Heimatland, zwischen europäischer Literatur und Brasilien. Er wandelte sich im Gegensatz zu Andrian und Frischauer auch am stärksten, von einem Verteidiger einer Kanzlerdiktatur zu einem streitbaren Demokraten. Das Exil hat ihn sensibel gemacht für die Macht von autoritären - nicht totalitären - Diktaturen, er hatte sie in Österreich und im Brasilien von Getúlio Vargas erlebt. In Österreich hatte er sich mit dem Dollfuß- und Schuschnigg-Regime identifiziert, an das Regime von Vargas hatte er sich, weil er eine Heimat brauchte, angepaßt. In der Militärdiktatur spielte er seine intellektuellen und sprachlichen Stärken aus. Hier hatte er sich das Rüstzeug für subtilen und anhaltenden Widerstand erworben.

Archive

  • Arquivo Nacional, Rio de Janeiro, Agencia Nacional, Pasta Paul Frischauer.
  • Deutsches Literaturarchiv Marbach am Neckar, Nachlass Leopold von Andrian.
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Publication Dates

  • Publication in this collection
    13 Aug 2021
  • Date of issue
    Sep-Dec 2021

History

  • Received
    08 Jan 2021
  • Accepted
    17 Apr 2021
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